Pilze

Nun – wie im letzten Blog über Viren und Bakterien versprochen (Link hier) all die spannenden Informationen über das Reich der Pilze.

Gäbe es uns ohne Pilze?

Was wir aus meiner Sicht vollständig unterschätzen, sind die Pilze. Gemeinhin fallen uns vor allem essbare oder giftige Pilze ein, die wir im Wald finden können. Und ganz dunkel erinnern wir uns vielleicht, dass diese Pilze nur die Köpfe oder Fruchtkörper eines unterirdischen Pilzmyzels sind. Doch es gibt noch so viel mehr über diese ungeheuer faszinierenden Geschöpfe zu wissen, denn Pilze sind weitaus mehr als das, was wir sehen. Viele Pilze sind Mehrzeller, viele aber auch nicht (wie die einzelligen Hefen).

Zunächst: auch wenn sie ortsbeständig wie Pflanzen sind, sind sie eher enger mit Tieren verwandt, denn sie müssen „fressen“ (also organisches Material aufnehmen), um zu überleben. Im Gegensatz zu Pflanzen können sie ihre Stoffwechselenergie nicht von der Sonne beziehen. Um weiter zu existieren, haben sie allerdings andere, sehr beeindruckende Fähigkeiten entwickelt: sie können sogar extrem festes Material durchdringen, entweder durch physische Kraft oder durch den Einsatz von Enzymen.

Das war vor allem zu Beginn ihrer Entwicklungsgeschichte sehr wichtig. Pilze sind nachgewiesenermaßen mehr als 1 Milliarde Jahre alt. Wir wissen heute, dass winzige Pilze zu den ersten Lebewesen unseres Planeten gehörten. Auf dem damals noch steinigen und vollständig unbewachsenen Fels der Erde haben diese Pilze Mineralien aus Steinen abgebaut, indem ihre Sporen Säuren bildeten, mit denen die Oberfläche der Steine aufgebrochen werden konnte, so dass das Pilzmyzel an die Mineralien im Inneren des Steines herankam. Auf diese Weise verwandelten Pilze Fels in Erde und schufen damit die Grundlage für pflanzliches Leben.

Vor 500 Millionen Jahren haben sich die aus dem Wasser stammenden Algen mit bestimmten Pilzen verbunden um das Land zu besiedeln – aus diesem Bündnis enstanden zunächst die Flechten, die heute noch auf Steinen und Bäumen zu finden sind. Seitdem gibt es zwischen Pflanzen und Pilzen eine enge Symbiose; kaum eine Pflanze ist im Erdboden nicht mit Pilzen verbunden. Dabei verbinden die Pilze ihre Pilzfäden mit den Baumwurzeln zur sogenannten Mykorrhiza (Pilz-Wurzel). In dieser Symbiose erhalten die Pilze Zucker von den Pflanzen und geben den Pflanzen dafür Mineralien wie Phosphor und Stickstoff aus dem Boden. Somit waren Pilze praktisch die Geburtshelfer des Lebens, denn erst durch die Landpflanzen kam genug Sauerstoff für landlebende Pflanzen und Tiere in die Atmosphäre.

Besonders spannend fand ich, dass noch lange bevor die ersten Wälder entstanden, bis 8 m hohe Pilze die Oberfläche der Erde gestalteten. (In dem äußerst spannenden ARTE-Film: „Das Königreich der Pilze“ kann man eine Computeranimation unseres Planeten mit diesen Formationen sehen. Niemand würde glauben, dass es sich um die Erde handelt, denn solche Bilder kennen wir nur aus Science-Fiction-Filmen). 50 Millionen Jahre lang hatten die Pilze der Gattung Prototaxites keine Feinde, bis die Insekten entstanden und sie ihn von unten her auffraßen.

Schon mal vom Wood Wide Web gehört?

