Wenn du meine letzten Blogs über Völlerei, Neid, Habgier und Zorn (Links hier: Völlerei Neid Habgier Zorn) gelesen hast, bist du sicher/hoffentlich meiner Meinung, dass diese sogenannten „Todsünden“ auch heute noch zu den wirklich unerwünschten Eigenschaften gehören. Ich fand es aber schwierig, auch Wollust als Todsünde einzuordnen. Für mich hatte das Wort nie den Beiklang von schmutzig und schändlich.  Die ersten Male, als ich in meinen Büchern auf dieses Wort stieß, stand es im Kontext mit farbenprächtig, heiß und ein bisschen verrucht, aber auch ersehnt. Damit ist es in meinem Kopf verbunden geblieben.

Positive Wortbedeutung…

Schaut man auf die Wortbedeutung, so findet man die althochdeutsche Entsprechung „willilust“ oder „wolalust“. Diese Zusammensetzung besteht aus dem schon damals vorhandenen Wort „Lust“ und einer Vorform von „wohl“. Damit war zunächst mal nur etwas gemeint, was Freude bereitet.

… aber negativer Beiklang.

Der heute häufig assoziierte negative Beiklang von Wollust hat etwas mit unerlaubt, außerhalb der Regel, übermäßig, Ekel und abwegigen Sexualpraktiken zu tun.

Zunächst einmal mußte ich also herausfinden, warum Wollust denn überhaupt auf der Liste der Todsünden gelandet ist. Und dann galt es zu bewerten, ob und inwieweit die Wollust mit Habgier, Neid, Völlerei und Zorn zu vergleichen ist.

Warum sollte Wollust überhaupt eine Sünde sein?

Um den Besitz zu sichern, …

Regelmäßiger und lustvoller Sex gehörte bei den meisten Naturvölkern und daher vermutlich auch bei unsern jagenden und sammelnden Vorfahren genauso zum Leben wie Essen und Trinken, Geborenwerden und Sterben. Das änderte sich vermutlich bereits mit der Seßhaftigkeit. Denn erstmals in unserer Geschichte hatten wir mehr Dinge in unserem Besitz, als wir auf einer langen Wanderung mit uns tragen wollten. Vor allem aber hatten wir unsere Arbeit und Energie in ein Stück Land gesteckt, hatten Tiere gezähmt und gezüchtet und wollten natürlich das alles auch unseren Nachkommen hinterlassen.

… und zwar in der väterlichen Linie.

Da Männer niemals hundertprozentig sicher sein konnten, dass das Kind ihrer Frau tatsächlich auch ihr Kind war, wurde es immer wichtiger, zu sichern, dass Frauen in der Ehe keinen außerehelichen Sex hatten. So finden sich schon in den Gesetzen des Hammurabi verschiedene Regeln zum Ehebruch der Frau. Diese wird, sofern sie dabei ertappt wird, schwer bis hin zum Tode bestraft.

Vielleicht auch, um mit der Institution Ehe Frauen vor Verarmung und Verstoßung zu schützen.

In den Gesetzen des Hammurabi ist auch eine Regel enthalten, die es der Frau ermöglicht, mit ihrer Mitgift zu ihrem Vater zurückzugehen. Bedingung war, daß nachgewiesen wurde, dass sich ihr Mann unzüchtig betragen und sie respektlos behandelt hatte. Später sicherte eine kirchlich geschlossene Ehe der Frau die finanzielle Sicherheit und den Zugang zu ihren Kindern zu. Diese Schutzklausel war offenbar nötig. Möglicherweise hätte sie sonst das Haus verlassen müssen, wenn sie aus Sicht des Hausherrn unattraktiv oder unfruchtbar (geworden) war.

Wie die Wollust als Sünde etabliert wurde.

Ähnliche Gesetze wie im Alten Orient galten auch im antiken Griechenland und in Rom. Dabei kann man aus den Texten dieser Zeiten eher den Eindruck gewinnen, dass das sexuelle Leben deutlich freier war als im späteren Christentum. Auch wenn Sexualität wie jede Körperlichkeit nicht schandbar war, wurde dennoch Ehebruch gegebenenfalls auch mit dem Tod bestraft.

