Vielleicht hast du dich schon bei meinen letzten Blogs (der letzte war Der Hochmut) gefragt, warum ich eigentlich über die sieben Todsünden schreibe. Und vielleicht hast du auch gedacht, daß das keine Themen sind, die für unser Leben heute relevant sind.

Doch. Denn der Grund, warum ich mich mit den Todsünden auseinandergesetzt habe, ist, daß ich in meiner Praxis immer wieder mit Ängsten (wie du hier siehst) zu tun habe. Mit Ängsten, die zu ganz großen Teilen aus unserer heutigen Lebensweise, unserem Wirtschaftssystem und aus den als normal angesehenen Verhaltensweisen resultieren. Um dich und meine Patienten besser zu verstehen zu können, schien es mir also sehr sinnvoll, den einzigen Katalog in unserem Kulturraum, der negative Verhaltensweisen tabuisiert, näher zu untersuchen.

Wenn du nun meine Blogs (begonnen im Januar mit Völlerei) bis hierher gelesen hast, weißt du, daß ich im Grunde all diese Verhaltensweisen noch heute als schädlich nicht nur für den Einzelnen sondern auch für die Gesellschaft ansehe.

Welche Ängste meine ich?

Die größte Angst meiner Patienten ist es, nicht gut genug zu sein. Nicht schön genug, um den passenden Partner zu finden, nicht sexy genug, um ihn zu halten, nicht klug genug, um Karriere zu machen, nicht stark genug, um die Balance zwischen Beruf und Privatleben hinzubekommen, nicht selbstlos genug, um den Kindern eine gute Mutter zu sein, nicht interessant genug, um einen guten Freundeskreis zu finden, nicht durchsetzungsfähig genug, um Karriere zu machen…. Bestimmt fallen dir noch ein paar mehr ein. Und daraus resultieren dann Angst vor dem Verlust von Menschen oder Sicherheit, Angst vor dem Hinausgehen in die Welt, Angst vor anderen Menschen, Angst vor Entscheidungen und Risiken, Angst vor Dunkelheit und Unsicherheit.

Ich denke, wir können davon ausgehen, dass unsere Spezies nicht so weit gekommen wäre, wenn wir alle permanent von diesen Ängsten geplagt worden wären. Entwickelt haben wir uns auf der Basis von Ängsten vor bedrohlichen Tieren (oder anderen Stämmen), vor Naturkatastrophen, Hunger und Ausschluß aus der Gemeinschaft. Und natürlich lassen sich all unsere Ängste auf diese Urängste zurückführen.

Und doch, ist es denn wirklich zu vergleichen, ob wir aus einem Stamm ausgeschlossen werden – was mit einem Todesurteil gleichzusetzen war – oder wir in den sozialen Medien Follower verlieren oder uns mit Hater-Kommentaren auseinandersetzen müssen? Ich will die Angst davor nicht kleinreden – sie ist für den Betroffenen oft sehr real. Doch gehörte in unserer Geschichte mehr dazu, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, als anderer Meinung oder überhaupt anders zu sein.

Erst mit Wissenschaft und Technologie, und erst recht mit der globalen Entwicklung des Internets, gibt es globale Ideale, die dem Großteil der Menschen erstrebenswert erscheinen, aber tendenziell nicht realisierbar sind. Ideale, die ausdrücklich nur auf den Einzelnen und nicht auf die gesamte Gesellschaft bezogen sind, Ideale, die in der Realisierung notwendig Ungerechtigkeit gegenüber anderen und anderem beinhalten.

Und was haben diese Ängste mit den Todsünden zu tun?

Wenn Menschen sehen, oder glauben zu sehen, dass sie nicht genug sind für das Ideal, das scheinbar allen vorschwebt – jung, schön und reich ohne sich dafür anstrengen zu müssen – werden sie neidisch und habgierig und gleiten langsam in die bittere Unlust und in Folge in eine Depression, oder sie werden zornig und lassen auch andere ihre Aggressionen spüren. Manche erreichen diese Ideale für eine Zeit, doch viele davon fühlen auch, daß sie nicht genug sind und fürchten die ganze Zeit, jemand würde das erkennen. Das gilt meist auch für die Hochmütigen, die Narzissten und Psychopathen unserer Zeit. Und alle versuchen sich mit der Wollust und der Völlerei von all dem Elend abzulenken.

Gelten diese Sünden also auch heute noch?

Selbstverständlich hat sich das Verständnis von Sünden im Verlauf der Zeit auch verändert. Schließlich stammt die uns heute bekannte Formulierung der sieben Todsünden bereits aus dem sechsten Jahrhundert n. Chr. und wurde von Papst Gregor dem Großen formuliert.

