Wirst du zornig? Oder wirst du wütend? Ich vermute, wütend. Der Begriff „Zorn“ scheint mir im normalen Sprachgebrauch verschwunden zu sein. Kaum jemand, den ich während der Recherche befragt habe (nichtrepräsentativ 😊), benutzte „Zorn“ in Gesprächen. Anlaß für mich herauszufinden, ob es einen Unterschied in der Bedeutung zwischen beiden Worten gibt.

Warum Zorn heilig sein kann, Wut aber nicht.

Gleich vorab, ja, es gibt einen Bedeutungsunterschied zwischen Wut und Zorn. Wieder geben die althochdeutschen Bezeichnungen die ersten Hinweise. Das althochdeutsche „wuot“ ist mit Raserei und Wildheit zu übersetzen, das althochdeutsche „turna“ eher mit Zwietracht und Zerrissenheit.

Der wildere, explosivere Begriff ist offenbar Wut. Zorn scheint eher kontrollierbar als Wut und bezieht sich auch auf längerfristige Zustände. So ist ein zorniger Mensch jemand, bei dem Zorn zum Persönlichkeitsmerkmal geworden ist. Auch kann Zorn lange schwelen. Zorn bezieht sich vor allem auf das Verhalten von Menschen, während Wut sich auf nahezu alles beziehen kann.

So kann man Wut sogar für nichtemotionale Themen benutzen, wie zum Beispiel in „Putzwut“ oder „Sammelwut“. Zudem kann der Sturm wüten oder die Inflation. In keinem dieser Fälle könnten wir „Wut“ durch „Zorn“ ersetzen. Allerdings kann das langfristige Gefühl von Zorn in einem Wutanfall explodieren. Die explosive Kraft von Wut erkennen wir auch daran, dass wir „Wut“ steigern können zu „Sauwut“ oder „Stinkwut“, was ebenfalls mit „Zorn“ nicht funktioniert. Insgesamt beziehen wir offensichtlich Wut eher auf Gefühl des Unbehagens, während wir Zorn eher mit Dingen verbinden, die Regelverletzungen durch andere bedeuten.

In anderen Sprachen merkt man diesen Unterschied noch deutlicher als im deutschen. Das lateinische Wort für „Wut“ ist „furor“, was Raserei oder Wahnsinn bedeutet, dass französische und englische „rage“ bezeichnet eine extrem heftige Emotion. Das lateinische „ira“ hingegen steht eher für Verbitterung, die französischen und englischen Entsprechungen sind deutlich milder und meinen eher „Ärger“.

Dieser Fokus von Zorn auf Regelverletzungen ist wohl die Grundlage für den sogenannten „heiligen Zorn“. Mit dem straft Gott nicht nur die Ungläubigen, sondern mit dem wird auch in seinem Namen Unheiliges bekämpft und vernichtet. Denn – so die Bibel – Zorn ist dann gerechtfertigt, wenn er durch reales Unrecht hervorgerufen wird. Dann ist er ein Mittel zur Bekämpfung des Bösen und als solches verletzt er die christliche Regel der Sanftmut und Liebe nicht.

Also müsste die Todsünde wohl eher Wut als Zorn heißen? Schaut man in die Bibel, ist augenscheinlich beides gemeint, denn sowohl schwelender Zorn, der Menschen verbittert und zu egoistischem Verhalten führt, wie auch explosives Wüten sind Eigenschaften, die den christlichen Vorstellungen von Sanftmut und Nächstenliebe diametral entgegenstehen. Also lassen wir Zorn einfach als Synonym für Wut und Zorn als Todsünde stehen.

Was in unserem Gehirn abläuft, wenn wir wütend (oder zornig – die Neurowissenschaft unterscheidet da nicht) werden.

Zorn und Wut werden wie jede Emotion im limbischen System erzeugt. Das limbische System ist der Teil unseres Gehirns, der sehr alt und in jedem Säugetier vorhanden ist. Dieser Teil unseres Gehirns ist für Emotionsverarbeitung, Lernen und die Speicherung von Gedächtnisinhalten verantwortlich. Alles, was in diesem Teil unseres Gehirns geschieht, wird uns erst bewusst, wenn die hier verarbeiteten Informationen ihren Weg in die Hirnrinde finden. Daher werden in der Neurowissenschaft auch Emotionen und Gefühle unterschieden.

Emotionen entstehen, wenn du siehst, dass der Nachbar in der Mittagspause den Rasenmäher anwirft.

