Umarmen Sie sich selbst (und andere!) – und stärken Sie damit Ihr Selbstwertgefühl Zurück

15

04.18

Vor ein paar Tagen ist mir auf Facebook noch mal der Film von Taryn Brumfitt – in dem es um das Selbstwertgefühl von Frauen geht – aufgefallen. Schon 2017 fand ich den Film beeindruckend . Ich habe wieder reingeschaut und war über mich selbst erschrocken. Ich habe in den letzten Jahren gemeint, ich sei ein wenig unabhängiger von der Werbung und ihren Bildern geworden. Doch dann ließ Taryn Brumfitt in dem Film ein Model laufen, daß mit Kleidergröße 40 dem absoluten Normalmaß entspricht. Und ich fand sie dick!!!! Ein Anlaß, Ihnen allen, Männern wie Frauen, diesen Film nahezulegen. Zumal es hier nicht nur um Gewicht, sondern insgesamt um Aussehen und Selbstwertgefühl geht. Bis zum 17.04. können sie diesen in der ARTE Videothek ansehen: https://www.arte.tv/de/videos/078145-000-A/embrace-du-bist-schoen/.

Wie in all meinen vorigen Blogartikeln zum Thema „Frauen in unserer Gesellschaft“ geht es auch hier wieder darum, uns, unsere Mitte, unseren Lebensstil zu finden. Ein Blick in die Fakten und ein Blick in den Spiegel könnte hier hilfreich sein.

Die durchschnittliche deutsche Frau ist normalgewichtig und hat kaum Risikopotential für Herzkreislauferkrankungen.

Jeweils knapp 20% der deutschen (und österreichischen) Frauen tragen die Kleidergrößen 38, 40 und 42. Modelmaße mit Kleidergröße 34 jedoch weniger als 3%.

Die durchschnittliche Frau wiegt also ca. 67 kg bei 165 cm Körpergröße. Das ist ein BMI-Wert von 24,6 bei einer 45jährigen (Durchschnittsalter der Frauen in Deutschland). Damit liegt sie in der Mitte des gewünschten BMI-Bandes (21-27).  Mit Kleidergröße 40 hat man einen mittleren Taillenumfang von 75 cm. In einer neuen Studie hat man gerade herausgefunden, daß Frauen mit einem Taillenumfang von 74cm am wenigsten Gefahr laufen, an Herzkrankheiten oder Diabetes zu erkranken. Erst oberhalb der 80cm (also ab Größe 44) steigt die Gefahr, an Herzkreislauferkrankungen zu leiden, deutlich an. Dabei spielen natürlich zahlreiche andere Faktoren eine Rolle (Bewegung, Ernährung, Stressfaktoren,…).

Models wiegen (z.B.: bei GNTM) ca. 50kg bei 1,75 Körpergröße und sind damit klar untergewichtig. Die Gewichtsstruktur orientiert sich dabei an gesundheitlichen und nicht an Schönheitsfaktoren. Dieses Untergewicht führt gerade bei jungen Frauen zu hormonellen Störungen bis zum Ausfall der Menstruation. Das ist evolutionär erklärbar. Denn während einer Schwangerschaft muss die Frau auch in schwierigen Situationen Fett zum Zusetzen haben, damit der Fötus störungsfrei wachsen kann.

Für Männer hingegen sind lange Beine, eine gerundete Hüfte und ein üppiger Busen (am besten D-Körbchen) ein wichtiges Kriterium, wie eine britische Umfrage ergab.

Warum also finde ich die Frau in dem Video zu dick? Weil ich permanent mit dünnen Models konfrontiert werde.

Das Medienbild der Frau entspricht nicht den gesellschaftlichen Realitäten, sondern orientiert sich an Objekt-Bildern der Vergangenheit.

10 Stunden täglich konsumiert der durchschnittliche Deutsche aktiv Medien: Fernsehen, Zeitungen, Bücher. Dazu kommen die Bilder, die uns unterwegs begegnen, in Schaufenstern, auf Bussen, Häusern und in Kaufhäusern. Also fast die gesamte Zeit unseres Wachseins nehmen wir Informationen von außen auf. Bewusst und unbewusst.

1996 schrieb der Philosoph und Soziologe Niklas Luhmann: „Was wir über die Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir von den Medien.“ Das mag eine Übertreibung sein, aber macht doch deutlich, worum es geht. Dabei hat makellos, schlank und jung wenig mit dem Dasein als beruflich erfolgreiche Frau, als Mutter von Kindern, als frei bestimmtes Individuum zu tun. Oder drängt sich Ihnen beim Anblick der Covergirls in Zeitungen und Zeitschriften, auf Bushaltestellen und Häuserwänden die Frage auf, was diese wohl beruflich tun? Kinder können sie ja sowieso noch nicht haben – viel zu jung sind die Models und bilden auch damit nicht den Durchschnitt ab.

