Was meinst du, ist Trägheit eine Sünde? Ich hätte spontan „nein“ gesagt, weil ich Trägheit mit Nichtstun gleichgesetzt hätte – und das ist eher etwas, von dem wir mehr bräuchten.

Aber meine Recherche hat ergeben, daß mit Trägheit nicht „Nichtstun“ oder „Faulsein“ im Sinne von „Muße“ gemeint ist. Schon das altgriechische „Akaedeia“ meint „Gleichgültigkeit, Nachlässigkeit“. Mein Lateinwörterbuch findet „Acedia“ gar nicht, lediglich das Adjektiv „acidus“, das wir heute vor allem als „sauer“ kennen, das man aber auch mit „widerlich“ und „lästig“ übersetzen kann. Folglich steht „Acedia“ (in anderen Wörterbüchern) nicht nur für „Verdrossenheit“, sondern auch für „inneres Versauern, Bitterkeit“.

Es geht also gerade nicht um die positiv besetzte Muße, ein „Nichtstun“ im Sinne von „keiner existenzsichernden Arbeit, keinen politischen Geschäften nachgehen“, eine „Zeit für sich, für lernen und lehren haben.“ (Nicht umsonst kommt unser „Schule“ aus dem altgriechischen „scholé “ für Muße). Sondern es geht um einen Zustand, in dem uns jede Aktivität zu anstrengend, jede Mühe zu viel erscheint, in dem uns alles egal ist und wir absolut lustlos sind, uns um etwas oder jemand zu kümmern. Lass uns also statt „Trägheit“ besser „Apathie“ oder „bittere Lustlosigkeit“ als Begriff für diese Todsünde verwenden.

Was für Lebenseinstellungen oder Lebenssituationen stehen dahinter?

Eine Lebenseinstellung, wie ich sie leider nicht selten bei Klienten, aber auch bei mehr oder weniger bekannten Menschen sehe – und zwar so häufig, daß ich sie beinahe für typisch halten könnte (und die von manchen – wie z.B. einer irischen Freundin – für typisch deutsch gehalten wird). Nichts ist den Menschen recht, sie möchten woanders sein, jemand anders, etwas anderes arbeiten, einen anderen Partner haben. Im Prinzip ist alles furchtbar, man hatte sich das Leben irgendwie anders vorgestellt, aber so viele unpassende Rahmenbedingungen oder andere Menschen haben einen gehindert, das zu bekommen, was einem eigentlich zusteht. Und nun mag man sich nicht mehr anstrengen, hat keine Lust zum Arbeiten, auf irgendeine Änderung. Und oft haben diese Menschen keine Idee mehr, was sie genau anderes wollen würden, denn auch eine Zielformulierung ist schon zu anstrengend.

Natürlich ist diese Lebenseinstellung oft auch mit viel Bitterkeit und Trauer verbunden. Spirituell betrachtet hat der Mensch keine Mitte – er hat sie verloren oder hatte bis zu diesem Zeitpunkt so viele andere Dinge zu erledigen, daß ihm noch gar nicht aufgefallen ist, daß er keine hat. Oft erlebe ich das bei Menschen in der zweiten Lebenshälfte, die bis dahin die üblichen – häufig fremdgesteuerten Wünsche – Beruf, Familie – realisiert haben, deren Kinder aber aus dem Haus sind und wo sich eine Leere auftut, die diese Menschen nicht füllen können, weil sie zu träge im Sinne von verdrossen und unlustig sind. Bei jungen Menschen hingegen hat dieser Zustand oft etwas mit Unübersehbarkeit der Möglichkeiten zu tun, mit der Unfähigkeit, sich zu entscheiden, aber auch mit der Unlust, sich mit den notwendigen Entscheidungen überhaupt zu beschäftigen, weil ein Erfolg dieser Bemühungen nicht garantiert ist.

Woher kommt diese Lebenseinstellung?

Verletzungen

Gerade meine Klienten haben häufig bereits Zeiten in ihrem Leben hinter sich, die zahlreiche Verletzungen hinterlassen haben. Verletzungen, die nicht geheilt sind, weil sie nur verdrängt, aber nicht bearbeitet und schon gar nicht vergeben wurden.

