Seit Jahren gibt es eine Debatte mit ziemlich verhärteten Standpunkten. Die einen sehen die Frauen noch immer nicht in der Gleichberechtigung angekommen, die anderen die Männer als die Verlierer einer alles umfassenden Emanzipation der Frau.

Ich habe während meines ersten und zweiten Lebens (als Wissenschaftlerin und als Führungskraft) fast ausschließlich und sehr gern mit Männern zusammengearbeitet. Und ich zähle zum Glück auch in meinem jetzigen dritten Leben zahlreiche Männer zu meinen Patienten und Klienten (und zu meinen Freunden). Daher ist es mir wichtig, deutlich zu machen, an welchem Scheideweg wir uns gesellschaftlich aus meiner Sicht befinden.

Zunächst die Fakten:

1. Männer haben es schwer, überhaupt geboren zu werden und sterben dann auch noch früher.

Das Verhältnis von ungeborenen männlichen zu ungeborenen weiblichen Föten beträgt noch 1,6:1. Bei der Geburt beträgt das Verhältnis nur noch 1,1:1. Wenn sich die Mütter in Stresssituationen befinden oder unter Hunger leiden, werden jedoch mehr Mädchen als Jungen geboren. Möglicherweise um damit das Überleben der Art zu sichern. Das ist in der menschlichen Evolution offenbar schon immer so gewesen, denn die Menschen stammen von nur halb soviel Männern wie Frauen ab.

Aktuell haben Frauen in Deutschland eine um etwa 5 Jahre höhere Lebenserwartung als Männer. Allerdings gilt das nicht für Mönche. Die leben nur ein reichliches Jahr kürzer als Frauen (Untersuchungsbericht). Dies und auch der internationale Vergleich (in Russland sterben Männer z.B. 12 Jahre früher als Frauen) legt nahe, dass es sich hierbei nicht allein um biologische Faktoren handeln kann. Das wird m.E. auch daran deutlich, daß sich dreimal mehr Männer als Frauen jährlich das Leben nehmen Es ist auch bekannt, dass reiche Menschen länger leben als arme. Lebenserwartung scheint also ein guter Indikator dafür zu sein, wie die Lebensumstände eines Menschen beschaffen sind.

 

2. Es gibt zahlreiche Anhaltspunkte für die Diskriminierung von Männern in unserer Gesellschaft.

Obwohl Männer früher sterben und die häufigsten Todesarten gerade Männer betreffen, wurden 2015 für die Gesundheit einer Frau durchschnittlich 4.600€ und für die eines Mann durchschnittlich 3.700€ ausgegeben.

Auch wenn bekannt ist, dass Jungs vergleichbare Schwierigkeiten mit dem Lesen haben wie Mädchen mit Naturwissenschaften, so gab es bundesweit zwar 94 MINT-Projekte für Mädchen, aber nur 4 Leseprojekte für Jungen.

Die männliche Jugendarbeitslosigkeit liegt um 21% höher als die der Mädchen. Männerspezifische Programme zur beruflichen Integration sind jedoch Fehlanzeige.

In den ca. 10.000 Fällen häuslicher Gewalt in Berlin sind in der Zwischenzeit z.B. 32% der Tatverdächtigen weiblich. Männerhäuser finden sich deshalb aber trotzdem nicht.

Paragraph 8 Bundesgleichstellungsgesetz legt fest, daß Frauen bevorzugt eingestellt werden können, wenn sie in gewissen Bereichen unterrepräsentiert sind. Ein gleiches Gesetz für Männer gibt es hingegen nicht. Obwohl gerade im öffentlichen Dienst Frauen in zahlreichen Dienststellen überrepräsentiert sind.

Die Schwangerschaftsabbruchdebatte, die ich als im Osten geborene Frau eher absurd fand, bindet Männer in die Entscheidungsfindung nicht ein (das war im Osten allerdings genauso).

All diese Beispiele bedeuten im Übrigen nicht, dass Frauen in unserer Gesellschaft nicht diskrimiert werden. Aber darüber wird deutlich häufiger gesprochen.

 

3. Der Mann heute hat keine Orientierung und keine männlichen Vorbilder mehr.

Historisch ist in der westlichen Welt ein Mann dann ein Mann, wenn er beruflich erfolgreich und damit als Familienversorger geeignet ist. Wenn er weiß, wo es lang geht, er körperlich fit und emotional kontrolliert ist. Das gilt – zumindest unterbewußt – noch immer, wie Studien zeigen, in denen Frauen Männer als attraktiv bewerten sollten. Hier wurden vor allem die körperlichen Merkmale als attraktiv bewertet, die auf einen hohen Testosteronhaushalt hinweisen. Dieser deutet wiederum auf Dominanz und Entscheidungsstärke hin.

