Was die gesellschaftliche Bedeutung des Wörtchens „NEIN“ mit psychischen Krankheiten zu tun hat. Zurück

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03.18

Wissen Sie, was der häufigste Satz ist, den meine weiblichen Patienten im ersten Gespräch mit mir äußern? „Ich kann einfach nicht „Nein“ sagen.“ Und die meisten wissen zwar, daß das auf Dauer nicht gesund ist. Jedoch ist der gesellschaftliche und soziale Druck so groß, daß es nicht immer einfach ist, sich aus diesem Netz zu befreien und zu den eigenen Wünschen zu stehen. Ich habe mich ja schon in meinem ersten Blog zum Thema Frauen in unserer Gesellschaft dazu verbreitet, dass die heutigen Anforderung an Frauen praktisch nicht mehr erfüllbar sind. Das gilt im Übrigen für Männer genauso, nur dass diese anders damit umgehen. Mehr zu dem Thema „Männer in unserer Gesellschaft“ werden Sie in meinen Blogs ab dem 15. Mai lesen.

Frauen leiden besonders…

Frau sein, Karriere machen, unabhängig sein, eine gute Mutter sein, eine gute Mitarbeiterin oder Chefin sein…. Verbunden mit einem Hang zu Perfektionismus, der nach meiner subjektiven Wahrnehmung ebenfalls zunimmt, ist der Weg in den Abgrund eigentlich vorprogrammiert. Ausweg bieten vor allem Drogen jeglicher Art, aber auch die unterschiedlichsten Krankheitsbilder, die zu Auszeiten und Zuwendung führen sollen. Daher hier zunächst einmal die – erschreckenden – Fakten:

1. Sucht wird weiblich.

Medikamentenabhängige Frauen sind gegenüber den Männern schon heute in der Überzahl. Man geht von einer Größenordnung von 2,1-2,6 Millionen Deutschen aus, die einen problematischen Konsum von abhängig machenden Medikamenten aufweisen. Davon sind 60-70% weiblich, die Mehrheit davon im Alter oberhalb der 45 Jahre.

Für den Mißbrauch süchtig machender Medikamente gibt es eine Reihe von Risikofaktoren: ist man alleinerziehend und sozial benachteiligt, gefangen in einer Arbeit mit wenig Gestaltungsspielraum, beeinträchtigt durch schwere Partnerschaftsprobleme (verbunden vor allem mit Gewalt und Alkoholismus), so ist das Risiko, von Medikamenten abhängig zu werden, besonders hoch. Diese Zusammenstellung von Risikofaktoren betrifft überwiegend Frauen.

Bei Alleinerziehenden stehen 400.000 alleinerziehenden Vätern 2,3 Millionen alleinerziehende Mütter gegenüber. Zudem müssen doppelt soviel alleinerziehende Frauen wie alleinerziehende Männer ALG II beantragen. 104.296 Frauen, die nach der Statistik des BKA Opfer von Gewalt in der Partnerschaft werden, stehen 23.167 Männer gegenüber, Tendenz zunehmend. Die Anzahl der Alleinerziehenden steigt, die Gewalt in der Partnerschaft nimmt zu.

Die Einnahme von Schmerz- und Beruhigungsmitteln hat sich on 2014 bis 2017 beinahe verdoppelt.

Wen wundert es da, dass sich die Einnahme von Schmerz-, Schlaf- und Beruhigungsmitteln von 2014 bis 2017 fast verdoppelt hat. Für rezeptfreie Schmerzmittel geben die Deutschen jährlich mehr als 1 Mrd. € aus. Und schon die haben nicht nur Nebenwirkungen auf Leber, Magen und Darm. Sie machen psychisch abhängig, weil sich die Nutzer an das Gefühl der Schmerzfreiheit gewöhnt haben. Und der Zusatz von Koffein in mindestens 25% der verkauften Schmerzmittel sorgt für ein gesteigertes Lebensgefühl.

Der Umsatz für verschreibungspflichtige Schmerzmittel lag 2017 bei 1,6 Mrd. €. Dabei ist die Verschreibung von opioidhaltigen und damit auch körperlich abhängig machenden Schmerzmitteln seit 2001 um 37% gestiegen. Ärzte verordnen diese zu schnell, zu lange und zu oft. Zudem wurden in Deutschland im Jahr 2017 28 Mill. Packungen Schlafmittel (davon 2/3 mit Suchtpotential) und fast 9 Mill. Schachteln Beruhigungsmittel mit dem Wirkstoff Diazepam verkauft.