Einfluß von Augustinus auf die christliche Moral

Erst mit der Entwicklung des Christentums entstand eine äußerst rigide Haltung zur Sexualität. (Auch im Islam hat sich diese rigide Haltung erst lange nach Mohammed entwickelt.)

Maßgeblich dafür verantwortlich ist der Heilige und Kirchenlehrer Augustinus, der, bevor er Christ wurde, zu den Manichäern gehörte. Manichäer verteufelten das Körperliche und predigten Askese, da ihr Ideal ein aus reinem Geist bestehender Mensch war. Diese Vorstellungen brachte Augustinus in seine christlichen Schriften ein. Für ihn war Sexualität trieb- und nicht vernunftgesteuert, und damit konnte sie nur eine Sünde sein. Notfalls davon ausgenommen war die Zeugung von Kindern.

Sex als Einfallstor für das BÖSE

Die Auflösung der Vernunft in einem rein triebgesteuerten Verhalten machte die Sexualität für die Kirche so gefährlich. Denn damit verband sich der Glaube, daß das Böse die Kontrolle über uns übernimmt, wenn wir  unserer Lust folgen. Aus ihrer Sicht war Sex DAS Einfallstor für den Teufel. Deshalb waren sexuellen Anschuldigungen in den Hexenprozessen der Inquisition der Dreh- und Angelpunkt der Anklage. (Nebenbei, so falsch haben sie da wohl nicht gelegen, denn gerade in der Spionage jeder Art – aber nicht nur dort – wird Sex zur Anwerbung und Erpressung nur zu gern benutzt. 😊)

Die hier zu Tage tretende Angst vor freier, selbstbestimmter Sexualität der Frau ist aus meiner ganz persönlichen Sicht der eigentliche unterschwellige Grund für die Verdammung der Lust zur Sünde.

Lilith als Verkörperung der sexuell freien Frau

Lilith ist die Verkörperung dieser Angst – nach der jüdischen Bibel und Schriften der Thora war sie die erste Frau Adams. Sie war aus der gleichen Erde geformt wie Adam (also gleichberechtigt). So weigerte sie sich, beim Sex immer unten zu liegen. Dieser Ungehorsam sollte nicht ungesühnt bleiben. Lilith jedoch kam den göttlichen Strafen zuvor, indem sie freiwillig das Paradies verlies und zum roten Meer zog. Dort verband sie sich mit Dämonen und wurde so zur Mutter der Dämonen. (Als solche wird sie heute üblicherweise – z.B. in Fantasy-Filmen – dargestellt.) In der christlichen Bibel ist die Geschichte – natürlich – bis auf eine kryptische Erwähnung der Lilith in Jesaja 34,14 gelöscht worden. (Obwohl der Name Lilith in meiner Familienbibel von 1910 an dieser Stelle mit Kobold übersetzt ist). (Zu Lilith kann ich dir das Buch von Antonia Langsdorf über Lilith (mehr dazu hier) wärmstens ans Herz legen.)

Bis heute hat die katholische Kirche ein grundlegendes Problem mit freier Sexualität. In der Zwischenzeit akzeptiert sie Sexualität in einer Ehe auch ohne den ausdrücklichen Wunsch zur Kinderzeugung. Denn sie mußte anerkennen, dass guter Sex dem Wohl der Ehepartner dient. Jedoch tut sie sich nach wie vor schwer mit allen sexuellen Beziehungen außerhalb der heterosexuellen Ehe.

Doch dieser rigiden Ansicht folgen in – zumindest in Mitteleuropa und Nordamerika – die wenigsten und so stellt sich noch immer die Frage nach der Wollust in unserer Zeit.

Wenn wir uns nun anschauen, wie unser heutiges Verhältnis zur Sexualität aussieht, dann gibt es aus meiner Sicht zwei wesentliche Themen, die einander bedingen und dazu führen können, daß auch heute noch die Wollust eine „Sünde“, also ein Fehlverhalten (in moralischer und körperlicher Hinsicht) sein kann.

Wieso die Scham der Ausgangspunkt für die Wollust ist.