Aber daneben soll der Mann heute ein fürsorglicher Vater sein. Ein empathischer Chef. Ein gesprächsbereiter und emotional offener Partner. Und die testosteronerzeugten Muskeln sollten dann – zumindest für die jüngeren Generationen von Frauen – übrigens möglichst noch frei von Behaarung sein. Die ist ausschließlich im Gesicht erlaubt. Noch immer wünschen sich 68% der Frauen einen Mann, der den Familienunterhalt verdienen kann. Und 80% der Frauen wünschen sich einen einfühlsamen Mann…..

Das ist ein kleines bisschen wie die eierlegende Wollmilchsau.

Männer haben in ihrer Kindheit kaum männliche Vorbilder, da die Väter in der Regel arbeiten sind und das Kind mit Mutter, Kindergärtnerin, Grundschullehrerin konfrontiert wird.

Trotz aller Gleichbehandlungsansätze vieler Eltern ist es noch immer die Regel, bei Gefühläußerungen von Jungen schneller ein Verbot auszusprechen. Und zwar sowohl beim Weinen als auch beim Toben. Jungs lernen also nach wie vor, ihre Gefühle nicht auszuleben.

Wenn Männer dann die Fürsorgerolle in der Familie auch in Bezug auf Väterurlaub oder andere Bereiche der Kindererziehung ausdehnen wollen, werden sie nicht nur beruflich diskriminiert (30% der Väter, die mehr als 2 Monate Väterurlaub nahmen, berichten danach von beruflichen Nachteilen), sondern auch vom weiblichen Umfeld der Mutter nicht immer als dafür kompetent wahrgenommen.

Sinkende Knochenstärke bei Männern und abnehmende Muskelkraft sind die biologische Folge einer Orientierungslosigkeit, die neben dem beruflichen auch das private Leben ergriffen hat.

 

4. Möglichkeiten, sich zu beweisen, sind selten geworden.

Männer haben die Welt entdeckt. Sie haben die maßgeblichen Erfindungen gemacht. Sie haben erobert, Religionen gestiftet und Weltreiche errichtet und zerstört. All das auf der Basis eines Entdeckergeistes, eines risikowilligen Verhaltens und des unbedingten Willen, sich – in einer Männerrunde – vor den anderen auszuzeichnen.

Diese Möglichkeiten sind – sieht man von Feuerwehrleuten, Rettungssanitätern, Soldaten und Nobelpreisträgern ab – selten geworden. Die heutige Gesellschaft setzt auf Kommunikation. Auf Verständnis. Auf Dienstleistung. Alles Bereiche, in denen Frauen auf Grund ihrer besseren sprachlichen Fähigkeiten erfolgreicher sind.

Initiationsriten für Jungen, in denen sie ihre Männlichkeit beweisen können, gibt es nicht mehr (oder nur noch selten). Daher nutzt der Junge die S-Bahn, den Alkohol oder die Prügelei, um sich genau dieses Männlichkeitsgefühl zu verschaffen.

 

5. Der Mann hat die Deutungshoheit über Interpretationen von Verhaltensweisen verloren.

Ein Beispiel: Wenn ein Mann in der Kommunikation mit einer Frau weniger auf Gespräch und mehr auf Sex orientiert ist, dann ist er wie immer nur an dem einen interessiert und kann nicht über Gefühle oder andere wichtige Themen sprechen. Wenn eine Frau in der Kommunikation mit einem Mann weniger auf Gespräch und mehr auf Sex orientiert ist, dann ist sie selbstbestimmt und weiß, was sie will. (Will der Mann in dem Fall nicht, ist er sich seiner Männlichkeit unsicher oder kann nicht mit starken Frauen umgehen.) Also: der Mann ist in jedem Fall das Problem.

Oder stellen Sie sich mal folgende Aufdrucke von Postkarten vor, in dem Sie Mann durch Frau ersetzen:

„Männern läuft man nicht hinterher. Die Frau von heute hat ein Auto und überfährt ihn.“ Oder „Es ist toll, wenn Männer kochen können. Überhaupt ist es toll, wenn Männer irgendwas können.“ Oder „es hat keinen Zweck, über die Männer zu jammern. Wir müssen lernen, mit dem vorhandenen Material zu arbeiten.“

Zu Recht sind adäquate Sprüche (der hier stammt von meinem ersten Chef bei der Telekom) wie: „Frauen gehören an den Herd, der Herd in den Keller und der Keller unter Wasser.“ nicht mehr erlaubt. Und doch erfreuen wir uns heute an solchen Sprüchen wie oben. Obwohl die nicht weniger diskriminierend sind.

