Nun sind wir schon bei der letzten Todsünde angelangt. Dabei ist interessant, dass in diesem Wort auch in seinem Ursprung sowohl eine positive als auch eine negative Bedeutung enthalten ist. Das althochdeutsche „Hohmuot“ bedeutete ursprünglich „edle Gesinnung“ im Sinne von „er war von hohem Mute“. Auch die altgriechische Bezeichnung „megalopsychia“ bedeutet „Seelengröße“, „Größe der Gesinnung“ und selbst das lateinische „superbia“  hieß zunächst noch „edler Stolz“. Später wandelte sich unter dem Einfluß des Christentums die Bedeutung von „superbia“ hin zu „Überhebung“ und „Hochmut“. Vielleicht weil die „Edlen“ sich häufig als etwas Besseres ansahen, was dann die Grundlage für die Aufnahme in die sieben Todsünden war.

Wie sich die „edle Gesinnung“ wandelte…

von Aristoteles …

Aristoteles schrieb in seiner „Nikomachischen Ethik“ schon über die „megalopsychia“. Für ihn ist das ein erstrebenswerter geistiger Zustand, der eine Kombination von wirklicher Tugend und einer Geistesgröße ist, die sich ihrer Fähigkeiten sehr wohl bewusst ist und diese auch nach außen zeigt. Dabei unterscheidet er die „megalopsychia“ klar von der „Aufgeblasenheit (chaunotaes)“.

Gerade der Aspekt, auf Erreichtes stolz zu sein und nach der einem dafür zustehenden Ehre zu streben, ist sicher einer der Gründe dafür, dass diese Vorstellung im Christentum so wenig Gegenliebe fand. Das passte so gar nicht zu der christlichen Vorstellung von Demut, nach der jeder Mensch verstand, dass er so weit von dem göttlichen Ideal entfernt war, dass für Stolz auf die eigenen Leistungen wenig Platz war. (Eigentlich witzig, daß gerade das Christentum die aus meiner Sicht sehr überhebliche Sicht auf den Menschen als die „Krone der Schöpfung“ favorisiert.) Trotzdem fand der aus „megalopsychia“ abgeleitetete „hohmuot“ in den mittelalterlichen Ritterkultur wieder seinen Platz als „hohe Gesinnung“, was sich vor allem in der Kultur der Minnegesänge ausdrückte.

… bis in unsere Zeit.

In Zeiten der Industrialisierung, der Eroberung fremder Länder, dem wachsenden Reichtum unter zahlreichen Erfindungen wandten sich viele Menschen von dem Ideal der Demut ab, und entwickelten eigene Vorstellungen von Stolz auf die eigene Arbeit, die eigenen Erfolge und auch den erreichten finanziellen Status. Auch wenn natürlich das christliche Ideal der Demut und der Unterwerfung unter den göttlichen Willen weiterhin eine gewisse Geltung hatte, spielte im Alltag eher die Auseinandersetzung und der Vergleich mit anderen Menschen eine Rolle.

Über diesen Vergleich wandelte sich die Bedeutung zu einer Anmaßung gegenüber anderen, einem zur Schau stellen eigener Erfolge, sowie einer damit einhergehenden Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse. Denn selbst wenn der finanzielle Status oder der soziale Rang objektiv höher waren als die anderer Menschen, fehlte in dem Hochmut diesen Menschen gegenüber die in der gesamten Vorzeit als wesentliche Charaktereigenschaft betrachtete Mäßigung und Demut. Aus Sicht der hochmütig Betrachteten erhielt der Begriff und das Verhalten von Hochmut nunmehr endgültig seine negative Bedeutung. In unserer Zeit wird für Hochmut häufiger Arroganz verwendet, ein Wort, das von dem lateinischen Verb „arrogare“ abgeleitet ist. Es bedeutet, dass jemanden etwas (und gegebenenfalls unrechtmäßig) zugewendet wird oder sich jemand etwas (unrechtmäßig) aneignet.

… und Stolz zu Narzissmus und Psychopathie wird.

Für die meisten Menschen bedeutet Arroganz heute, dass jemand sehr überzeugt von sich ist, sehr selbstbewusst auftritt und und sich über Erfolge freut. Oft reichen schon diese drei Verhaltensweisen, um jemand als arrogant zu bezeichnen, auch wenn es sich hier eigentlich nur um den berechtigten Stolz auf Fähigkeiten oder Erfolge handelt.

