Vier Bedingungen, mit der Sie Ihre Zukunft der Arbeit verändern können! Zurück

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04.18

Gestern schickte mir mein lieber Ex-Mann den Link zu einem Interview mit Frau Evi Hartmann im Handelsblatt (Link zum Interview), der den Titel trägt: „Die Pseudo-Elite ist die schlimmste Kategorie der Leistungsverweigerer.“ Ja, so steht es da wirklich. Quintessenz des Interviews ist: Unsere Gesellschaft, die vor zahlreichen Herausforderungen steht, kommt mit 2/3 Leistungsverweigerern im Job nicht weiter. Diese Leistungsverweigerung resultiert zum einen aus der menschlichen Bequemlichkeit, mangelnder Selbstreflektion und Ängstlichkeit. Zum anderen aus einem gesellschaftlichen Klima, in dem der Ausgleich zur Arbeit „ein unverhältnismäßig großer Anteil“ zugedacht wird. Eine schöne Auseinandersetzung mit den Inhalten des Artikels liefert Evi Follmann auf Edition F (Link zum Artikel) mit „Ihr wollt neben dem Job noch ein Privatleben? Das ist Leistungsverweigerung“.

Mir ist es wichtig, einmal aus psychotherapeutischer Sicht die Aspekte darzulegen, die heute bei der Arbeit mitzudenken sind. Denn meine Patienten kommen, weil verschiedene Aspekte der Arbeit, unter anderem ihre eigene extrem hohe Leistungsbereitschaft, sie in einen Zustand gebracht haben, der Krankheit entspricht oder dem nahe kommt.

Vorab: Arbeit ist mehr als Erwerbstätigkeit.

Im philosophischen Sinn ist Arbeit „bewußtes schöpferisches Handeln des Menschen“. Das wird leider allzu oft vergessen, denn in der Regel wird unter Arbeit nur Erwerbstätigkeit gedacht. Also die Arbeit, mit deren Entgelt das Leben finanziert wird. Unter Arbeit im philosophischen Sinn fällt hingegen m.E. Kindererziehung und Altenpflege ebenso wie die Verschönerung des Gartens und der Wohnung.

Inwieweit stupide und körperlich anstrengende Tätigkeiten wie Arbeit an einem Produktionsband, Straßenbau oder Möbeltransport den Adjektiven bewußt und schöpferisch gerecht werden, wird davon abhängen, welchen Sinn der Einzelne dieser Aufgabe neben dem Unterhaltserwerb beimißt. Und um es ganz klar zu formulieren: zu schöpferisch zählen keinesfalls – schon wegen der Verneinung von schöpfen – sämtliche vernichtenden Tätigkeiten wie töten und stehlen, das schließt auch das Töten in Kriegen ein.

Erste Bedingung: Selbstreflektion und gleiche Wertschätzung für unterschiedliche Aufgaben ist die Basis für Respekt und Anerkennung.

Ich möchte hier nicht all die Studien erwähnen, die immer wieder – und das schon seit Jahren – deutlich machen, dass jeder, der einer Erwerbstätigkeit nachgeht, dafür geachtet werden möchte. Im Sinn der oben genannte Definition von Arbeit möchte ich es aber weiter fassen. Es ist nämlich egal, ob es eine bezahlte oder eine unbezahlte Arbeit ist, die man übernommen hat.

Und wenn auch in vielen Unternehmen mittlerweile in Mitarbeiterbefragungen gemessen werden kann, inwieweit die Führungskräfte ihren Mitarbeitern Respekt und Wertschätzung zollen (und es oft trotzdem nicht tun), so trifft das auf die Heerscharen unbezahlt tätiger Menschen noch lange nicht zu. Eine Grundbedingung für Respekt und Wertschätzung ist nämlich – und das gilt für Unternehmen, Gemeinschaften und Familien gleichermaßen – dass man der Arbeit (also dem bewußten schöpferischen Handeln) des Anderen denselben Wert beimißt wie der Eigenen.