Seit Jahren versuchen unterschiedliche Unternehmen, mehr Realität in die Darstellung der Weiblichkeit zu bringen. Bislang jedoch vergebens. Versuchen Sie mal, als beruflich erfolgreiche Frau mit langen blonden Haaren, 12cm Absätzen und Röcken, die knapp über den Hintern reichen oder Hosen, in denen man jede Cellulite-Delle sieht, fachlich kompetent in einer Präsentation zu wirken. Oder in einem der derzeit von H&M beworbenen durchsichtigen Blumenkind-Kleidern. Insbesondere, wenn Sie über 40 sind und schon drei Kinder haben.

Als Dekoration auf einer Yacht oder bei einem gesellschaftlichen Event sind die Models jedoch sehr gut vorstellbar. Eigentlich lustig, dass bei aller Diskussion über die Frauenquote und die Gleichstellung von Mann und Frau, die Darstellung der letzteren den Bildern des vorletzten Jahrhunderts entspricht. Wollen Sie das? Ich nicht.

70% der Mädchen sind mit ihrem Aussehen unzufrieden.

Doch Gewicht ist nicht das Einzige, was Frauen an ihrem Äußeren stört und was an ihrem Selbstwertgefühl nagt. Ungleichmäßigkeiten der Haut, fehlende Symmetrie der Gesichtshälften, Narben oder Muttermale. Fast jede Frau hat etwas an sich auszusetzen. Was ja grundsätzlich nicht schlimm wäre, würde nicht das Selbstwertgefühl so sehr darunter leiden.

In einer britischen Studie hat man festgestellt, dass Frauen zwischen 35 und 69 Jahren am Tag 36mal negativ über ihr Aussehen nachdenken. Bei Jüngeren kommt das – motiviert durch die Instagram- und Snapchat-Influencer – nach meinen Erfahrungen hier in der Praxis noch deutlich häufiger vor. Ein gestärktes Selbstwertgefühl erlebe ich unglücklicherweise selten.

Schaut man sich auf Instagram die Top 10 in Deutschland an, so finden wir da sieben Fußballstars (deren Namen selbst ich, die ich nie Fußball schaue, kenne) und drei Mode- und Lifestyle-Mädchen. Deren Namen habe ich noch nie gehört, aber mehr als 10 Millionen Menschen folgen Ihnen. Intelligente Themen, Beruf, Kinder – Fehlanzeige. Deutschland besteht aus Fußball und Lifestyle. Ob die Männer und Jungs den Fußballstars genauso nacheifern wie die Mädchen den Instagram-Queens, bleibt dabei im Dunkeln.

Soziale Medien bilden in keiner Weise die Realität ab.

Der Instagram Account von Lisa und Lena zeigt 12,7 Millionen Followern immer gleiche Posen in unterschiedlichen Kleidungsstücken und an unterschiedlichen Orten. Jedoch niemals dort, wo man Mädchen diesen Alters vermuten würde – in der Schule, bei den Eltern, bei den Hausaufgaben. Auch die anderen beiden Accounts mit jeweils 5 Mio. Followern zeigen Bilder, die mit Realität nichts zu tun haben.

Kein Wunder, dass beim Blick in den Spiegel die Realität bei der Masse der Betrachterinnen einen Schock auslöst und das Selbstwertgefühl weiter sinkt. Und die Erkenntnis, dass die eigene Realität so entsetzlich viel nüchterner und grauer ist, als in den Medien. Das muss dann ja irgendwas mit der eigenen Unfähigkeit und dem eigenen Unwert zu tun haben.

Ich kann nur sagen, schauen Sie sich den Film an und stellen Sie sich danach nackt vor den Spiegel. Ich habe das getan und kann nur sagen: es hat sich was dramatisch verändert! Und zwingen Sie Ihre Töchter, den Film zu gucken!! Und sich danach auch nackt vor den Spiegel zu stellen. Am besten mit Ihnen gemeinsam. Damit Sie sich gegenseitig sagen können, wie schön Sie sich finden. Das stärkt das Selbstwertgefühl und es ist auch ein Thema, das in den Film thematisiert wird: wie wenig Frauen sich gegenseitig schätzen (und in den Arm nehmen). Denn auch an andere Frauen legen wir den gleichen Medien bestimmten Maßstab an wie an uns selbst!

Die Mode und die angedockten Medien beeinflussen auch die Gleichschaltung im Kleidungsstil.

Zählen Sie an einem Tag – mit jahreszeitlich bedingten, durchschnittlichen Wetter – mal die Frauen, die bunt, ungewöhnlich (dazu zählen schon Kleider und Röcke) und ohne Skinny Jeans daherkommen. ?? Nicht so viele gesehen? Geht mir auch so. Ich entdecke blonde, blauäugige Frauen mit braunen Pullovern über einer schwarzen Skinny-Jeans. Dunkelhaarige, braunäugige Frauen in grauen Leggings und passendem Pullover und sehe, wie diese Farben ihren Teint und ihre Augenfarbe fahler machen. Dann sehe ich viele Frauen in Größe 40 – 42 und auch in 44 – 46, zum Teil nicht mehr ganz jung. Auch sie tragen Skinny-Jeans oder Leggings. Nicht die optimalen Voraussetzungen für ein Kleidungsstück, das für Models mit Größe 32 oder 34 erfunden wurde.