Und das, obwohl Benzodiazepine – zu denen Diazepam gehört – unter dem Verdacht stehen, Alzheimer zu begünstigen. Die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung steigt um 51% bei einer mehr als 3monatiger Einnahme. Außerdem hat die Einnahme von Schmerz- und Beruhigungsmitteln gerade bei älteren Menschen ein erhöhtes Sturzrisiko, Inkontinenz und Vergesslichkeit zur Folge. Diazepam ist erst nach 70 Stunden abgebaut und reichert sich im Körper an.

Ich finde, man muß sich diese leise Form von Sucht in all ihren Fakten einmal klar machen – öffentlich gesprochen wird darüber viel zu wenig.

Eigenverantwortung kann Sucht vorbeugen.

Meines Erachtens sind für den Anstieg des Medikamentenkonsums nicht nur die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verantwortlich, über deren steigenden Druck schon seit Jahren – auch in den Medien – geklagt wird, die auch tatsächlich – siehe oben – gerade von Frauen Funktionsfähigkeit in allen Bereichen erwarten. Verantwortlich sind auch die erwachsenen Menschen, die – von einem sehr fürsorglichen Staat betreut – mehr und mehr eine kindliche Geisteshaltung einnehmen.  Es wird schon jemand oder etwas kommen , um dem Schmerz oder dem Problem Einhalt zu gebieten, weil es weder in der Verantwortung noch in der Möglichkeit des Betreffenden liegt, sich selbst eine Lösung zu schaffen. Gerade Medikamente sind – folgt man dieser Überzeugung – ein äußerst hilfreiches Mittel zur Behebung vorhandener Schmerzen körperlicher oder seelischer Art. Und sie sichern – anders als Alkohol – häufig die Funktionsfähigkeit des Konsumenten. Das macht sie gerade für Frauen besonders attraktiv.

Und nur nebenbei: die Gewinne der Pharmaindustrie übertreffen seit 15 Jahren die aller anderen an der Börse gehandelten Industrien.

In Bezug auf Alkohol liegen die Männer noch in Führung (bei 9,5 Millionen, die Alkohol in gesundheitlich riskanter Form konsumieren und ca. 1,2 Millionen Abhängigen). Waren jedoch am Anfang des 21. Jahrhunderts die Männer noch dreimal in der Überzahl, sind wir jetzt bereits bei einem Verhältnis von nur noch 2:1. Und bei jungen Menschen (ab Geburtsjahr 1991) hält sich der Risikokonsum bereits die Waage. Der einschränkende Effekt des sichtbaren Konsums (was bei Medikamenten ja anders ist) spielt keine Rolle mehr. Dafür ist Alkohol jederzeit und fast überall verfügbar. Bei geschätzten 2,7 Millionen Kindern trinkt mindestens ein Elternteil dauerhaft. Das bedeutet, daß eins von sieben Kindern mit einem alkoholkranken Elternteil aufwächst; bei jedem zwölften sind es bereits beide. Die Masse sind funktionierende Alkoholiker.

2. Sexueller Mißbrauch ist ein sehr häufige Basis nicht nur für Abhängigkeit sondern auch für zahlreiche psychische und psychosomatische Erkrankungen.

Jede 3. alkoholkranke Frau wurde als Kind mißbraucht, und fast jeder 3. Mann hat als Kind ebenfalls sexuelle Traumata erlitten. Medikamentenabhängige Frauen haben zu 67 % sexuelle Traumata erlitten und zu 30 % Gewalt.

Missbrauchte Kinder und Jugendliche leiden auch als Erwachsene an Störungen des Selbstwertgefühls, an Scham und Gefühlen von Wertlosigkeit. Drogen jeder Art ermöglichen ihnen, sich von diesen Gefühlen zu entfernen, sie nicht mehr wahrzunehmen oder zu kompensieren. Gerade Frauen nutzen Medikamente und Alkohol, um die eigenen Bedürfnisse zu vergessen und die Folgen leichter erträglich zu machen.

Um wieviel mehr gilt das vermutlich für schwer traumatisierte Menschen. Auch hier gibt es eine belegte Wechselwirkung zwischen der Fähigkeit zum Nein-Sagen und der Häufigkeit von sexuellem Missbrauch. Brave, angepasste Mädchen laufen deutlich häufiger Gefahr, sexuell missbraucht zu werden. Je kleiner die Kinder sind, desto einfacher ist es für den Täter zudem, ein Nein in ein Ja umzudeuten oder es einfach gar nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Es besteht ein Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und psychischen Erkrankungen.