Denn nur auf einer solchen Basis kann echte Wertschätzung gedeihen. Ist die Führungskraft nämlich der Meinung, dass ohne seine Arbeit die der anderen für die Katz ist, oder der Familienvater, dass seine Arbeit (weil gut bezahlt) natürlich mehr wert ist als die Erziehungs-, Hausarbeits- und Pflegearbeit der Ehefrau, der kann zwar herablassend die Schulter der Betreffenden klopfen, aber keine echte Wertschätzung vermittelt werden.

Das gilt übrigens auch anders herum. Ist der Mitarbeiter der Meinung, dass ohne den Chef die Arbeit besser liefe oder die Ehefrau und Mutter, dass der hochbezahlte Manager ohne sie völlig am A…. wäre, der wird sich ebenfalls keine Achtung und kein Respekt einstellen.

Fähigkeiten richtig einschätzen

Weiterhin spielt für die Wertschätzung und den Respekt die Einschätzung der vorhandenen Fähigkeiten eine wesentliche Rolle. Im Zweifel verdient sicher immer der mehr Respekt, der sich für die Erfüllung einer Aufgabe mehr strecken muss. Denn er erfüllt nicht nur die gestellte Aufgabe, sondern arbeitet zugleich an seinem persönlichen Wachstum.

Natürlich kann das bedeuten, jemanden mehr zu loben als einen anderen, obwohl das Ergebnis nicht so gut ist. Dafür wiederum ist es nötig, jeden Menschen genau anzusehen und auf der Basis der gleichen Wertigkeit unterschiedlicher Aufgaben Bemühen und Leistung unterschiedlich zu bewerten. Und das wiederum bedingt eine Selbstreflektion jedes Wertenden. Denn nur, wenn man die eigenen Wertmaßstäbe und Fähigkeiten reflektiert, ist eine einigermaßen vorurteilsfreie Bewertung möglich.

Zweite Bedingung: Erziehung der Kinder und soziale Verbindungen sind wesentlicher Baustein einer Gesellschaft.

Grundlage einer Gesellschaft ist die nachwachsende Generation und der soziale Zusammenhalt in der Gesellschaft. Dieser wird – Gott sei Dank – nicht über Leistung definiert. Sämtlicher meiner Klienten klagen über zu wenig Zeit, die sie mit ihren Kindern und ihren Freunden verbringen können. Klischeegerecht klagen jedoch die Väter mehr, weil sie – auch nach der Statistik in meiner Praxis – überdurchschnittlich häufig den Großteil des Lebensunterhalts durch abhängige oder selbständige Erwerbsarbeit erwirtschaften.

Die meisten klagen ebenso über die eigenen Eltern, deren Anwesenheit (gerade der Väter) sie häufig vermisst haben. Oder deren körperliche Anwesenheit durch geistige Abwesenheit geprägt war. Liebevoll zugewandte Eltern, die Heranwachsende in ihren Sorgen und Nöten begleiten und nicht nur Anforderungen an Leistungen stellen, sind leider selten geworden. (Nebenbei bemerkt glaube ich, dass Kinder wie die von Frau Hartmann, die die eigene Mutter nur mal beim Abendbrot treffen – welches dann um 20.00h sowieso zu spät für eine positive körperliche Entwicklung eingenommen wird – später genau über diese Abwesenheit klagen.)

Elterliche Zuwendung als Grundlage für gesunde Entwicklung

Hier können Sie schön den Bogen zum ersten Abschnitt (und zu meinen Blogs über die Gleichberechtigung) schlagen: Da familiäre Kindererziehung nicht den gleichen Stellenwert und damit den gleichen Respekt genießt wie Erwerbsarbeit, sind in vielen Familien beide Eltern voll berufstätig. Bei einer 40h-Woche bleibt somit wenig Zeit für die Kinder und die Familie. Elterliche Zuwendung und Nähe ist aber immer noch die Grundlage für die psychisch gesunde Entwicklung von Kindern.