Diese Symbiose zwischen Pflanzen und Pilzen führt dazu, dass ganze Wälder und Pflanzenlandschaften unterirdisch vernetzt sind – das ist quasi das Internet des Waldes. In der Zwischenzeit weiß man, dass Bäume sich über dieses Netzwerk über Gefahren wie angreifende Insekten informieren können. Diese Information erfolgt nicht unkoordiniert, sondern ist an konkrete Adressaten gerichtet, und sie funktioniert nicht nur in einer Richtung. Nicht umsonst wird dieses Netzwerk daher „Wood Wide Web“ genannt. Auch, weil nicht ein einzelner Baum mit einem einzelnen Pilz eine Beziehung eingegangen ist, sondern das Netzwerk alle Beteiligten umfaßt, die unterschiedliche Stoffe einspeisen und entnehmen. Wie überall in der Natur, wird auch in diesem Netzwerk nicht nur harmonisch unterstützt, sondern auch hinterhältig genommen und gemordet. So werden nicht nur gewünschte Nährstoffe, sondern auch Gifte an bestimmte Pflanzen geschickt, um deren Wachstum zu hemmen. Zahlreiche Pilze leben auch als Parasiten und entziehen durch ihr Myzel den Bäumen und Sträuchern Nährstoffe ohne Gegenleistung. Ein fast unvorstellbares Beispiel hierfür ist ein Hallimasch-Pilz (Armillaria gallica oder Dunkler Laubholzhallimasch) in den Wäldern von Michigan. Dieser Pilz erstreckt sich über mehr als 950 Hektar des Waldbodens. Damit ist er offiziell das größte Lebewesen der Erde – und wahrscheinlich auch das älteste. Forscher gehen davon aus, daß dieser Hallimasch ca. 2500 Jahre alt ist.

Sind Pilze gefährlich für Menschen?

Außerdem leben natürlich auch viele Pilze auf der so genannten Streuschicht der Wälder; das ist die Schicht, die aus totem Material (Blätter, Zweige umgestürzte Bäume) besteht. Ohne die Pilze würde das in diesem toten Material gebundene organische Material dauerhaft ungenutzt bleiben. Durch die Pilze wird es anderen Lebewesen wieder zugänglich gemacht.

Deshalb war der Meteoriteneinschlag von 70 Millionen Jahren (als die Saurier gestorben sind) auch ein ausgesprochener Glücksfall für die Pilze, denn es war unendlich viel organisches Material zu verwerten in einer Zeit, in der auf Sonne angewiesenen Pflanzen große Probleme hatten.

Wie wir wissen, hat sich nach diesem Meteoriteneinschlag die Gattung der Säugetiere rasant entwickelt, da sie nun die Lücke, die durch das Aussterben der Dinosaurier entstanden war, füllen konnte. Da zu dieser Zeit Pilze zahlreich und aggressiv gewesen sein müssen, sie aber bei Temperaturen oberhalb von 37° C nicht gut wachsen konnten, könnte man vermuten, dass sich die Warmblütigkeit der Säugetiere als Schutz gegen Pilze entwickelt hat.

Wie viel daran ist, sieht man an dem derzeit Fledermäuse in Kanada und den USA befallenden Pilz (Pseudogymnoascus destructans) – der das tödliche Weißnasensyndrom verursacht. Werden die Fledermäuse aus ihrem Winterschlaf geweckt und gefüttert (das ist wichtig!), sind sie in der Lage, den Pilz zu kontrollieren. Sinken die Körpertemperaturen wieder ab, sind sie dem Pilz hilflos ausgeliefert. Wie genau der Pilz die Fledermäuse tötet, ist noch unklar. Man vermutet, daß das Immunsystem der Fledermäuse auf den Befall reagiert und deshalb den Stoffwechsel der betroffenen Tiere hochfährt. Das jedoch führt bei einem Lebewesen, dessen Energiereserven nur im festen Winterschlaf bis zum Frühjahr reichen, zum vorzeitigen Energiedefizit, so daß die Fledermäuse verhungern oder erfrieren. Seit dem Auftreten des Pilzes sind zahlreiche Kolonien mit Millionen von Exemplaren zu fast 90% ausgestorben. Derzeit gibt es zum Glück Hoffnung, da sich zahlreiche Arten stabilisieren oder sogar erholen, offenbar, weil sich resiliente Exemplare entwickelt und vermehrt haben.