Es gibt bereits zahlreiche Studien, die den Zusammenhang von sexuellem Missbrauch und psychischen Erkrankungen untersuchen. So sind ca. 70 % der Patientinnen in psychiatrischen Kliniken in Kindheit oder Jugend sexuell missbraucht worden. Eine Größenordnung, die einen viel offensiveren, öffentlicheren und strengeren Umgang mit dem Thema allemal rechtfertigen würde. In sämtlichen Studien, sei es zu Depressionen, zu Borderline-Störungen und zu dissoziativen Störungen ist die Anzahl der Erkrankungen unter den sexuell Missbrauchten immer deutlich höher als in den Kontrollgruppen. Die Suizidgefahr liegt um das 5fache höher als bei allen anderen.

Zusammenfassend ist man zu dem Schluss gekommen, daß sexueller Missbrauch als einzelne Ursache die Gefahr für jegliche psychische Erkrankung ungefähr verdoppelt. Das betrifft nun wiederum etwa doppelt so oft Frauen wie Männer. Untersuchungen lassen vermuten, daß bis zu 30% aller Mädchen und bis zu 15% aller Jungs bereits Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind. Und vermutlich ist die Zahl sogar noch höher, denn die Befragung orientiert sich an den anonymen Aussagen von Menschen, die bei der Beantwortung ja Kenntnis von dem Missbrauch haben müssen, um ihn anzugeben.

Nach meiner Kenntnis – und ich arbeite häufig mit in ihrer Kindheit missbrauchten Menschen – spalten viele dieses entsetzliche Wissen ab, um ein halbwegs normales Leben führen zu können. Und die Betroffenen kommen oft erst oberhalb der 30 über andere physische und psychische Beschwerden zu der entsprechenden Erkenntnis. Wie viele dieser Menschen ein Leben lang das Wissen um dieses Trauma tief im Unterbewusstsein vergraben sein lassen, kann leider keine Studie erfassen.

3. Essstörungen sind fast ausschließlich weiblich.

95% der Essstörungen betreffen Frauen und Mädchen. Neben den problematischen Situationen in den Elternhäusern der Betroffenen – bei denen es u.a. auch wieder um sexuellen Missbrauch gehen kann – sind es oft soziale und gesellschaftliche Faktoren, die die ständige Beschäftigung mit dem Aussehen des eigenen Körpers und dem entsprechenden Essen bedingen.

Mobbing in der Schule ist ein Thema, Medienstars und Medieneinflüsse. Immerhin wogen Mannequins in den 80ern nur 7% weniger als die Durchschnittsfrau. Heute sind es 20%. Dazu kommen Studien zu gesundheitlichen Risiken des Übergewichts und die Verflechtung der Begriffe „schlank“ und „jung“. Denn immer häufiger erkranken auch Frauen in der Lebensmitte an Essstörungen.

Die Gründe sind hier oft ebenfalls in der Familie (dann jedoch eher in der Partnerschaft) und im sozialen Umfeld zu finden. Die kritik- und zweifelsfreie Übernahme von durch die Medien geprägten Idealbildern ist – zusammen mit hohem Perfektionismus und der Unfähigkeit sich abzugrenzen – wiederum eng mit der Krankheit in Verbindung zu bringen. Auch hier ist der mündige Erwachsene gefragt. Zweifeln, hinterfragen, nachfragen und ablehnen von vorgefertigten Bildern und Vorstellungen sind Fähigkeiten, die oft mühsam wieder erlernt werden müssen.

4. Bei Frauen sind psychische Erkrankungen in der Zwischenzeit der häufigste Grund für Zeiten der Arbeitsunfähigkeit.

Der oben beschriebene Trend des Anstiegs gilt auch für die Ausfalltage auf Grund von psychischen Erkrankungen. 17% aller Krankentage entfallen auf psychische Erkrankungen. Die Dunkelziffer dürfte meines Erachtens aber deutlich höher liegen. Kompensieren doch gerade Männer, aber auch zahlreiche Frauen Depressionen, Ängste und Trauer mit körperlichen Symptomen, wegen der sie dann auch krankgeschrieben werden.

Mit 22% halten die Muskel- und Skelett- Erkrankungen noch immer die Spitze der Krankheitsgründe. Aber gerade Rückenleiden wie auch Gelenkprobleme sind häufig mit psychischen Problemen verbunden. Sieht man sich die geschlechtsbezogene Auswertung an, so sind die psychischen Erkrankungen bei Frauen bereits auf den ersten Platz vorgerückt. Mit 2,5 Ausfalltagen pro Versicherten ist 2016 der vorläufige Höchststand erreicht worden. Bei Frauen 3,1 Tage und bei Männern 1,9 Tage.