Illusionen

Bei Bekannten erlebe ich oft, daß die zahlreichen bunten Bilder über das Leben anderer (und da sind die vielen sozialen Medien wirklich wenig hilfreich) zu Illusionen führen, wie das eigene Leben aussehen sollte. Vorstellungen, die nicht oder nicht mehr realisierbar sind oder es nie waren – jedenfalls nicht mit den vorhandenen persönlichen Gegebenheiten oder ohne die Millionen aus dem Lottogewinn. Gerade ein Lottogewinn ist das, was diese Menschen ersehnen – Geldregen ohne eigene Anstrengung. Daß genau das der Grund ist, warum viele Lottomillionäre ihr Geld ganz schnell wieder verlieren, ist ihnen nicht bewußt. Denn dieser Lebenseinstellung ohne Ziele und ohne die Freude, etwas zu tun, etwas zu erstreben, trägt den Keim des Frustes immer in sich. Denn nichts kann zufrieden stellen, weil es nie das Glücksgefühl erzeugt, auf das man gehofft hatte. Das hat oft auch damit zu tun, daß wir Lebensfreude an Dingen ausrichten, oder an Status oder an den (hoffentlich neidischen) Reaktionen unserer Nachbarn. Deren Reiz verfliegt jedoch allzu schnell und übrig bleibt wieder die Bitterkeit.

Rückzug

Manche Menschen ziehen sich auch zurück, weil sie genau dieses Verhalten ihrer Nächsten nicht mehr ertragen. Doch auch ihnen gelingt keine positive Definition dessen, wie sie leben wollen – sie sind nur erfüllt von Ekel, Menschenhass und Verbitterung, weil sie sich mit ihrer Ansicht ganz allein fühlen.

Einsamkeit

Andere sind schlicht einsam. Auf der Arbeit finden sie keinen Anschluß, einen Partner gibt es nicht (mehr), die vielleicht vorhandenen Kinder stehen auf eigenen Beinen und finden selten den Weg zu ihnen. Ein sozial orientiertes Hobby gibt es genauso wenig wie einen Teamsport in ihrem Leben.

Ausgebrannt sein

Und viele sind einfach ausgebrannt. Sie haben alles gegeben, auf der Arbeit, bei den Kindern und den Partnern und den Freunden. Der zunehmend aus der Mode kommende Gebrauch des Wörtchens „Nein“ spielt aus meiner Sicht gerade für diese Menschen eine ganz wichtige Rolle.

Ist das nicht eigentlich schon eine Krankheit?

Wenn du jetzt findest, das hört sich aber schon nach Burnout und Depression an, liegst du ganz richtig. Viele der Symptome von Depression und Burnout sind die der Apathie, nicht nur Interessenverlust und allgemeine Lustlosigkeit, sondern auch Ängste und innere Traurigkeit. Und tatsächlich sind Depressionen und andere psychische Störungen mit einer deutlich veränderten Stimmungslage laut WHO weltweit die zweithäufigste (!)  Volkskrankheit. Und in Deutschland scheint man besonders zu leiden, denn fast jeder zehnte weist eine depressive Symptomatik auf, während sich in der EU lediglich ca. 6 % so fühlen. Besorgniserregend ist, dass es insbesondere junge Menschen und unter denen vor allem junge Frauen betrifft – besorgniserregend für die Weiterentwicklung unserer Kultur, für die notwendigen Änderungen in der Gesellschaft, wenn viele derer, auf die es ankommt, keine Lust zu gar nichts haben.

Das betrifft jedoch nur die sogenannten „zivilisierten Kulturen“. Gerade am Umgang mit indigenen Völkern kann man erkennen, daß der ständig wachsende Strom psychisch erkrankter Menschen etwas mit unsere heutige Lebensweise zu tun hat. Solange indigene Völker – wie Yanomami oder Pitaha oder San – ohne häufigen Kontakt in ihrer angestammten Umwelt verbleiben und ihr bisheriges Leben ohne Einschränkungen fortführen können, kommen solche Erkrankungen anscheinend deutlich seltener vor. Reißt man sie jedoch aus ihrem Umfeld – geographisch und/oder kulturell – sind deutlich höhere Depressions-, Sucht- und sogar Suizidzahlen die Folge. Ähnliches beobachtete man bei den „native people“ in den USA und Kanada.

Was die bittere Unlust mit unserer Rolle in unserer Gesellschaft zu tun hat.

Wie wir Erfolg definieren.