Scham als angeborenes menschliches Verhalten.

Scham in Bezug auf Sexualität ist in gewissem Ausmaß normal. Das beginnt mit der Nacktheit. Denn offensichtlich empfinden sämtliche Menschen Scham in Bezug auf unbedeckte Sexualorgane. Und das unabhängig davon, ob sie in unserer zivilisierten Welt mehr oder weniger bedeckt herumlaufen, oder noch weitgehend nackt – wie bei zahlreichen Indigenen in tropischen Gebieten. Dabei ist unwesentlich, was genau bedeckt werden muß. Yanomami-Frauen empfinden Scham, wenn sie das einzige „Kleidungsstück“, die Schnur um ihre Bauchmitte, ablegen sollten. Du empfindest dieselbe Scham vermutlich, wenn du dich auf dem S-Bahnhof nackt ausziehen sollst. Dennoch scheinen Nacktheit und die Häufigkeit von sexuellen Kontakten miteinander in Verbindung zu stehen. So haben mehr oder weniger nackt lebende Völker wie zahlreiche Indigene im Amazonasgebiet täglich Sex.

Vielleicht hast du in meinem Sommerblog vom letzten Jahr gelesen (Link hier), daß ich vorzugsweise an FKK- Strände zum Baden fahre. Daher weiß ich, daß man auch dort selten die Körper betrachtet – höchstens heimlich – , sondern den Menschen ins Gesicht sieht. Und wenn du jetzt – wie ich – annimmst, daß Scham ein anerzogenes Verhalten ist, so muß ich mich und dich korrigieren. Kinder – auch wenn sie in einer der Nacktheit sehr aufgeschlossenen Umgebung aufwachsen – wollen ab 6 Jahren (Jungs) und spätestens ab 10 Jahren (Mädchen) auch in der eigenen Familie nicht mehr nackt gesehen werden. (Zum Glück scheint sich das später wieder zu geben – abhängig von der familiären Scham.)

Es gibt sogar Berichte, daß in einem israelischen Kibbuz die Kinder gegen die gemeinsamen Waschräume und Toiletten rebelliert haben. (Das sollten sich vielleicht mal all die Erfinder der Unisex-Toiletten ansehen!)

Gesellschaftlich anerzogene Scham.

Die angeborene Scham wird durch die Bedingungen der heutigen Zeit noch immer verstärkt, auch wenn nur noch ein kleiner Teil der Menschen konsequent der Bibel, der Thora oder dem Koran folgt. Nach der Kindheit unterliegt die Scham all den familiären und gesellschaftlichen (und damit auch den geltenden religiösen) Regeln, wofür man sich zu schämen hat. Sexuelle Handlungen an sich und in der Öffentlichkeit, Sex im Hellen und in anderen als der von der Kirche propagierten (und deswegen vielleicht so genannten) Missionarsstellung, Sex mit gleichgeschlechtlichen Partnern und weitere sexuell konnotierte Themen gehören je nach Ausprägung von Familie und Gesellschaft in aller Regel dazu.

Historisch scheint es belegt, daß Sex schon seit mehr als 100.000 Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit – wie bei den meisten Affen – stattfindet. Das Paar zieht sich stattdessen zurück oder hofft auf das Dunkel der Nacht und den Schlaf der anderen.

Exkurs: Wofür die Scham sehr nützlich war.

Sex und Nacktheit gehören dabei zusammen, so sehr, daß manche Forscher davon ausgehen, daß  die Scham und die daraus resultierende Entwicklung von Bekleidung verhinderte, daß sich Menschen nicht nur in Gedanken, sondern auch in der Tat permanent mit Sex beschäftigen, was in der Konsequenz unsere gesamte technologische und gesellschaftliche Entwicklung verhindert (oder zumindest verlangsamt) hätte.

Zudem hat die verhüllende Bekleidung vielleicht sogar dazu beigetragen, daß wir Menschen so schön geworden sind. Durch die Verhüllung des Körpers gerieten auch Körperteile in den Blickpunkt eines sexuellen Interesses (und damit der evolutionären Veränderung) wie die Weichheit von Haut an Unterarmen, zart geformte Ohrläppchen, zierliche Knöchel oder Handgelenke.