Seit 1997 hat sich die Anzahl der Fehltage wegen psychischer Krankheiten verdreifacht.

Die Krankschreibungen bei psychischen Erkrankungen umfassten im Schnitt 38 Tage. Auch hier darf man wohl davon ausgehen, dass viele Patienten nach Ablauf der 6 Wochen Lohnfortzahlung durch den Arbeitgeber aus finanziellen Gründen wieder arbeiten gehen. Und das, obwohl sie sich noch nicht wieder dazu in der Lage fühlen. Am häufigsten wurde wegen Depressionen krankgeschrieben, dicht gefolgt von Anpassungsstörungen. Nur die Diagnose Burnout wurde signifikant seltener eingetragen.

Ein interessanter Nebenbefund ist, dass 80%(!!) aller Deutschen schlecht schlafen. Schlaf ist jedoch eine wesentliche Voraussetzung für psychische Gesundheit. Zum einen, weil wir im Schlaf die Ereignisse des Tages verarbeiten, zum anderen, weil im Schlaf durch die Weitung der Gefäße das Gehirn die Möglichkeit hat, giftige Einweißbestandteile, die sich in der Gehirnflüssigkeit (Liquor) befinden, abzutransportieren. Gerade Alzheimer- und Parkinson-Erkrankungen werden mit genau diesen Eiweißablagerungen verbunden. Neben den sozialen, familiären und beruflichen Problemen, die die Menschen vom Schlaf abhalten, spielt natürlich auch die Tatsache, daß wir unseren natürlichen Schlafrhythmus konsequent ignorieren, eine wesentliche Rolle bei den Schlafproblemen. Und der Ausweg ist leider selten eine Veränderung der Lebensweise und des Verhaltens, sondern die Nutzung von Drogen und Alkohol.

5. Frauen haben ungünstigere körperliche Voraussetzungen zur Bewältigung psychischer Erkrankungen.

In Bezug auf die körperlichen Folgen von Sucht sind die Frauen klar im Hintertreffen. Sie haben mehr Fettgewebe und lagern damit Medikamente und Alkohol sehr gut ein, statt sie auszuspülen. Damit haben sie ein um das 4fach erhöhte Risiko, an Leberkrebs zu erkranken. Zudem macht die Einlagerung es schwieriger, sich von der Sucht zu verabschieden. Wobei der Entzug von Medikamenten sowieso schon länger dauert, und mit mehr Problemen und höheren Rückfallquoten verbunden ist als der Entzug von Alkohol.

Auch das Gehirn von Frauen wird durch Medikamentenmissbrauch schneller geschädigt als durch Alkohol. Denn zahlreiche Medikamente haben die Fähigkeit, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden und so ihre Wirkung direkt im Hirn zu entfalten. Ein Blick ins Gehirn zeigt, dass Frauen unter Stress einen stark sinkenden Glukosestoffwechsel in der Großhirnrinde (eine Region, die eng mit der Verhaltenskontrolle verbunden wird) haben und dadurch ein starkes Substanzverlangen empfinden – was den Entzug bei Frauen erheblich erschwert.

Ein positiver Effekt soll hier natürlich keinesfalls verschwiegen werden: So hat Östrogen bei Schizophrenie eine Schutzfunktion. Dadurch erkranken Frauen durchschnittlich 5 Jahre später als Männer. Und es gibt bei Frauen einen zweiten Gipfel des Ausbruchs (zwischen dem 45. und dem 49. Lebensjahr). Männer haben in der Regel stärkere Symptome und sprechen schlechter auf Medikamente an.

Fazit:

Für jeden – der diese doch ziemlich erschreckenden Fakten verinnerlicht – gilt es, das eigene Handeln zu hinterfragen und sich der Verantwortung für sein Leben und seine Gesundheit zu stellen. Und: Wehret den Anfängen! Nehmen Sie Schlafprobleme nicht auf die leichte Schulter, sondern zum Anlass, sich und das eigene Verhalten zu reflektieren und sich gegebenenfalls – außerhalb der Pharmaindustrie(!) – Hilfe zu suchen.

Ich verbleibe mit frohen Osterwünschen und der Hoffnung, Ihnen für die freien Tage ein wenig Stoff zum Nachdenken gegeben zu haben.

Ihre Claudia Rieck

 

 

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