Ebenfalls durch einen Pilzbefall sterben seit etwa 10 Jahren Amphibien in Australien und Lateinamerika aus. Die dafür verantwortlichen Pilzarten gehören zu den Chytridpilzen (Töpfchenpilze). Diese Pilzart schaltet das Immunsystem der Amphibien aus und infiziert die Haut, die für Amphibien als Atmungsorgan überlebenswichtig ist. Aber auch hier zeichnet sich trotz gleichbleibender Infektiosität des Pilzes erfreulicherweise eine Besserung ab, weil eine Reihe von Amphibien genetische Veränderungen aufweisen, die den Pilz abwehren können.

Das sind die beiden bekanntesten Beispiele für den Vormarsch der Pilzinfektionen, die häufig unerkannt und daher unterschätzt verlaufen. Auch den Menschen hat die Veränderung in der Zwischenzeit erreicht.

Denn auch wenn uns die eine Billion Pilze, die in und auf uns leben, normalerweise nicht beeinträchtigen, können selbst diese uns in bestimmten Situationen gefährlich werden.

Pilze sind für den Menschen meist harmlos, es sei denn, er hat ein gestörtes oder reduziertes Immunsystem – dann kann er sich nämlich wunderbar verbreiten. Schätzungen für Deutschland gehen von mehr als 10.000 invasiven Pilzinfektionen aus. Im Gegensatz zu den Pilzen auf Haut oder Nägeln gelingt es in diesen Fällen dem Pilz, über eine Eintrittswunde in den Blutkreislauf, in die Lunge oder das Herz zu gelangen. Häufig handelt es sich hierbei um Vertreter der Hefe- (Candida) oder Schimmelpilze (Aspergillus).  Im Körper sind diese schwer behandelbar, so daß ein Drittel der Patienten verstirbt. Diese Schwierigkeiten haben mit dem originären Lebensraum von Pilzen zu tun – dem Boden. Hier sind sie z.B. Amöben ausgesetzt, die Pilzsporen aufnehmen wollen. Pilze entwickelten also schon vor sehr langer Zeit einen Schutzmechanismus gegen Amöben und unsere Immunabwehrzellen sind für einen Pilz wie Amöben.

Zudem sind Pilzinfektionen sehr schwer zu diagnostizieren. Bakterienkulturen sind schnell angelegt – Pilzkulturen wachsen sehr viel langsamer. Viele verursachen Symptome, die auch durch bakterielle Infektionen bekannt sind, so daß zunächst nach diesen Erregern gesucht wird – schön für den Pilz, der sich in der Zwischenzeit weiter im Körper ausbreitet. Daß viele Pilzinfektionen übersehen werden, zeigte eine Autopsie von Verstorbenen mit unbekannten Todesursachen. Bei 10% dieser Autopsien wurden invasive Pilzinfektionen gefunden. Dreißig Jahre früher waren es nur 2% -möglicherweise ein Hinweis auf zunehmende Pilzerkrankungen.

Problematisch wird es, wenn sich Pilze als gefährlich für gesunde Menschen erweisen. Seit 1999 grassiert der Pilz Cryptococcus gattii in der Provinz Vancouver Island. Das ist ein Hefepilz, der über seine Sporen die Atmungsorgane von Haustieren und Menschen befällt und eine Letalitätsrate von 25% aufweist. Wenn auch die ersten Erkrankungen zunächst nur immungeschwächte Erwachsene betrafen, konnte die neuere Variante des Pilzes auch gesunde Erwachsene und Haustiere befallen. Zum Glück trat der – aus Asien stammende – Pilz nur örtlich begrenzt auf und konnte mittlerweile beseitigt werden.