Einen (schrecklichen!) Versuch hat dazu in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts der US-Psychologe Harry Harlow unternommen (Link zum Film). Er hat neugeborene Affenbabys mit einer mechanischen Füttermutter und einer kuscheligen Stoffmutter ausgestattet. Die Babys suchten bei Gefahr und auch in der Zeit der Ruhe immer die Kuschelmutter auf. Und das, obwohl es dort nie Futter gab. Heute ist es – nach langen Jahrzehnten anderslautender Erziehungskonzepte – wieder richtig, Kindern sichere Bindung, Zuwendung und bedingungslose Liebe zu gewähren.

Anwesenheit ist dafür eine unabdingbare Grundlage. Reflektion der eigenen Familiensituation und Überlegungen zur Gestaltung eben dieser Bedingungen für die eigenen Kinder ist wiederum in der Hand jedes Einzelnen. Vielleicht auch ohne dass die Gesellschaft bereits die Voraussetzungen für diese Gestaltung geschaffen hat. Das trifft ebenso auf unsere Verbindungen zu anderen Menschen zu. Denn auch die Pflege von Beziehungen benötigt Anwesenheit, Zugewandtheit und Verbindung.

Dritte Bedingung: Körperliche, geistige und seelische Gesundheit sind Vorbedingung für jede Arbeit.

Ich persönlich glaube, dass sich eine Gesellschaft aus körperlich, geistig und seelisch gesunden Menschen, für die Bewußtsein und Schöpferkraft in bezug auf Arbeit eine größere Rolle spielen als Leistungsbereitschaft, intellektuell und sozial schneller und besser weiterentwickelt. Die ständige Leistungsbereitschaft und die Unfähigkeit, „Nein“ zu Forderungen anderer zu sagen, ist der Grund für die körperlichen, geistigen und oft auch seelischen Schwierigkeiten meiner Patienten.

Da nicht nur ich, sondern immer mehr Therapeuten mit psychischen Problemen von Menschen konfrontiert werden, die mit dem Arbeitsumfeld zusammenhängen, scheint das nicht die absolute Minderheit zu sein. Zumal man in Deutschland erst zur Therapie geht, wenn schon Krankheit oder mindestens Krankheitsgefühl vorhanden ist.

Eigene Grenzen und eigene Leistungsfähigkeit erkennen

Ausdrücklich gilt das auch für die ganz jungen Menschen, mit denen ich arbeite. Auch diese kommen nicht wegen mangelnder Leistungsbereitschaft. Sondern wegen Überforderung durch all die Anforderungen, die Familie, Gesellschaft und das eigene Ich an sie stellen. Ich arbeite mit ihnen also explizit daran, die eigenen Grenzen der Leistungsfähigkeit zu erkennen. Das hat oft auch Auswirkungen auf die Gestaltung der Tage und damit auch der Arbeit.

Zum Verständnis muss man sich nur einmal einen normalen Arbeitstag aus einer 40h-Woche ansehen:

  • 24h – 9h Arbeit (incl. der Pausen) – 2h Fahrtweg – 8h Schlaf = 5h

In diesen 5h müssen Sie duschen, auf die Toilette gehen, Essen machen, Essen, gegebenenfalls putzen und einkaufen. Dazu noch Wäsche waschen, aufräumen, Absprachen mit Kindern und Partnern treffen. Wieviel Zeit dann für die Familie und Kinder (und die eigene schöpferische Arbeit) bleibt, wissen Sie selbst.

Über Muße – ein den alten Griechen noch sehr geläufiger Begriff, der gesellschaftlich und intellektuell einen hohen Stellenwert hatte – muss ich mich mit meinen Patienten gar nicht unterhalten. Und auch wenn – was ja nun bekanntermaßen nicht bei allen der Fall ist – die Arbeit sinnerfüllend ist, so bleibt einfach zu wenig Zeit für die Entwicklung der eigenen – arbeitsunabhängigen – Interessen und Bedürfnisse. Eine bewusste Neugestaltung ist hier insgesamt erforderlich. Und zwar weit abseits eines Leistungsgedankens oder der Erhöhung der Wochenarbeitszeit, wie sie gerade derzeit diskutiert wird (60h-Woche in Deutschland).