Das ursprüngliche Verständnis einer Sünde in Abgrenzung zu einer Todsünde existiert jedoch bis heute. Während eine Sünde eine konkrete Handlung ist, die gegen geltende Werte und Prinzipien verstößt, gegebenenfalls auch gegen die vorhandene Gesetzgebung, sind Todsünden eher als Laster zu verstehen.

Laster stammt von dem althochdeutschen „lastar“ = „Fehler oder Schande“ und bezeichnet ein negatives Verhalten, von dem jemand beherrscht wird und infolgedessen er immer wieder dieselben Sünden begeht. Eine Todsünde in diesem Sinne stellt die geltenden Werte der Gemeinschaft und das gedeihliche Fortkommen jedes Einzelnen in Frage. Laster sind aber nicht mit Zwängen zu verwechseln, sondern sie sind ein Verhalten, für das sich das Mensch frei entscheidet, oft sogar im Wissen um die Negativität desselben.

Und wenn du dir meine Auflistung der Todsünden in Bezug zu den Ängsten ansiehst, bist du vielleicht auch der Ansicht, daß die Zusammenstellung der sieben Todsünden die möglichen Laster der Menschen in einer Gesellschaft der Ungleichheit und Ungerechtigkeit treffend beschreibt.

Welche Auswirkung haben diese Todsünden auf unser Zusammenleben?

Wenn Habgier und Neid zu Eigentumsdelikten führen, können sie natürlich strafrechtlich verfolgt werden können. Den eigentlichen Schaden für die Gesellschaft richten Menschen mit diesen Charakterzügen jedoch an, ohne daß sie rechtlich bestraft werden können. Sie verursachen die unverantwortliche Ausbeutung der Natur sowie ein alles andere als liebevolles Miteinander – nicht nur zwischen Menschen, sondern auch zwischen Menschen und der Natur. Das gilt ebenso für die Völlerei, die zudem für die ständig wachsende Anzahl an Sterbefällen auf Grund nicht übertragbarer Krankheiten verantwortlich ist.

Hochmut und Zorn sind aus meiner Sicht Eigenschaften, deren Anstieg durch das unserer Gesellschaft zugrunde liegende wirtschaftliche System befördert wird, die aber weder für das Miteinander noch für den Einzelnen eine hilfreiche Lebenseinstellung darstellen.

Wollust ist – in ihrer Ausprägung als Laster – vor allem für den Einzelnen schwer erträglich, weil es den Menschen eine ausgewogene und zufriedenstellende Sexualität verwehrt und damit eine wesentliche Grundlage für Glück.

Und Trägheit – oder die bittere Unlust – ist letztlich zum einen die Konsequenz aus den oben stehenden sechs Lastern und zum anderen damit eine wesentliche Grundlage für den Anstieg an psychischen Erkrankungen weltweit.

Warum akzeptiert die Gesellschaft diese Verhaltensweisen?

Meine Ansicht zum Schaden, den diese Verhaltensweisen bei jedem einzelnen Menschen wie auch in unserer Gesellschaft anrichten, ist nicht unbedingt mehrheitsfähig. Wir entschuldigen heute so vieles, was früher als Sünde angesehen wurde, mit unseren menschlichen Überlebenstrieben oder formulieren es zu Gunsten unseres Wirtschaftssystems einfach um.

Diese Uminterpretation hat Tradition. Schon im 17. Jahrhundert hat man versucht, gefährliche und antisoziale Verhaltensweisen und Leidenschaften in nützliche umzudeuten, indem man sie einem Ziel zuwies, dass man für die gesamte Gesellschaft als positiv bewerten konnte. Bei dem Rechtsphilosophen Giambattista Vico wurde das wie folgt formuliert: „Aus Grausamkeit, Habsucht und Ehrgeiz, den drei Lastern, die alle Menschen in die Irre führen, macht die Gesellschaft nationale Verteidigung, Handel und Politik und begründet damit die Stärke, den Wohlstand und die Weisheit der Republiken.“

Bis heute gelten daher Neid und Habgier als positive Motivatoren, um voranzukommen. Für Aufstieg in Führungspositionen wird eine gewisse Arroganz vorausgesetzt und Zorn gilt als Energie, die man nur in die richtigen Bahnen lenken muss. Wollust und Trägheit werden als sexuelle Freiheit und Muße umdefiniert, als erstrebenswerte Verhaltenswerte in unserer so stressreichen Zeit.(noch etwas ausführlicher hier:)

Und Exzesse werden dann Problemen in einzelnen Familien, frühkindlichen Störungen oder schweren Traumata zugeschrieben und damit quasi entschuldigt.