Während eine Behandlung gegen Bakterien und Viren oft nur Wochen dauert, ist eine Behandlung gegen Pilze oft langwierig und kann Monate bis Jahre dauern. Kompliziert wird die Situation dadurch, daß wir nur über vier verschiedene Klassen von Antimykotika verfügen (im Vergleich zu mindestens 20 verschiedenen Klassen von Antibiotika) und zu allem Überfluß jetzt schon ein Drittel der krankenhausrelevanten Pilze bereits gegen die wenigen vorhandenen Antimykotika resistent sind.

Aber Pilze sind doch auch sinnvoll, oder?

Davon kannst du ausgehen, denn, du hast es geahnt, auch von Pilzen haben wir DNA in unsere DNA übernommen.

Abseits der Gefahren lieben wir Pilze auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Natürlich zunächst einmal, weil wir eine Menge schmackhafter Pilzfruchtkörper in unseren Wäldern finden oder sie extra kultivieren, um unseren Speiseplan damit zu ergänzen.

Aber nicht nur das – Bier, Wein und andere alkoholische Getränke verdanken verdanken wir der alkoholischen Gärung der Hefen! Unser (Leber-)Stoffwechsel kann Alkohol abbauen, nicht zuletzt, weil dieser auch in unserem eigenen Körper als Zwischenprodukt entsteht. Eine evolutionär äußerst hilfreiche Fähigkeit, denn auf den Boden fallende Früchte platzen auf und entwickeln durch den Besatz mit Hefepilzen Alkohol. Wenn eine Lebensform sich also vor allem von Nahrungsmitteln auf dem Boden ernährt, sollte sie sinnvollerweise Alkohol vertragen. Folgerichtig lernte der Mensch mit der Sesshaftwerdung nicht nur backen, sondern auch brauen – und sie sahen auch, daß nach dem Genuß von alkoholhaltigen Getränken weniger Durchfallerkrankungen auftraten. Wir wissen aus sumerischen Keilschrifttafeln, daß mehr als die Hälfte der angebauten Gerste nicht zum Verzehr, sondern zum Bierbrauen benötigt wurde. Vielleicht war Trinken damals nicht nur Genuß, sondern auch Pflicht 😊😊, um all die Keime abzutöten, die in den ursprünglich ganz und gar nicht unseren hygienischen Maßstäben entsprechenden Siedlungen anzutreffen waren.

Über Jahrtausende haben wir zum Bierbrauen immer nur eine einzige Hefe benutzt. Bis Rob Dunn, ein amerikanischer Biologe, auf der Suche nach anderen Bier erzeugenden Hefen auf einer Faltwespe (ja, logisch, da sucht man nach Hefen 😊) fündig geworden ist. Ob das Bier, das eine befreundete Brauerei dann damit gebraut hat, auch wirklich trinkbar war, kann ich dir nicht sagen. Er hat es zumindest beim Probieren nicht gleich wieder ausgespuckt.

Und wegen des Käses. Ja, auch hier sind – zumindest bei einigen Sorten – Schimmelpilze an der Herstellung beteiligt. (Den Rest machen übrigens Bakterienkulturen.)

Sollte ich hier das Psilocybin erwähnen? Ja, unbedingt. Schon deshalb, weil es ein gutes Beispiel dafür ist, wie gut unsere Vorfahren die Wirkungsweise verschiedenster in der Natur vorkommender Stoffe kannten. Der in mehr als 100 Pilzarten weltweit vorkommende Stoff Psilocybin wirkt als halluzinogene Droge und ist in der Vergangenheit von verschiedenen Völkern zur Kommunikation mit Naturgeistern und Ahnen eingesetzt worden. Diese spirituelle Erfahrung und die Erweiterung des Geistes für neue ungewöhnliche Wahrnehmungen ist auch der prägende Eindruck heutiger Konsumenten. Nachdem der Stoff in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts auch im psychiatrischen Bereich zur Linderung und Bearbeitung psychischer Störungen genutzt wurde, dann aber als unwissenschaftlich verboten wurde, nimmt die Wissenschaft die damaligen Versuche langsam wieder auf. So konnte in einer Langzeitstudie z.B. der stimmungsaufhellende und angstlösende Effekt bei Krebspatienten gezeigt werden (Quelle).