Es ist unglaublich schade, dass unsere so vielgepriesene Individualität keinen Einfluss auf die Mode hat. Sonst würde ich durchsetzungsfähige Großmütter in Lederklamotten, romantische Vierzigjährige im Blümchenkleid und sexuell unentschiedene 18-jährige im Dandy Look sehen. Das würde Freude machen, durch die Straßen zu gehen!

Wenn Sie heute nichts zu tun haben, empfehle ich Ihnen, sich einen Zettel zu nehmen und darauf die Eigenschaften zu notieren, die Sie an sich für wichtig halten. Z.B. verspielt, süß, klar, lustig, mitfühlend,….). Dann notieren Sie daneben, was für ein Kleidungsstil das ausdrücken könnte. Z.B.: Rüschen und Pastellfarben, kurze Röcke, gerade geschnittene Anzüge, fröhlicher Mustermix, erkennbare Ökolabel, etc. Und dann gehen Sie mit dem Zettel zu Ihrem Kleiderschrank und schmeißen alles weg, was nicht auf dem Zettel steht.

Damit haben Sie gleich schon einen Teil Frühjahrsausputz erledigt. ?

Verständnis des eigenen Ich und die Fähigkeit zum äußerlichen Ausdruck reduziert ökologische Folgen der Mode.

Und gleichzeitig tragen Sie jetzt und zukünftig zur Rohstoff- und Ressourcenschonung bei. Denn jede erwachsene Frau in Deutschland besitzt im Durchschnitt 118 Kleidungsstücke (ohne Unterwäsche und Strümpfe), von denen sie jedes Fünfte noch nie getragen hat oder tragen wird (https://www.greenpeace.de/files/publications/20151123_greenpeace_modekonsum_flyer.pdf).

Das summiert sich auf mehr als eine Milliarde Kleidungsstücke, die ungenutzt im Schrank liegen und sinnloserweise Ressourcen unseres Planeten verbraucht haben. Die anderen Kleidungsstücke überleben selten länger als drei Jahre. Und drei Viertel davon nicht, weil sie kaputt sind, sondern weil sie nicht mehr gefallen. Ich kann mich hier nur der Greenpeace-Forderung anschließen. Kaufen Sie Kleidung nur dann, wenn sie benötigt wird und reparieren Sie si nach Möglichkeit.

Noch mehr können Sie tun, wenn Sie Ihren eigenen Stil in Abhängigkeit von Ihrem Persönlichkeitstyp entwickeln. Hierfür kaufen Sie sich typgerechte Kleidung bei ausgewiesenen Ökolabeln. Adressen und Produkte finden Sie z.B. unter https://utopia.de/galerien/oeko-mode-labels-marken/ und www.avocadostore.de.

Oder Sie kaufen sich die passenden Stoffe – auch hier gibt es welche mit Ökozertifikat (am besten mit GOTS, z.B. www.siebenblau.de) – und lassen sich bei Maßschneidern hochwertige und für Sie genau passende Teile anfertigen. Die schmeißen Sie dann sicher nicht schon nach 3 Jahren wieder weg und davon brauchen Sie auch nicht 118 Stück.

Fazit:

Offensichtlich ist es immer mal wieder nötig, uns daran zu erinnern, Überzeugungen und Haltungen kritisch zu hinterfragen. Und uns daran zu erinnern, dass unsere Schönheit (und die unserer Freudinnen, Schwestern und Kolleginnen) nicht von Bildern bestimmt werden sollte, die nichts mit der Realität und ihrem ganz persönlichen und individuellem Stil zu tun haben!

 

Kommentare sind geschlossen.

Ältere Nachrichten

15

07.18

Haben Sie heute schon an Sex gedacht?

Wenn Sie eine Frau sind: Dann in jeder wachen Stunde mindestens einmal. Wenn Sie ein Mann sind, dann mehr als zweimal. Das behauptet eine aktuelle Studie an der Universität Ohio zumindest. Aber wie oft haben Sie darüber nachgedacht, warum Sie darüber nachdenken (und es auch tun)? Nie? Dann geht es Ihnen wie mir, bis ich anfing, für meine nächsten Blogartikel zum Thema Sexualität zu recherchieren.

28

06.18

Die Geburt – Traum oder Trauma?

 

Was liegt näher, als nach den Texten zu Frauen und Männern etwas über Sexualität zu schreiben, dachte ich mir. Doch das Thema Sexualität ist nicht nur mit den beiden Geschlechtern, sondern auch mit Geburt und Tod verbunden. Denn mit Sex versuchen wir dem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen zu entgehen.

15

06.18

Anima und Animus

Ich habe in meinen letzten Blogs über Männer und Frauen immer wieder über Selbstreflexion und über das Finden der eigenen Wünsche und Ziele geschrieben. Darin habe ich behauptet, dass sich erst, wenn wir uns selbst verstehen und uns unabhängig von äußeren Wünschen oder geschlechtsbezogenen Zuschreibungen weiterentwickeln, auch