Scham in Familie…

Heute sind wir sind über alle möglichen Spielarten nackter und teilweise verhüllter Sexualität informiert, die mehr oder weniger enttabuisiert wurden. Und doch ist die Scham nicht kleiner geworden.

Gespräche mit meinen Klienten ergeben immer wieder, daß in der Familie nie oder nur verklausuliert über Sexualität gesprochen wird. Kein Wunder, daß junge Menschen zur Information dann das Internet heranziehen. Die Aufklärung konzentriert sich im Wesentlichen auf Verhütung und Freiwilligkeit – was ja unstrittig wichtig ist. Eltern wissen in der Regel selten, ob und mit wem ihre Kinder Sex haben. Viele wollen das überhaupt nicht wissen und sind dann empört, wenn sie zufällig herausfinden, das besagte Kinder keine Jungfrauen mehr sind. (Und nebenbei, noch immer finden 7% der Deutschen, daß vorehelicher Sex für Frauen (nur für die natürlich) tabu sein sollte.)

Und so lernen unsere Kinder alles über die biologischen Grundlagen und die Mechanismen der Befriedigung, nichts aber über die damit verbundenen Gefühle. Dabei ist doch das Genießen, das Lockerlassen, die Freude und die Auflösung des eigenen Ichs in der sexuellen Verbindung mit einem anderen Menschen das eigentlich Wunderbare. Wie schade!!

Stattdessen denken sie darüber nach, wie sie aussehen, wenn sie Sex haben, ob sie das „Blasen“ richtig machen, ob sie die Schmerzen beim Sex (vaginal oder oral) ansprechen sollten oder nicht, weil man sich ja nicht so anstellen soll…

…und Partnerschaft

Noch immer gelten Mädchen, die häufiger ihren Freund wechseln, als Schlampen, Jungs, die häufiger ihre Freundin wechseln, als interessant. Dahinter steht immer noch die christliche Scham über das Ausleben weiblicher Sexualität.

Scham spielt auch eine Rolle in den ehelichen Gesprächen über Sex. So viele meiner Klienten jeden Alters sprechen nicht mit ihrem Partner über das, was ihnen Freude macht, wie sie den Sex gern hätten, was sie überhaupt nicht mögen. Sie finden es peinlich, darüber zu reden. Dabei ist das im Grunde doch nichts anderes, als zu erklären, daß man lieber scharfes Essen mag als ungewürztes, daß man lieber Bier mag als Wein. Und das ohne Loslassen all der hinderlichen Gedanken Sex nie erfüllend sein wird, dessen bin ich sicher.

Wie die Scham zur Hypersexualisierung der Gesellschaft führt.

Schaut man sich an, wie schambehaftet das Denken und Handeln eines Großteils unserer Gesellschaft ist, wundert es nicht, daß man sich heimlich und allein sexuell auslebt.

Auf der einen Seite haben wir also zu viel Scham, was uns an erfüllten Beziehungen hindert. So beurteilen nur 60% der Deutschen den Sex in ihrer Beziehung als sehr gut oder gut. Auch finden die Deutschen sich selbst im Umgang mit Sexualität zu 32 % verklemmter als andere Länder.

Pornographie…

Auf der anderen Seite sind die Deutschen die eifrigsten Nutzer der Pornoseiten im Internet – mehr als 12% der Nutzungszeiten werden von deutschen Nutzern generiert – mehr als aus jedem anderen Land. Und übrigens: 70% dieses Verkehrs finden zwischen 9 und 17h, also in der Arbeitszeit, statt. Was in Gottes Namen geht in deutschen Büros und Fabriken ab?

Mit den Zahlen ist es mal wieder etwas seltsam – aber über die eigentümlichen Rechnungen, die man im Netz so findet, habe ich ja im vorletzten Artikel schon geschrieben (Link hier). Denn Pornoseitenanbieter machen angeblich einen Tagesumsatz von 12,6 Mio €, aber nur einen Jahresumsatz von 5 Mrd. Sind diese Seiten also nur an 396 Tagen online?? Man weiß es nicht. Wir wissen hingegen, daß die Umsätze von Pornhub während der Champions League oder Weltmeisterschaft um 40 % einbrechen 😊….