Das wäre ja nicht der erste Pilz, der als Heilmittel dient. Denn ebenfalls ein Schimmelpilz ist verantwortlich dafür, daß wir seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges über ein Antibiotikum verfügen, dessen Wirkung man daran ablesen kann, daß sich seit der ersten Penicillintablette die Weltbevölkerung verdreifacht hat.

Selbst Ötzi trug Pilze bei sich, als er vor mehr als 5000 Jahren in den Alpen ermordet wurde. Neben dem Zunderschwamm fürs Feuermachen trug er auch einen Birkenporling bei sich, DAS Allheilmittel der Bronzezeit mit entzündungshemmender und magenberuhigender Wirkung.

Das Pilzwissen alter Völker wird zunehmend zusammengetragen und hilft der Wissenschaft, neue Medikamente zu produzieren. Allerdings sind Pilze in der Lage, chemische Substanzen zu schaffen, die wir – bislang – auf synthetischem Wege nicht nachvollziehen können.

Viren, Bakterien und Pilze stehen nie irgendwo allein – immer sind sie miteinander verbunden, ob in Zusammenarbeit oder Kampf und immer sind sie mit einem Wirtsorganismus zusammen zu betrachten. Deshalb jetzt noch ein paar der faszinierenden Beispiele, die mehr als deutlich machen, daß unser Versuch, alles in Einzelteile zu zerlegen und es dann zu erforschen, nur bis zu einem bestimmten Punkt sinnvoll ist.

Der Viren-Bakterien-Pilz-Komplex

In der Symbiose zwischen Pilzen und Pflanzen sind nachweislich auch Bakterien beteiligt, alle drei sind an der Balance unterschiedlichster Ökosysteme beteiligt.

Bakterien rufen Pilze zu Hilfe, wenn ihnen Gefahr durch Fadenwürmer droht. Wissenschaftler hatten bis jetzt angenommen, daß Pilze, die sich gern von Fadenwürmern ernähren, deren Gegenwart durch die von den Würmern abgesonderten Stoffe finden. Nun haben sie festgestellt, daß der Bakterienrasen, den der Fadenwurm gern frisst, mit der Produktion eines bestimmten Harnstoffes beginnt, sobald er Fadenwürmer in der Nähe bemerkt. Dieser Stoff wird in den Pilzen für die Bildung des Enzyms benötigt, das der Pilz für die Herstellung der Fangnetze für den Fadenwurm braucht. Ist Natur nicht unglaublich?!

Unsere Darmflora enthält Pilze, Bakterien und Viren, die miteinander verbunden sind und sich gemeinsam um unser Verdauungssystem kümmern. Unsere gesamte DNA ist ein Beleg für die Verschmelzung unterschiedlichster Lebensformen zu einem System.

Sogar unser Geschlechtsleben verdanken wir der mikrobiologischen Welt. Denn es gilt als erwiesen, daß geschlechtliche Fortpflanzung durch die Kombination unterschiedlicher Gene evolutionär besser in der Lage ist, das Gleichgewicht des eigenen Ökosystems trotz der sich ständig verändernden Viren und Bakterien und Pilze beizubehalten.

Viren und Bakterien, manchmal auch Pilze sind oft Konkurrenten um die gleichen Wirtszellen und daher in zahlreiche Kämpfe miteinander verstrickt. Es gibt Viren, die Insekten befallen und damit in ihrem Verhalten beeinflussen. Pilze, die Bakterien befallen und Viren, die Pilze vernichten. Den einen oder anderen Kampf machen wir uns bereits zunutze. So nutzen Hummerzüchter Viren, um schädliche Bakterien zu vernichten. Andere Viren werden als Gegenmittel gegen bestimmte Schadinsekten eingesetzt.