Was deine Augen in diesem Moment wahrnehmen geht unmittelbar in den Mandelkern. Aus diesem wird der Aufruf zu Wut in den Hirnstamm und den Thalamus gesendet. Den Blutdruck steigt und dir wird heiß. Aus dem Thalamus läuft gleichzeitig deutlich langsamer die Informationen Richtung Hirnrinde, in der du dann die Situation bewertest. Erst die Einbeziehung des präfrontalen Kortex sichert, dass diese Emotion in ein Gesamtbild eingeordnet wird, so dass erst dann eine bewusste Handlung entsteht.

Je nach den dich prägenden Genen und Entwicklungsbedingungen wirst du dich erst jetzt bewusst dafür entscheiden, ob du dem nun bewussten Gefühl der Wut folgst, rausgehst und dem Nachbarn auf die Nase haust oder tief durchatmest und ihn sein Ding machen lässt.

Wie wenig wir den ersten Teil dieser Reaktion, also die Entstehung der Emotionen, beeinflussen können, hat die Wissenschaft an Patienten mit Spinnenphobie (zum Glück nicht an mir!) festgestellt.

Menschen mit Angst vor Spinnen haben einen Mandelkern, der beim Anblick einer Spinne „Gefahr“ schreit und den Befehl „Flucht“, „Angriff (Schreien) oder „totstellen“ an den Thalamus sendet. Sobald die Informationen in der Hirnrinde angekommen ist, entscheidet sich ein solcher Patient aufgrund seiner Erfahrung mit Spinnen bewusst für eine der oben genannten Strategien. Nach einer erfolgreich absolvierten Verhaltenstherapie ist der erste Teil des Prozesses nicht verändert, allerdings haben die Patienten gelernt, den präfrontalen Cortex zu stärken und mit diesem eine Neubewertung der Gesamtsituation vorzunehmen, so dass sie nun entspannt mit der Spinne umgehen können.

Wieso wir uns mit dem Gefühl von Wut oder Zorn auseinandersetzen sollten.

Nur die bewusste Wahrnehmung erlaubt uns auch eine bewusste Verarbeitung unserer Gefühle, weswegen es wichtig ist, sich des Gefühls von Wut und Zorn bewußt zu werden und versuchen, die Ursachen herauszufinden. Das gestaltet sich dann besonders schwierig, wenn wir auf Außenreize reagieren, die nur so kurz sind, daß sie unserer bewußten Wahrnehmung entgehen, jedoch trotzdem die entsprechenden Emotionen in uns auslösen.

Mehr darüber habe ich in meinem letzten Blog geschrieben.(Warum du nicht alles glauben solltest und wieso du es doch manchmal tust.)

Das ist deshalb wichtig, weil wir die Welt so wahrnehmen, wie wir uns fühlen. Zahlreiche Versuche belegen das. So hat man zum Beispiel Menschen in einem Test gebeten, in sich das Gefühl Wut in sich wachzurufen. Noch in diesem Gefühl hatten sie über die Regelverstöße und Vergehen anderer zu urteilen. Im Gegensatz zu der Vergleichsgruppe, die in einer sachlichen Stimmungslage war, urteilten sie stark aus dem Gefühl, oft sehr streng und sogar häufig unter dem Einfluß von rassistischen und sozialen Vorurteilen. Sie urteilten in jedem Fall über die Person und nicht über die Fakten.

An der Aussage: „vor Wut den Verstand verlieren“ ist also einiges dran. Ebenso wie der Ausdruck „aus der Haut fahren“ deutlich macht, dass Menschen sich in der Wut anders als normalerweise verhalten.

Warum manche Menschen wütender werden als andere.

Nun gibt es Menschen, denen es ganz offensichtlich sehr viel schwerer fällt, in unangenehmen Situationen ruhig zu bleiben. Bei manchen muss man nur ganz bestimmte Knöpfe drücken und sie sind innerhalb eines winzigen Momentes kurz vor der Explosion. Oft fällt es diesen Menschen auch schwer, diese Wut nicht in reale aggressive Handlungen anderen gegenüber umzusetzen. Bestimmt bist du in deinem Leben auch schon mit jähzornigen Menschen konfrontiert gewesen, und hast erlebt, dass deren Verhalten bedrohlich wirken kann. Zum Glück werden die wenigsten jähzornigen Menschen tatsächlich handgreiflich.

Trotzdem könnte auch bei ihnen die Sequenz eines bestimmten Gens (des MAOA-Gens) schwächer ausgeprägt sein. Diese Sequenz ist dafür verantwortlich, bestimmte neuronale Botenstoffe abzubauen. Ist sie verändert, so werden diese Botenstoffe nicht ausreichend abgebaut, was Aggressivität und den Hang zur Gewalt zu fördern scheint. Möglicherweise geschieht das dadurch, dass durch die Steuerung des Serotoningehalts in diesem Gehirnbereich die Aktivität des präfrontalen Cortex gehemmt wird, der für die bewußten Entscheidungen zuständig ist.