Erst wenn eine Abwertung der Leistungen anderer dazu kommt und der Eindruck entsteht, dass derjenige sich für unersetzlich, einzigartig und „edler“als die Anderen hält wird das zu einer wirklich hässlichen Eigenschaft. Verfolgt der derjenige dann noch den eigenen Vorteil, ohne die Gefühle und Meinungen anderer Menschen zu berücksichtigen, aber mit dem Anspruch, dass einem selbst nur das Beste zusteht, bewegt sich derjenige schon klar im Verhaltensspektrum eines Narzissten. Kommt dazu noch eine vollkommene Gefühlskälte, verbunden mit einer herausragenden Manipulationsfähigkeit auf Basis des nach außen gezeigten Charmes und einem absolutem Mangel an Scham oder Schuld beim Brechen von allgemein akzeptierten Regeln, haben wir einen Psychopathen vor uns.

Wie man zwischen Stolz, Arroganz, Narzissmus und Psychopathie unterscheiden kann.

Zur Übersichtlichkeit habe ich dir hier mal eine Tabelle erstellt:

Verhalten Stolz Arroganz Narzissmus Psychopathie
Selbstbewußtsein x x x x
Freude über Erreichtes x x x
Zufriedenheit mit sich x x x x
Hochachtung des eigenen Ichs x x x x
Von außen übermittelte Gewissheit, daß die Leistung etwas Besonderes war x x
Überzeugung, etwa Besonderes zu sein x x x
Gefühl der Überlegenheit über andere x x x
Ausschließlich aus sich erzeugte Gewißheit über Einzigartigkeit der eigenen Leistungen x x
Abwertung anderer, Geringschätzigkeit gegenüber auch nahen Menschen x x
Realität wird verzerrt in bezug auf eigene Großartigkeit wahrgenommen x x
Erwarten permanenter Bewunderung x x
Erwarten bevorzugter Behandlung x x
Keine Empathie für andere, Ausnutzen anderer für eigene Ziele x x
 extremer Neid, wenn andere noch großartiger sind x x
Phantasien über eigene wichtige Einflüsse auf Wirtschaft und Politik x x
Glaube, nur von wenigen Gleichgesinnten verstanden zu werden x x
Manipulatives und betrügerisches Verhalten x
Ständige Langeweile und daraus resultierender ständiger Aktionismus x
Blender mit großem Charme x
Häufiges Lügen x
Mangel an Schuldbewußtsein und Scham x
Mißachtung sämtlicher Regeln, wenn es in eigenem Interesse ist x
Gefühlskälte x

Zusammenfassend würde ich sagen, je weniger Gefühle jemand hat und je unwichtiger ihm die Gefühle anderer und die gesellschaftlichen Regeln sind, je geringschätziger er andere behandelt und je dringender er Bewunderung erwartet, umso mehr geht der gesunde Stolz in Richtung ungesunder Psychopathie.

Wie unterschiedlich Arroganz empfunden werden kann.

Wie oben schon beschrieben, ist die Grenze zwischen Stolz und Arroganz nicht ganz trennscharf. Sie hängt häufig auch von den kulturellen und familiären Prägungen der Einzelnen ab. So halten zum Beispiel Amerikaner die Briten für überheblich, weil sie deren permanentes Bemühen um Understatement als Zeichen von Arroganz verstehen. Auf der anderen Seite empfinden Briten die Amerikaner als arrogant, weil diese ihre eigenen Erfolge und ihre eigenen Fähigkeiten laut und vollmundig verkünden. Ähnliche Differenzen gibt es natürlich auch innerhalb eines Landes, je nachdem, wie die familiäre Prägung im Hinblick auf Stolz gewesen ist.

Darf ein Kind stolz sein, wenn es in der Schule oder im Sport überdurchschnittlich abgeschnitten hat und darf es das auch laut sagen, wird es als Erwachsener andere Menschen, die sich so verhalten, nicht als arrogant oder narzisstisch einschätzen. Wurde es hingegen dazu erzogen, auch bei überdurchschnittlichen Leistungen still und demütig zu bleiben, wird es später hochwahrscheinlich Menschen, die laut über ihre Erfolge sprechen, als arrogant empfinden.

Diese unterschiedlichen Ansichten können schon aufgrund der Körperhaltung von Personen erkannt werden. Denn kulturübergreifend wird eine stolze Haltung an aufrechter Körperhaltung und einem zurückgelegten Kopf sowie vor dem Körper ausgestreckten Armen erkannt. Natürlich besitzen selbstbewusste Menschen im Verhältnis zu weniger selbstbewussten auch eine aufrechtere Körperhaltung, jedoch sind auch eine Reihe von Sportarten gut geeignet, um eine aufrechte Körperhaltung zu erzeugen, die nicht unbedingt mit der entsprechenden Gemütsverfassung einhergehen muß (da fällt mir vor allem Tanzen und Turnen ein).