Wir benutzen Pilze, um auf Bakterien einzuwirken. Wir hoffen auf ein neues Pilzprodukt (Aspergillomarasmin A), um gegen multiresistente Bakterien vorgehen zu können. Oder wir suchen uns Bakterien, um Pilze zu bekämpfen. So bergen möglicherweise probiotische Pseudomonas–Bakterien die Rettung der Fledermäuse vor dem Weißnasen-Pilz.

Wir benutzen Bakteriophagen, also Viren, als Hilfsmittel gegen Bakterien. Oft sind diese der letzte Hoffnungsstrahl für von multiresistenten Bakterien geplagte Menschen. Das Georgi-Eliava-Institut in Tbilissi, Georgien, sammelt, erforscht und nutzt seit 1923 Phagen zur Bekämpfung von Krankheiten.

Du siehst also, gerade die Bestandteile der mikrobiellen Welt sind nicht voneinander zu separieren. Man versteht den ganzen Komplex nicht aus der Sicht seiner Einzelteile.

Jedoch, immer wenn das gut austarierte Gleichgewicht irgendwo verloren geht, werden manche Beteiligten auf Kosten anderer stärker. Und oft sind wir – wissentlich oder unwissentlich – beteiligt.

Welche Folgen der menschlichen Eingriffe erkennen wir jetzt schon?

Das fängt ganz harmlos an : Wir versuchen immer mehr Hygiene und Keimfreiheit in unser Leben einzuführen und verstehen nicht, daß unser Immunsystem ohne das Training an ungefährlichen Viren, Bakterien und Pilzen nicht nur seine Schlagkraft verliert, sondern sogar dazu neigt – aus Mangel an Beschäftigung – die eigenen Zellen zu attackieren. Und ja, das sage ich gerade auch in Zeiten einer Corona-Infektion!

Wir setzen in großem Stil Antibiotika und Antimykotika ein und erhalten als Resultat multiresistente Bakterien und Pilze. So gilt mittlerweile jeder 10. Schimmelpilzstamm als resistent, weil wir Antipilzmittel in den großen Monokulturen unserer Landwirtschaft einsetzen.

Die Resistenz der Bakterien ist ebenfalls nicht allein der Evolution der Bakterien geschuldet, sondern wir tragen selbst den größten Anteil daran. Nicht nur dadurch, dass wir Antibiotika auch in wenig bedrohlichen und oft sogar sinnlosen Situationen (zum Beispiel bei viralen Erkrankungen) einsetzen, sondern vor allem durch unseren Umgang mit der Umwelt.

In einer hoch interessanten ARD-Dokumentation sind Journalisten und Ärzte der Frage nachgegangen, inwieweit Antibiotikaresistenzen von Bakterien mit den Produktionsstätten von Antibiotika in Zusammenhang stehen. Dazu reiste das Produktionsteam nach Hajderabad in Indien, wo ein Großteil der Fabriken Antibiotika oder Ausgangsstoffe für Antibiotika produziert, die dann weltweit zum Einsatz kommen. Die Forscher fanden zu ihrem Entsetzen an praktisch jeder Stelle in Hajderabad, vor allem aber in dem die Stadt durchfließenden Fluss jede Menge multiresistenter Bakterien. Sämtliche im Umfeld befindlichen pharmazeutischen Fabriken hatten trotz ihrer Beteuerungen, daß sie ihre Abwässer klären würden, überall im Umfeld der Abflüsse hohe Konzentrationen von Antibiotika zu verzeichnen. Dieses Vorkommen von Antibiotika in den Gewässern ist für Bakterien natürlich ein herausragendes Trainingszentrum, was sich in der hohen Anzahl multiresistenter Bakterien in dieser Stadt bemerkbar macht.