Vierte Bedingung: Sinn, Verbindung und eigene Gestaltungsmöglichkeiten sind der innere Antrieb für Leistungsbereitschaft.

Manchen Menschen scheint entgangen zu sein, dass wir nicht mehr im Zeitalter der Industrialisierung leben. In dem immer kleinteiligere Aufgaben an Menschen vergeben wurden, die mit Zuckerbrot und Peitsche zu immer höheren Leistungen angetrieben wurden. Heute müssen wir auf Schöpferkraft, Intelligenz, Zusammenarbeit und Wissen setzen, um die Herausforderungen unseres Lebens zu meistern – auch angesichts der aktuell globalen Lage. (siehe z.B. hier: Die Welt wird immer ärmer an Arten.).

Schon die alten Griechen wussten, dass Voraussetzung für schweifende Gedanken, die dann neue Ideen hervorbringen, Muße ist. Das die Sinnhaftigkeit solcher Ideen in langen Symposien dargelegt, diskutiert und dann auch bewiesen wurde, ist ebenfalls eine jahrtausendealte Erkenntnis. Insgesamt war der Sinn des Lebens, der Sinn dessen, was man tat, sehr bewusst. Und auch heute wird es wohl kaum jemand geben, der am Ende seines Lebens erfreut darauf zurückschaut, was er alles an Dingen erwerben konnte. Oder wieviel Arbeitszeit er in Summe geleistet hat.

Sinn in der eigenen Arbeit finden

Frage ich meine Patienten, was ihnen wichtig ist, dann geht es um Familie, um Freunde, um Selbsterkenntnis, um Selbstvertrauen und Selbstverwirklichung. Also auch wieder um Verbindung und um Sinn. Und auch wenn sie nicht glauben, dass wir alle mit einer Aufgabe auf diese Welt gekommen sind, so ist ihnen doch allen klar, dass es um die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit geht. Und darum, anders, besser und auf eine zugewandtere Weise mit anderen umzugehen.

Weiterentwicklung hat auch viel mit den eigenen Möglichkeiten zu Gestaltung, Mitgestaltung und dem Einbringen eigener Vorstellungen und Ideen zu tun. Ein Aspekt, der wieder den Rückschluss zur ersten Vorbedingung erlaubt.

Denn ohne die Wertschätzung für die Aufgaben der anderen ist es kaum möglich, deren Wünsche zu Mitgestaltung und Verbindung aufzunehmen. Erst mit Sinn, Verbindung und Gestaltungsfreiraum ist dann auch Leistung nicht nur möglich, sondern Standard. Denn man handelt ja für sich, aus eigenem Antrieb und eigener Motivation. Also gilt es, sich klarzumachen, wo der Sinn, die Verbindung und die Gestaltungsmöglichkeit in der eigenen Arbeit liegt. Und es gilt für Unternehmen, herauszufinden, welche Mitarbeiter in der Arbeit Sinn, Verbindung und Gestaltungsfreiraum finden können. Und wie man ihnen dabei helfen kann, diesen Sinn zu schaffen.

Fazit:

Sie sehen also, es hilft – mal wieder – gar nichts, auf die Gesellschaft, die Generation Y, den Chef, die Rahmenbedingungen zu schimpfen. Jeder ist selbst Teil der Gesellschaft und ihrer Weiterentwicklung. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir alle selbst die Aufgaben der Selbstreflektion, der Kindererziehung, der Mitgestaltung und des Lebenssinns annehmen und damit zu einer neuen Gesellschaft beitragen. Denn seien wir doch mal ehrlich: Benötigen wir tatsächlich immer noch mehr Leistung? Oder noch mehr Wirtschaft? Etwa noch mehr Konsum? Noch mehr Arbeit? Oder vielleicht eher weniger von allem?

Und ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – ich vertraue nicht mehr auf Entscheidungen der Politik. Die Fakten liegen – auch in diesem Jahr schwarz und gruselig – auf dem Tisch (Bericht des IPBES – Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services).

 

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