Die MeToo-Debatte ist m.E. wenig hilfreich im gegenseitigen Verstehen, denn auch hier liegt die Deutungshoheit, was unter sexueller Belästigung zu verstehen ist, ausschließlich bei den Frauen.

 

6. Bestätigung durch andere Männer ist selten geworden.

Männer suchen nach Anerkennung und Bestätigung durch andere Männer, sowie nach einer Zugehörigkeit zu einer festen Männergruppe. Historisch war das oft durch die berufliche Tätigkeit gegeben. In dieser blieben die Männer unter sich und es ergaben sich daraus häufig auch Männerfreundschaften und Freizeitaktivitäten mit anderen Männern.

Heute ist eine lebenslange berufliche Beschäftigung, in der man im Wesentlichen nur auf Männer trifft, für nur wenige Männer die Realität. Der Verlust der Arbeit trifft Männer daher auch stärker als Frauen. Sie verlieren nicht nur ihre Rolle als Familienversorger, sondern auch die Zugehörigkeit zu einer festen Gruppe. Sie haben sich heute  – wie die Frauen auch – in der Freiheit der Individualität zu bewähren. Das fällt aus oben genannten Gründen Männern sehr viel schwerer als Frauen.

Auch echte Männerfreundschaften scheinen nach meiner Erfahrung aus den Gesprächen mit zahlreichen Männern kaum noch vorzukommen. Dazu kommt, dass sich viele Männer durch Frauenquoten und Frauenförderung aus den typisch männlichen Berufen verdrängt fühlen (oft ohne faktischen Hintergrund). Ohne dass sie Alternativen in den typisch weiblichen Berufsfeldern sehen oder nutzen.

Folgen für die Zukunft:

Diese Fakten machen deutlich, dass wir uns in der Tat derzeit (wie an vielen anderen Stellen in der gesellschaftlichen Entwicklung) an einem Scheideweg befinden. Männer wissen oft nicht mehr, wie sie sich Frauen gegenüber und in der Gesellschaft verhalten sollen und bleiben passiv oder reaktiv in ihrem Lebensweg.

Zahlreiche Männer haben sich bereits für einen Weg entschieden, der sich an Religionen, Gruppierungen und Politikern orientiert, die das traditionelle alte Männerbild hochhalten. Und den Männern damit ihre Angst nehmen, die Verlierer der gesellschaftlichen Situation zu sein.

Das scheint im Moment der einzig deutlich erkennbare Weg zu sein, den Männer gehen können.

Ein neuer Weg (der für unsere neue Zeit sicher dem Weg rückwärts in das traditionelle Männerbild vorzuziehen ist) ist ein Weg, den Männer und Frauen nur gemeinsam gehen können.

Ein Weg, auf dem wir endlich anerkennen, dass Frauen und Männer unterschiedlich sind. Unterschiedliche Stärken und Fähigkeiten besitzen, die allesamt für den Erhalt unserer Welt wichtig sind. Das wäre dann tatsächliche Gleichberechtigung, nicht nur Gleichheit.

Ein Weg, der sinnlose Diskussionen über typisch männliche oder typisch weibliche Berufe dadurch beendet, dass er Arbeit wie Gerald Hüther definiert, in seinem sehr lesenswerten Buch: „Männer, das schwache Geschlecht und sein Hirn.“, definiert: „Jede körperliche oder geistige Anstrengung, zu der ein Mensch sich aufrafft, um eine Bedrohung abzuwenden, oder eine Herausforderung zu meistern, ist so gesehen „Arbeit“ in einem selbst bestimmten, dem Menschen gemäßen Sinn…. Das Ergebnis dieser Arbeit ist nicht ein Produkt oder eine Dienstleistung, das Ergebnis dieser Arbeit ist die eigene Weiterentwicklung, die weitere Vervollkommnung, die Entfaltung bis dahin nicht sichtbarer, noch nicht entfalteter Potentiale bei demjenigen, der in diesem Sinne „arbeitet“.“ Ein Weg, der in einer vernetzten Welt auch die Vernetzung der Menschen unabhängig von Ethnie, Hautfarbe, Geschlecht usw. sicherstellt.

Fazit:

Männer sind  ebenso Verlierer der Gleichheitsdebatte wie Frauen. Einen neuer Weg ist heute – so meine persönliche Überzeugung – nur durch individuelle Weiterentwicklung Vieler zu finden. Diese bedeutet, sich selbst zu reflektieren. Meinungen und Überzeugungen – eigene und fremde – immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Und immer wieder Neues versuchen zu verstehen und sich entsprechend zu verändern. Vielleicht trägt mein Artikel dazu bei, dass du zukünftig auch Meinungen und Überzeugungen in der Geschlechterdebatte hinterfragst.

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