Welche Werte prägen denn unsere Gesellschaft in Deutschland heute?

Eine Quelle ist das Grundgesetz, daß die Grundrechte des Einzelnen in unserer Gesellschaft formuliert. Auch wenn die Grundrechte vornehmlich Abwehrrechte des Einzelnen gegenüber dem Staat begründen, geben sie auch einen Eindruck vom Menschbild, das unserer gesellschaftlichen Verfaßtheit zu Grunde liegt:

  • Über allem stehen die Rechte, die sich auf die Essenz unserer Existenz beziehen – das Recht auf Würde sowie auf Leben und körperliche Unversehrtheit.
  • Weitere Rechte geben den Menschen weitreichende Freiheiten – das Recht auf freie Entfaltung (ohne Beeinträchtigung anderer), auf den eigenen Glauben und die eigene Weltanschauung, auf freie Meinungsäußerung (ohne Schädigung der Jugend und der Ehre), auf freie Bewegung im gesamten Bundesgebiet und auf freie Berufswahl.
  • Andere Rechte beziehen sich auf die Rechte der Menschen als Gemeinschaft – die Wahrung der Menschenrechte als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit, das Recht auf Gleichbehandlung jedes Menschen in der Gemeinschaft, das Recht auf freie Lehre und Wissenschaft sowie das Recht auf Versammlungen und Vereinsgründungen.
  • Und es gewährt nicht nur der Familie besondere Schutzrechte, sondern auch der Wohnung, dem Eigentum und dem Erbe.

Als Ergebnis des Versagens der Weimarer Republik und der Erfahrung des darauf folgenden Nationalsozialisms kommen nun der Freiheit, der Würde des Einzelnen und dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit  eine zentrale Rolle zu, und zwar nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft. Nicht umsonst wird das Grundgesetz als eine der liberalsten Verfassungen in der Geschichte der Menschheit betrachtet.

Aber mit dieser Liberalität sich auch Gefahren verbunden, wenn die Garantien der Freiheit, der persönlichen Entfaltung und des Eigentums zu einer von der Gesellschaft losgelösten Individualität führen und damit faktisch den „Todsünden“ Tür und Tor öffnen.

Denn diese entstehen durch eine Wirtschaft, die auf einem immer weiteren Wachstum und damit einer immer weiteren Ausbeutung natürlicher Ressourcen beruht, sowie durch eine Gesellschaft, die den persönlichen Erfolg eines Menschen an seiner Stellung in eben diesem System bemisst. Menschen, die diesen Druck nicht gewachsen sind, die schwach, einsam und verzweifelt versuchen, in dieser Welt zurecht zu kommen, sehen in diesen Verhaltensweisen häufig den einzigen Ausweg.

Was können wir einem fehlgeleiteten Individualismus entgegensetzen?

Solange sich das zugrunde liegende System nicht ändert, nur das eigene Verhalten. Dafür ist es zunächst einmal nützlich, sich darüber klar zu werden, daß die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – und natürlich die sozialen Medien – unser Verhalten maßgeblich beeinflussen.  Ein ständiges Hinterfragen der gesellschaftlich und medial vorgegebenen Vorbilder sollte daher dringend zu deinen (neuen) Verhaltensweisen gehören.

Zweitens ist es hilfreich, zu verstehen, was – abseits des oben beschriebenen Ideals – denn wirklich wichtig für dich ist.

Dazu erarbeite ich mit meinen Klienten sehr häufig einer Wertepyramide, weil Werte oft unbewusste Überzeugungen deutlich machen, die unsere Entscheidungen prägen. Erst wenn jemand sich dieser unterbewussten Prägungen bewusst ist, sind neue Entscheidungen möglich.

Die meisten meiner Patienten nennen folgende Werte, die sie in ihrem Leben motivieren:

  • Familie
  • Liebe
  • Anerkennung
  • Selbstverwirklichung
  • Freiheit
  • Sicherheit
  • Verbundenheit

Gerade in den letzten Jahren werden Verbundenheit, Liebe (nicht nur im Paar-Sinn), Freiheit und Selbstverwirklichung immer häufiger als obersten Werte meiner Klienten benannt. Vielleicht findest du hier auch deine Werte wieder.