ür die technologische und wissenschaftliche Entwicklung der Menschheit hat die Industrialisierung und der mit ihr einhergehende Kapitalismus große Fortschritte gebracht. Die letzten Jahrhunderte waren geprägt von dem Streben nach Erfolg und Reichtum ohne Rücksicht auf die Ausbeutung anderer Menschen oder natürlicher Ressourcen. Das hat tief verwurzelte Überzeugungen hinterlassen wie „Der Mensch ist des Menschen Wolf.“  oder „Jeder ist seines Glückes Schmied.“

Und so versuchen die meisten Menschen noch immer in einem Sinn erfolgreich zu sein, der dieser Weltanschauung entspricht: einen gut bezahlten Job zu bekommen, Karriere zu machen und mit seinem Geld auch nach außen zu zeigen, daß „man es geschafft hat“.

Was unsere Kinder auf ihrem Weg mitnehmen.

Das führt dazu, daß Kinder in dem Gefühl aufwachsen, all die Optionen, die ihre Eltern ihnen bieten, erfolgreich und diszipliniert nutzen müssen. Andernfalls wird ihnen die Liebe, die sie so dringend ersehnen, entzogen. Oder sie wachsen in der Überzeugung auf, daß es immer jemand geben wird, der ihnen die schweren Probleme abnimmt – und möglichst auch alle unangenehmen Aufgaben. (Ich weiß natürlich durch meine eigene Tochter selbst, wie schmal der Grat einer guten Erziehung ist – Liebe vermitteln, aber auch Regeln, helfen, aber nicht alles abnehmen…. – und wie nahezu unmöglich es ist, immer auf diesem Grat zu bleiben.)

Meine jugendlichen Klienten leiden eher unter dem zweiten oben genannten Erziehungsprinzip. Und es ist – auch aus meiner Sicht als Therapeutin und Coach – sehr viel schwieriger, einem (fast) Erwachsenen Frustrationstoleranz beizubringen, also die Akzeptanz und den Umgang damit, daß Dinge auch mal häßlich, langweilig, anstrengend und verletzend sein können, als älteren Erwachsenen ein Verständnis dafür zu vermitteln, daß hinter der Strenge ihrer Kindheit die Liebe ihrer Eltern versteckt war.

Was unser Ideal ist.

Weiterhin wird ein Zustand (Reichtum und Schönheit) als erstrebenswert etabliert, den nur ein kleiner Teil der Menschen erreichen kann – und die sozialen Medien suggerieren dann noch zusätzlich, daß es eigentlich jeder könnte. Die Mühen, Anstrengungen oder auch nur Visionen und Strategien, die ein solcher Zustand voraussetzt, werden dabei vollständig ignoriert.

Wie wir Arbeit betrachten.

Daraus resultieren bittere Erfahrungen und die Verzagtheit, Neues zu versuchen, sowie eine Unlust, sich zu bemühen, weil man ja damit sowieso nicht das erreichen kann, was man haben will. Die Resignation macht sich auch in der geringen Bindung an den Arbeitgeber deutlich. Ende 2019 hat Galupp in ihrer Studie zur emotionalen Bindung an den Arbeitgeber festgestellt, dass 70 % der deutschen Arbeitnehmer nur Dienst nach Vorschrift machen und weitere 16 % innerlich bereits gekündigt haben. Wenn man sich klar macht, daß diese Unlust zu – aus meiner Sicht – erheblichem Maß daraus entstanden ist, daß man mit einem Job nur einem vorgezeichneten Weg folgt und nicht den eigenen Wünschen, könnte man annehmen, daß alle Schuldzuweisungen in Richtung Unternehmen und Führungskräfte und eine stetig verbessernde Führungskultur am Thema vorbei gehen, wie die ständig weiter steigenden Zahlen der Unmotivierten eindringlich belegen.

Mit dieser Unlust, die aus Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben resultiert, sind daher oft Neid und Habgier verbunden (siehe meine anderen Blogs zu dem Thema hier: Habgierhier: Neid ).

Wie wir die Erledigung von Aufgaben sehen.