Und diese werden zweifelsfrei durch unsere globale Reisetätigkeit weltweit verteilt. Durch denselben Reiseverkehr tragen wir Pilze in Gebiete, wo sie ganze Arten auslöschen und damit die gesamte Ökostruktur verändern wie bei den Fledermäusen in Kanada und den USA. Die Folge: Notwendiger Einsatz von Insektenvertilgungsmitteln in Milliardenhöhe, da die Fledermäuse als Insektenvernichter ausfallen. Und du ahnst es – da schließt sich der Kreis.

Darüber hinaus bietet auch die Tierhaltung in Ställen ein Reservoir für Bakterien und ihre Entwicklung zu multiresistenten Keimen. Multiresistente Bakterien können dann aus den Ställen über die Klimaanlagen, die Abwässer und durch den direkten Kontakt mit den Tieren auf uns Menschen übertragen werden. Du kannst dir diese Bakterien mittlerweile jedoch bereits durch einen einfachen Einkauf ins Haus holen. 2019 hat German Watch Hähnchenfleisch aus Discountern untersucht, von dem 50 % antibiotikaresistente Keime auf der Oberfläche mitbrachte.

Die von uns erzeugte massive Klimaerwärmung hat neben den bekannten Fakten auch zur Folge, daß die bisher wärmeempfindlichen Pilze zunehmend in einen Toleranzbereich gezwungen werden, der sie dann für uns hochgefährlich macht.

Durch unsere schonungslose Ausbeutung der Natur, die die Lebensräume diverser Tiere einschränkt, erhalten wir – irgendwie im Ausgleich – dafür zahlreiche Viren, die vorher nie Kontakt zu uns hatten. So sind die Fledermäuse, die Ebola über einen Zwischenwirt zu uns gebracht haben, nicht etwa die blutsaugenden Varianten, sondern die Fruchtfresser, die normalerweise keinerlei Kontakt zu uns oder unseren Haustieren haben. Geschätzt (Scott Handley, Saint Louis) warten noch etwa 320.000 Säugetierviren auf uns. Und das, wo schon heute 75% aller neuen Krankheiten von Tieren auf uns übertragen werden.

Und um es dem Viren-Bakterien-Pilze-Komplex leicht zu machen, leben wir in Riesenstädten, die auf Grund der örtlichen Nähe der Menschen und zahlreicher Haus- und Wildtiere sowie aller Viren, Bakterien und Pilze beste Voraussetzungen nicht nur für die Vermischung, sondern auch für die schnelle Verteilung bieten. Tuberkulose wurde erst durch diese Wohnweise – in zugegebenermaßen deutlich unhygienischeren Umständen – zu einem Massenphänomen. Heute ist ein Drittel der Menschheit wahrscheinlich infiziert, die Todesfälle resultieren aber vor allem aus der katastrophalen medizinischen Versorgung in Russland, Afrika und Lateinamerika.

Die mit Städtebau und Reiseverkehr sowie Industrie verbundenen Auswirkungen der Umweltverschmutzung begünstigen Atemwegserkrankungen und deren Verläufe, egal ob diese durch Bakterien, Pilze oder Viren erzeugt worden sind.

Und wenn wir gar nicht mehr weiter wissen, versuchen wir die Gene von Bakterien und Pilzen, von Pflanzen und Tieren zu verändern, um sie unserem Willen zu unterwerfen. Daß das in einem in sich geschlossenen Ökosystem – unserer Erde – nicht ohne unabsehbare Nebenwirkungen funktionieren kann, sollte jedem bewusst sein.

Was ist also zu tun?

In allen Publikationen zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten werden immer wieder dieselben drei Punkte genannt:

  1. Mehr Hygiene.

Natürlich haben die heute in den Industriestaaten deutlich hygienische Bedingungen maßgeblich zur Reduzierung diverser Infektionskrankheiten beigetragen. Doch während wir uns in gerade diesen Industriestaaten (und hier gerade während der Corona-Pandemie) auf mehr und noch mehr Hygiene konzentrieren, in der Hoffnung ein keimfreies Leben zu erreichen, sollten wir berücksichtigen, welche unerwünschten Konsequenzen – siehe oben – eine solche Keimfreiheit mit sich bringt. Wir vernachlässigen hingegen komplett, dass für viele Menschen auf diesem Planeten bereits die erste Grundbedingung dafür fehlt: der Zugang zu sauberem Wasser. Dafür Geld zur Verfügung zu stellen, würde die Gefahr der globalen Verteilung neuer Infektionskrankheiten drastisch minimieren.