Drittens ist jedoch all das, was du dir wünschst, was deine Werte und Ideale sind, auch den Menschen um dich herum zu gewährleisten. Wenn du also dein Verhalten so gestaltest, daß du diese Werte bei anderen unterstützt, bist du und sind wir auf dem meiner Meinung nach richtigen Weg.

Welche Verhaltensweisen sind denn zur Realisierung dieser Werte nötig?

Selbstverständlich haben sich Philosophen darüber schon lange Gedanken gemacht, wie ein gedeihliches Zusammenleben von Menschen in einer großen, nicht verwandschaftlich verbundenen Gruppe, also einer Stadt, einem Reich oder einem Staat aussehen sollte.

Ich will hier nur die drei erwähnen, die zu den oben angesprochenen drei Punkten passen:

  1. Aristoteles

Aristoteles sieht als Ziel des individuellen wie des gemeinschaftlichen Lebens das „gute Schicksal“ (eudaimonia), was man auch mit „Lebensfülle“, „guter (göttlicher) Fügung“, oder einfach mit „das gute Leben“ übersetzen kann. Dabei ist „gutes Leben“ mit einem Leben gleichzusetzen, das keinen Wunsch mehr offen läßt und in dem alles erreicht ist. (Ein Ideal ist ja nicht umsonst nur ein Bild in deinem Kopf 😊😊) Das gute Leben für alle in der Gemeinschaft ist dabei dem des Einzelnen übergeordnet. Wichtig ist aus meiner Sicht in seinem Konzept, daß das Erreichen dieses Ziel vom bewußten und aktiven Handeln der Menschen geprägt ist. Zur Erreichung dieses Ziels muß der Mensch sich von bestimmten Tugenden leiten lassen. Er benutzt Tugenden hier im Sinne von Verhaltensweisen, denn diese sieht er durch die Vernunft bestimmt und die Erziehung eingeübt. Wichtig für diese Verhaltensweisen ist immer das Einhalten der Mitte, da weder ein zu viel noch ein zu wenig dem angestrebten Ziel nützlich sind. Für Aristoteles ist die höchste Tugend „sophia“ – „Weisheit“, denn sie ermöglicht die Annäherung an das Verständnis des Sinns des Lebens. Die wichtigsten Tugenden danach sind Gerechtigkeit, Tapferkeit, Freigebigkeit und Mitgefühl.

  1. Immanuel Kant

Kant stellte sich in seinen Werken die Frage nach dem Grundprinzip, das die Menschen in einer Gesellschaft zu einem Zusammenleben befähigt und hat dieses in seinem kategorischen Imperativ zum Ausdruck gebracht: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Das beinhaltet nicht nur das „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andren zu.“, sondern geht weit darüber hinaus. Denn mit diesem Prinzip sind auch die Pflichten, die man sich selbst, den Menschen und dem Staatswesen gegenüber auszufüllen hat, eingeschlossen. Aus heutiger Sicht könnte man hinzufügen, auch gegenüber der Natur.

  1. Beauchamp und Childress

Letztlich möchte ich dir zwei US-amerikanischen Bioethiker vorstellen: Tom Beauchamp und James Childress, die das – vor allem in der Medizin schnell aufgenommene – „Nichtschadens-Prinzip“, „Selbstbestimmung“, „Gerechtigkeit“, und „Fürsorgepflicht“ als Grundprinzipien unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens beschrieben haben.

Diese Prinzipien, die diese Philosophen und Ethiker formulierten, werden davon getragen, sich von grundlegenden Verhaltensweisen in seinem Leben leiten zu lassen, die eigenen Werte zu leben und weiterzuentwickeln, aber immer im Verhältnis zu den Pflichten, die man seiner Umwelt gegenüber zu erfüllen hat.

Theoretisch müßten solche prinzipiellen Erwägungen dann auch zu Rechten führen, die gesetzlich geschützt werden, doch ist dafür meiner Ansicht nach die Entwicklung eines neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells nötig, von dem wir aber aus meiner Sicht bedauerlicherweise noch weit entfernt sind.

Fazit: Was du heute schon tun kannst, ist durch den zweiten Teil des Spruches von Aristoteles, mit dem ich diesen Blog begann, schon beschrieben: „Wir werden gerecht durch gerechtes Handeln, maßvoll durch maßvolles Tun, tapfer durch tapferes Verhalten.“  Und wenn du nun neben der von Aristoteles so geschätzten Tapferkeit dein Verhalten auf deine eigene positive Entwicklung und die Fürsorge, für alles, was lebt, orientierst, wird auch dies zur Gewohnheit für dich und zum Vorbild für andere.