…und Prostitution

In bezug auf Prostitution in Deutschland kann man ebenfalls nur Vermutungen und Schätzungen anstellen. Offiziell gemeldet sind in Deutschland 40.400 Prostituierte. Aus meiner Sicht liegt man kaum falsch, wenn man die Zahl verdreifacht, um die mit Sicherheit nicht registrierten Mädchen auf dem Kinder- und Drogenstrich sowie die illegalen Prostituierten zu berücksichtigen. Da kommt man auf ca. 120.000 Prostituierte, und selbst wenn man nur durchschnittlich 5 Freier am Tag annimmt, ist man schon bei deutlich mehr als einer halben Million täglich.

600.000 Freier, die mindestens 50 €  für das Ausleben ihrer Wollust ausgeben, ergeben übers Jahr gerechnet ca. 11 Mrd. €. Wenn man dazu den Umsatz aus Porno-DVDs (der schon vor 10 Jahren bei ca. 1 Mrd. lag) und den 700 Mio aus der Internetpornographie sowie die Umsätze von Amorelie, Eis und anderen Sextoyanbietern rechnet, kann man sicher von mindestens 15-20 Mrd € im Jahr ausgehen, die die Deutschen für Sexprodukte ausgeben.

Gut, das ist deutlich weniger als die 180 Mrd für Lebensmittel, allerdings bezahlen sie für etwas, was normalerweise keiner finanziellen Aufwendung bedarf – und dann sind 15-20 Mrd. € eine Menge!

Inwieweit wir negative gesundheitliche Folgen der Hypersexualisierung beobachten können.

Sex wird dann ungesund und damit zur negtiv gemeinten „Wollust“,  wenn er entweder die Gedanken und Gefühle einer Person so vollständig beherrscht, daß für andere Aktivitäten kaum Platz ist, oder wenn er durch das Übermaß die normale Empfindungsfähigkeit beeinträchtigt. Das ist zum Beispiel der Fall bei der sogenannten „Dead Vagina“ – eine Unempfindlichkeit der Vagina für manuelle Stimulation durch Penis oder Finger. Sie entsteht durch übermäßigen Gebrauch batteriebetriebener Dildos – kann durch die Abstinenz in der Benutzung aber wiederhergestellt werden.

Aus meiner Sicht sind die psychischen Störungen in der Sexualität eine nicht zu unterschätzende Qual für die Betroffenen. Meine Beobachtung ist, daß diese oft nicht real sind, sondern sich aus der Überzeugung speisen, zu wissen, wie perfekter Sex sein sollte. Die daraus resultierende Scham, Verspannung und Ablehnung hindert aus meiner Sicht viel zu viele Menschen an einem zufriedenstellenden Sexualleben.

Daß (ungeschützter) Sex krank machen kann, muß unter dieser Überschrift auch erwähnt werden. Die Zahl der Syphilis-Fälle steigt von Jahr zu Jahr und auch die HIV-Infektionen sind noch immer nicht auf Null gesunken. Die Syphilis-Fälle sind dabei besonders unerfreulich, weil gerade in diesen Fällen die vorhandenen Antibiotika bereits häufig versagen. In unserer Gesellschaft scheint es mir persönlich sinnvoller zu sein, grundsätzlich Kondome für jede Art von Sexualkontakt zu nutzen als in Supermärkten Masken zu tragen. In einer Partnerschaft sollte man sich des anderen schon wirklich sicher sein, um darauf zu verzichten. Denn wir sind keine wirklich monogame Spezies.

Was wir zum Thema Wollust noch berücksichtigen sollten.

Unsere Species wird nämlich wissenschaftlich korrekt als gemäßigt polygam bezeichnet.

Die beiden Geschlechter der Menschen unterscheiden sich in Körpergröße, Muskelmasse, Behaarung und anderem. Allerdings fallen diese Unterschiede nicht so gewaltig aus wie die zwischen Gorillamännchen und Gorillaweibchen. Wir ähneln eher den Bonobos, die uns ansonsten auch ziemlich ähnlich sind.