  1. Ein kostenfreies und für jeden erreichbares Gesundheitssystem

Wie hoch die Bedeutung eines solchen Gesundheitssystems ist, kann man gerade in der aktuellen Situation deutlich erkennen. Wem das zu aktuell ist, der mag auf die Ebola-Zahlen schauen. Abhängig vom jeweiligen Virusstamm sterben in Afrika unter zum Teil unfassbaren Bedingungen bis zu 90 % der Infizierten. Werden an Ebola erkrankte Patienten unter Standards westlicher Intensivmedizin behandelt, reduziert sich die Zahl auf 25 %.

  1. Fokussierung auf die Erforschung neuer Medikamente

Selbst wenn das unser Fokus ist, und so sieht es gerade auch in der aktuellen Krise wieder aus, gibt es doch Lebensbereiche, die augenscheinlich für alle Staaten in den westlichen Industrienationen von deutlich höherer Bedeutung sind. Weltweit wird nämlich im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt weltweit mehr Geld für Militär (2,2%) als für Forschung und Entwicklung in allen Wissenschaftsbereichen ausgegeben (Europa: 2,06%, Großteil der Länder außer Israel und asiatischen Staaten deutlich unter 1,5%). Für Deutschland heißt das konkret: das Bundesministerium für Verteidigung verfügt über einen Etat von 45 Mrd. €, davon werden allein 7 Mrd. € für militärische Beschaffung ausgegeben. Nur 7 Mrd. € umfaßt jedoch der Gesamthaushalt des Ministeriums für Forschung und Entwicklung. Davon werden 500 Mio € für Forschungen im Gesundheitswesen, 200 Mio € für Klimaforschung, 140 Mio € für Entwicklungen in der Bioökonomie und 120 Mio € für Umwelttechnologie ausgegeben. (Nachzulesen hier: Quelle).

ABER:

Und selbst wenn wir die ersten drei Maßnahmen perfekt umsetzen würden, aber uns weiterhin der Erkenntnis verweigern, daß wir nicht nur ein Ökosystem mit Pilzen, Bakterien und Viren bilden, sondern Bestandteil des Ökosystems Erde sind, versuchten wir weiterhin Einzelsymptome zu kurieren ohne deren Einfluß auf das Gesamtsystem zu verstehen. Und wundern uns immer wieder über die Folgen. Erst wenn wir verstehen, dass jede einzelne Maßnahme auf uns zurückwirkt, und nicht immer so positiv wie wir uns das wünschen, sind wir vielleicht in der Lage, neue Entscheidungen zu treffen.

Ich habe in einem Artikel zu diesem Thema gelesen, wir könnten ja wohl schlecht unsere Städte verlassen oder keinen Ackerbau und keine Viehzucht mehr betreiben. Ich sage, wenn wir schon so an die Probleme herangehen, werden wir keine Lösung finden. Unseren Status quo, und unsere Zivilisation so zu erhalten wie bisher ist einfach bei einem jährlichen Verbrauch der Ressourcen von 1,75 Erden nicht zukunftsfähig. Je eher wir das erkennen, umso schneller werden wir zu neuen Lösungen finden, vielleicht tatsächlich jenseits der Großstädte und vielleicht tatsächlich jenseits der Monokulturen im Ackerbau und der Massentierhaltung.

Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, denn die junge Generation, die nachwächst, versteht schon sehr viel besser, wie eng verbunden alles mit allem ist.

In der Hoffnung, auch dir wieder einmal ein paar interessante Fakten und ein paar Ideen geliefert zu haben, bleibe ich wie immer

Deine Claudia