Das könnte erklären, warum Frauen seltener gewalttätig sind. Denn dieses Gen sitzt auf dem X-Chromosom. Frauen haben daher die Möglichkeit, eine defekte Gensequenz auf einem X-Chromosom mit einer heilen auf dem anderen zu kompensieren.

Ein weiteres Gen, das mit der Anlage zu aggressivem Verhalten zu tun hat, ist das Gen HTR4, das auf dem 5. Chromosom liegt. Auch dieses Gen steht in Beziehung zu Serotonin – in diesem Fall ist es für die Kodierung des Serotonin-Rezeptors zuständig.

Allerdings reicht allein das Vorhandensein dieser genetischen Voraussetzungen nicht, um Menschen zu aggressiven Monstern zu machen.

Den offensichtlichsten Zusammenhang fanden die Forscher in der Kindheit der untersuchten Klienten. Erlebte Traumata wie Misshandlung, Vernachlässigung und emotionaler wie sexueller Missbrauch sind schon an sich oft Basis für Selbsthass und nach außen gerichtete Gewalt, bilden aber zusammen mit den Genveränderungen eine unheilige Allianz für eine starke Neigung zu Gewalt und Aggression.

Zudem hat Wut in aller Regel etwas mit Kontrollverlust, mit Ängsten und Unsicherheiten zu tun. Wir kennen das aus dem Tierreich – wenn Tiere in die Ecke gedrängt werden, beißen sie auch um sich. Und genau derselbe Mechanismus veranlaßt auch Menschen in mehr oder weniger schwierigen Lebenssituationen, Aggressionen gegenüber anderen als Ventil zu benutzen. (Daß im Rahmen der Corona-Pandemie die sowieso schon ansteigende Gewalt gegenüber Kindern noch mal neue Ausmaße erreichte, ist daher aus meiner Sicht kein Wunder.)

Wie Wut trotz gesellschaftlicher Ächtung zur Grundlage für Erfolge werden konnte.

Wenn du schon einmal mit cholerischen Menschen konfrontiert worden bist, so ist es sehr wahrscheinlich, dass du sie als Chefs in deinem Beruf oder auch als rabiate Autofahrer auf dem Weg dorthin erlebt hast.

Cholerische Menschen findet man vermutlich deshalb noch immer häufig in hohen und höchsten Führungspositionen von Unternehmen, weil diese Neigung zu Wut mit Ungeduld im Finden von Lösungen, Risikobereitschaft, Entscheidungsstärke und großer Selbstsicherheit kombiniert ist. Da der Zweck jedes Wutanfalls im Grunde der Wunsch ist, die vorliegende Situation, dass vorliegende Hindernisse zu beseitigen, unabhängig davon ob es sich hierbei um ein Problem oder einen Menschen handelt, kannst du dir vorstellen, dass solche Menschen in manchen Unternehmen durchaus gefragt sind.

Um abzusichern, dass solche Menschen auch in der Lage sind, sich ihren Mitarbeitern gegenüber adäquat, also entspannt, zu verhalten, schicken asiatische Unternehmen ihre Führungskräfte für ein halbes Jahr in ein Zen-Kloster. Ich bin sicher, in Deutschland wären viele Mitarbeiter sehr glücklich, wenn das auch hier gelebte Praxis wäre.

Deshalb ist es auch kein Wunder, dass Untersuchungen zu Unfällen im Verkehr einen klaren Bezug von aggressivem Verhalten im Straßenverkehr zu hohem sozialen Status aufzeigen konnten.

Dennoch, oder gerade deshalb, ist Wut gesellschaftlich nicht akzeptiert. Das mag schon damit zusammenhängen, dass Mimik und Gestik eines wütenden Erwachsenen jedem, der kleine Kinder in der Trotzphase kennt, sehr bekannt vorkommen. Dabei haben Menschen in Befragungen zugegeben, daß Wutanfälle keine seltene Erscheinung sind, sondern dass sie selbst ein bis zweimal in der Woche Wutanfälle haben. Spannend dabei ist, dass als Grund häufig erlittenes Unrecht, vor allem in Bezug auf andere Menschen, angegeben wird. Ob es sich dabei tatsächlich immer um eher „gerechten Zorn“ als um Wut handelt, mag hier mal dahingestellt bleiben.