Die extrem polygamen Gorillamännchen sind allerdings zwar riesig, haben aber sehr kleine Hoden. Eine hohe Samenproduktion ist für sie ja auch nicht nötig, weil sie uneingeschränkt über ihren Harem herrschen. Die extrem promiskuitiven Bonobo-Männchen hingegen haben einen sehr großen Hoden, da sie in starker sogenannter „Spermienkonkurrenz“ zu den anderen Männchen der Gruppe stehen. Entsprechend verfügen Bonobo-Weibchen auch über einen langen Genitaltrakt, um Spermien von mehreren Männchen aufnehmen zu können.

Wir sind nicht so polygam wie Gorillas und nicht so promiskuitiv wie Bonobos – sondern irgendwo dazwischen.

Menschliche Hoden sind 1,5mal größer als die von Gorillas, aber deutlich kleiner als die der Bonobos. Zudem ist der Genitaltrakt der Frau relativ kurz, so daß nicht so viel Sperma gespeichert werden kann.

Nichtsdestotrotz gehen noch immer viele Jäger- und Sammler- Kulturen davon aus, daß Sex mit mehreren Männern hintereinander wünschenswert sei, weil durch die Kombination das eventuell gezeugte Kind besonders viele positive Eigenschaften mitbekomme. Möglicherweise stärkt das auch den Gemeinsinn. Bei den Bonobos ist der Sex in der Gruppe jedenfalls auch ein wesentliches Mittel zum Abbau von Gruppenspannungen und zur Festigung des Zusammenhaltes.

Das wir alle nicht wirklich langfristig monogam leben, kann man daran erkennen, daß auch in Ländern mit dem Ideal monogamer Ehen ca. 10% der Kinder nicht dem jeweiligen Ehemann zuzuordnen sind.

Wir versuchen also permanent einen Spagat zwischen unserer biologischen Anlage und unserer mentalen Überzeugung – die Monogamie nach wie vor als Nonplusultra der Paarbeziehung betrachtet – hinzubekommen. Ein weiterer Grund für die Scham (auszusprechen, daß es einem nach anderen Sexualpartnern gelüstet) und die Nutzung kommerzieller Sexangebote.

Was ist also aus meiner Sicht Wollust heute?

Ich kann also Wollust als Fehlverhalten betrachten. Doch dann verstehe ich darunter ein gerade nicht lustvolles Sexualleben. Ich sehe eine permanente Beschäftigung mit sexuellen Themen, jedoch ohne eine tiefe und glückliche Befriedigung. Ich betrachte ein Sexualleben, das jenseits der individuellen Bedürfnisse abläuft, als falsch. Ein Leben, in dem man aus Scham die eigenen Wünsche nicht formuliert. Ein Leben, in dem man auch die intimste Handlung zwischen zwei Menschen der Konformität gegenüber der Gesellschaft und ihren Regeln unterwirft. (Über unseren Konformitätsdrang habe ich mich ja bereits im Juni ausgelassen – Link hier). Ein Sexualleben, daß aus diesem Grund die eigenen Wünsche durch kommerzielle Angebote oder durch oberflächliche soziale Kontakte versucht abzufangen und dabei weder Genuß verspürt noch Maß hält.

Fazit:

 Mit Aristoteles kann ich zum Thema Wollust nur sagen: „Wer jede Lust genießt und auf keine verzichten kann, wird zuchtlos, wer aber jede meidet, wie die Griesgrämigen, wird stumpfsinnig.“

Das sollte unsere Gesellschaft, die ich im Internet so treffend mit „oversexed but underfucked“ beschrieben fand, überdenken. Der heutige Zustand ist nämlich weder gesund noch der Entwicklung der Gesellschaft zuträglich. Die positiven gesundheitlichen Effekte (underfucked) sind zu selten. Und die ständige Beschäftigung mit dem Thema (oversexed) verhindert die Konzentration auf die eigentlich wichtigen Themen unserer Gegenwart.

In der Hoffnung, dich zu interessanten Gesprächen über deine Sexualität angeregt zu haben, verbleiben ich wie immer

Deine Claudia