Ein nicht nur individueller, sondern gesellschaftlicher Effekt dieser bitteren Unlust ist der zunehmend zu beobachtende Trend zur Prokrastination, zum Aufschieben. In zwei Drittel der Zeit wird maximal ein Drittel der Arbeit erledigt, weil die Betreffenden denken, es sei noch genug Zeit oder es müßten noch Voraussetzungen geschaffen werden oder es sind noch andere „wichtigere“ Dinge in der Zeit zu erledigen. Für den Rest bleibt dann nur noch in ein Drittel Zeit, was logischerweise zu viel zu späten Angehen der Lösungen führt.

Individuell verstärkt Prokrastination den Teufelskreis der Unlust noch, weil das Verschieben bewußt passiert und die Effekte jedem deutlich werden. Damit ist dann wiederum eine Selbstabwertung verbunden und beides führt in aller Regel zu ernsthaften beruflichen und persönlichen Konsequenzen.

Viel schlimmer als die individuellen Probleme der Prokrastination ist jedoch aus meiner Sicht die Tatsache, daß ganze Gesellschaften, aber auch Firmen diesem Verhalten unterfallen. Längst müßten wirtschaftlich und ökologisch neue Lösungen gefunden sein, doch wird hier prokrastiniert , was das Zeug hält (wenn es sich nicht einfach um schlichte Ignoranz handelt.)

Was du gegen die bittere Unlust tun kannst (und wir alle müssen).

Dich selbst reflektieren.

Als allererstes benötigst du ein Bewußtsein darüber, daß du der „Sünde“ der bitteren Unlust „schuldig“ bist. Und dann solltest du selbst oder mit professioneller Hilfe herausfinden, was dahinter liegt: Perfektionismus, Mangel an Selbstliebe, Beeinflußbarkeit durch das Außen, die anerzogene Unfähigkeit nein zu sagen?

Ein starkes Ego entwickeln, damit du dieses zähmen kannst.

Denn um eine andere Lebensanschauung zu entwickeln, mußt du zwangsläufig zunächst mit dem eigenen Ego befassen. Und anders, als du vielleicht glaubst, ist ein starkes Ego wichtig, um genau dieses Ego, das nur auf die Befriedigung deiner Begierden gerichtete ist, aufgeben zu können. Warum? Weil nur ein starkes Ego in der Lage ist, die Mauern, die du um dein inneres Wesen errichtet hast, einzureißen. Mauern wie deinen Glauben an Erfolg, deine Sucht nach Dingen, deine Suche nach Liebe im außen. Du mußt dich mit all diesen Mauern kennenlernen, achten und lieben, denn nur dann kannst du entscheiden, welche der Mauern du nicht mehr benötigst und was dein inneres Wesen wirklich zur Entfaltung bringen kann.

Die Freiheit deiner Gedanken nutzen.

Erst dann kannst du Gebrauch von deinem Denken und deiner Gedankenfreiheit machen. Denn wie schon Kant in seiner Schrift „Was ist Aufklärung?“ verdeutlichte, ist die bittere Unlust der Hauptgrund dafür, warum wir Menschen kaum öffentlichen Gebrauch von unseren Gedanken machen, warum wir so gern unmündig bleiben und so Staat und Arbeitgeber, ja auch Eltern und Partnern erlauben, uns zu bevormunden.“ Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, dass für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, und so weiter, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“ ( Quelle )

Fazit:

Erst mit einer klaren Vorstellung und einem Respekt für uns selbst können wir auch Verantwortung für andere übernehmen. Und tiefe Liebe – ob zu einem Menschen oder zu allem, was existiert – ist ohne Verantwortung nicht denkbar.

Ich bin sicher, es ist an der Zeit, sich endlich von der mit unsere Gesellschaftsform einhergehenden Konkurrenz zu verabschieden, von dem Neid, der Habgier und vor allem von der bitteren Unlust.

Stattdessen benötigen wir vielleicht nicht gleich Liebe – über den Begriff kann man sowieso diskutieren – sondern Mitgefühl und Großzügigkeit. So schreibt Amos Oz in seinem Buch „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis: „Ein wenig Bosheit – und der Mensch bereitet dem Menschen die Hölle. Ein wenig Mitgefühl, ein wenig Großzügigkeit – und der Mensch bereitet dem Menschen das Paradies.“ (S.344)

Und sind nicht Mitgefühl und Großzügigkeit für den Einzelnen viel leichter zu verwirklichen, als gleich Liebe? Ich finde schon. Vielleicht gelingt es auch dir leichter. Bei der Entdeckung wünsche ich dir viel Freude.

Deine Claudia