Evolutionär war diese Anlage auf jeden Fall sehr nützlich, denn aggressive, selbstsichere Männchen (meistens jedenfalls) sicherten sich so Futter und Paarungsmöglichkeiten. (Lustig, oder, wie wenig sich da verändert hat. 😊) Wut bei einem anderen zu erkennen, war also ebenfalls evolutionär wichtig. Deshalb hören wir Wut in der Stimme eines Menschen besser als Freude oder Furcht, und das sogar unabhängig von dem kulturellen Hintergrund des Sprechers. Sehen hingegen können wir Ärger weniger gut.

Wenn du trotzdem schauen möchtest, wie gut du im Erkennen von Emotionen bist, habe ich hier zwei Links für dich. Der erste lässt dich Emotionen bewerten, die du deutlich in den Gesichtern von Menschen erkennen kannst, der zweite hingegen konzentriert sich auf Mikroausdrücke, also nur ganz kurz auftauchende emotionale Äußerungen. (Link 1: http://www.mifor.de/kultur/anleitun.htm, Link 2: https://barbarakuster.com/onlinetest#onlinetest)

Warum du trotzdem etwas gegen deine Wut tun solltest.

Beide Mechanismen, die Menschen üblicherweise wählen, um mit Zorn umzugehen, sind gesundheitsschädlich. Wenn du ihm freien Lauf läßt, erhöhst du dein Risiko, an Herz- und Kreislaufkrankheiten wie Bluthochdruck und Herzinsuffizienz zu erkranken (und zu sterben); wenn du ihn ständig unterdrückst, läufst du in Gefahr, dich in Drogen (incl. Alkohol) oder Depressionen zu verlieren.

Wenn du jetzt schon mal irgendwo gelesen haben solltest, dass es hilfreich sein soll, die Wut rauszulassen (zum Beispiel indem du dir einen Boxsack kaufst und das Foto deines Chefs darauf pinnst), so muss ich dich enttäuschen. Studien haben ergeben, dass Teilnehmer, denen erlaubt wurde, genau mit dieser Methode ihre Wut rauszulassen, hinterher messbar wütender waren als die Teilnehmer einer Vergleichsgruppe, die einfach ruhig sitzen bleiben sollten.

Das bedeutet aber nicht, dass du nur versuchen solltest, dich zu entspannen. Da unser Bewusstsein in all diesen Situationen in der Lage ist, die Situation zu bewerten ist es wichtig, dir diese Bewertung auch bewusst zu machen. Du solltest verstehen, was hinter der Wut steht. Da Aggressionen auch auf Ängsten basieren, es ist wichtig, sich diesen zu stellen. Nicht immer ist es einfach, allein herauszufinden, was dem eigenen Wüten zu Grunde liegt, aber dafür gibt es Menschen wie mich (wie du ein Leben in Leichtigkeit und Freiheit finden kannst).

Und statt des Boxsackes ist es hilfreich, sich in einen Wald oder Park ohne viele Menschen, aber mit vielen Bäumen und zwitschernden Vögeln (also ohne Musik auf den Ohren) zu begeben und sich dort entspannt zu bewegen und bewußt so viel wie möglich von der Natur wahrzunehmen. Das ist auch und gerade im beruflichen Umfeld das Mittel der Wahl (selbst wenn wenig Grün im Umfeld ist). Nimm dein Essen und lass dein Handy auf dem Schreibtisch liegen und geh 20 Minuten einfach raus, laufe um den Block und konzentriere dich auf Himmel, Vögel, Regen und Wind. Dieser Aufenthalt im Freien ist oft gut geeignet, sich selbst aus den manchmal schwierigen Situationen zu befreien, weil du erkennst, wieviel mehr es im Leben gibt als diese eine schwierige Beziehung.

Warum Zorn und Wut auch heute noch als Sünde gelten (sollten).

Die Gründe, warum du etwas gegen deine Wut tun solltest, lassen es mich schade finden, daß die sieben Todsünden nicht mehr als festgelegter Kodex für unsere Gesellschaft gelten. Jeder, der regelmäßig vor sich hin wütet, schadet vor allem sich selbst. Er ruiniert nicht nur seine Gesundheit, sondern oft genug auch seine beruflichen und sozialen Beziehungen. Und natürlich macht er damit auch zahllosen anderen Menschen das Leben schwer. Und, Hand aufs Herz, wäre es nicht wünschenswert, wenn wir alle etwas sanftmütiger miteinander umgehen würden (natürlich, ohne Regelverletzungen ungestraft zu lassen)? Ebenso, wie es für unsere Gesellschaft hilfreich wäre, wenn wir auch die anderen Todsünden hinter uns lassen könnten.

Wenn du dir selbst also etwas Gutes tun willst, zähme deinen Zorn und ignoriere die Wütenden.

Viel Erfolg dabei wünscht wie immer

Deine Claudia