Wie sich Narzissmus und Psychopathie entwickeln

Wieviele wir schon haben…

Man geht heute davon aus, dass 2 % der Bevölkerung Psychopathen sind und 4 % Narzissten. In zahlreichen Berufen hingegen scheinen sich gerade Psychopathen zu sammeln – in den obersten Führungsebenen soll es zwischen 6 und 8 % Psychopathen geben. Das betrifft insbesondere neben den Unternehmensführern Anwälte und Polizisten, Journalisten und TV-Moderatoren sowie Chirurgen. Es scheint so, dass unsere Gesellschaft bestimmte Wesenszüge, die Psychopathen auch mitbringen, wie Durchsetzungsfähigkeit, Risikofreude, Konzentration auf das Positive, mangelnde Selbstzweifel und überlegtes Handeln unter Druck, sehr wertschätzt und dabei gern deren hochmanipulatives und gefühlloses ausschließlich auf das eigene Ego konzentriertes Verhalten toleriert.

Parallel sieht man in Umfragen, daß den Menschen deutlich ist, daß das Mitgefühl anderen gegenüber immer weiter sinkt. So waren in Wien 2015 64 % der Menschen der Meinung, daß in den letzten 10 Jahren das Mitgefühl gegenüber anderen Menschen gesunken ist.

… und was die Zukunft für uns bereit hält.

In diesem Zusammenhang fand ich eine besonders erschreckende Studie – erhoben von der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen Kinderförderung – zu Empathie und Gemeinsinn bei Kindern zwischen 6 und 12 Jahren sowie bei Jugendlichen zwischen 13 und 16 Jahren.

Das Ergebnis sollte zu denken geben, denn danach zeigt jedes 5. Kind und jeder 3. Jugendliche kaum Mitgefühl für andere. Dabei zeigte sich auch ein sehr deutlicher Geschlechterunterschied. Mädchen wiesen durchweg mehr Empathie auf. So zeigten sich bei 30% der Jungs, jedoch nur bei 12% der Mädchen niedrige Empathiewerte in einer Situation, in der ein anderes Kind traurig ist. Bei den Mädchen steigt mit dem Alter das Mitgefühl, bei den Jungs fällt es. Ein Drittel der befragten Kinder und Jugendlichen hatte zudem keinen Gemeinschaftssinn. 70% (!) der Kinder reagierten auf die Problemlagen anderer mit „selbst schuld“, bei den Jugendlichen waren es nur 21%. Auch hier gibt es wiederum signifikante Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Befragten.

Diesen Geschlechtsunterschied fanden die Wissenschaftler jedoch nicht mehr, als um Abwertung von Randgruppen ging. Ein Drittel der Jugendlichen tendiert zu starken Abwertungen, indem es Sätze wie „Wir nehmen in unserer Gesellschaft zu viel Rücksicht auf Versager.“ Oder „Es ist ekelhaft, wenn sich Schwule in der Öffentlichkeit küssen.“ bejahten.

(Wer noch mehr dazu lesen will, hier der Link: Quelle.) Diese Ergebnisse passen leider zu den bereits im letzten Blog thematisierten Erziehungsmethoden zu „unfähigen Erwachsenen“. (siehe hier in meinem Blog zur Trägheit)

Warum es heute mehr Narzissten und Psychopathen gibt

Zu dem allgemein sinkenden Mitgefühl gibt es Untersuchungen, die das in Zusammenhang mit unserem Streßlevel setzen. Bekanntermaßen leben wir heute unter einem deutlich höheren Streßlevel als noch vor 20 Jahren. Und Streß verhindert Empathie. In Versuchen mit Mäusen wie auch mit Menschen hatte ein erhöhtes Stresslevel sinkende Empathiewerte zur Folge. Eine Unterdrückung der Streßhormone im Körper führte dagegen zu einer Erhöhung der Werte.

Gründe für dieses stetig ansteigende Niveau der Belastung sind nicht nur die Leistungsgesellschaft – die gibt es ja schon länger, sondern vor allem der exponentiell ansteigende Informationsfluß und der Erwartungsdruck, dem nahezu jeder in unserer Gesellschaft unterliegt.  Wir müssen dauerhaft leistungsfähig, sportlich fit, schlank und schön und sexy sein, und zwar 24/7. Mittlerweile sind Ziele wie Status- und Erfolgssymbole schon abgehängt zugunsten des Wunsches, immer hip zu sein. Bloß nicht den Anschluß verlieren, entwickelt sich zu einer der größten Ängste unserer Zeit. Ein treffender Ausdruck, den ich bei meinen Recherchen dazu gefunden habe, war der der steigenden Handlungsdichte. Das bedeutet (und beschreibt m.E. das Problem sehr genau), daß sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene in der gleichen Zeit mit immer mehr Aktionen befassen (müssen). Und genau dieser Druck – angeheizt durch immer neue soziale Medien – lastet vor allem auf unseren Kindern und Jugendlichen. Was Wunder, daß wir dann solche Ergebnisse erhalten.

Was gegen Psychopathie und sinkendes Mitgefühl hilft.

Muße, …

Das scheint ganz einfach, ist aber offensichtlich eine unglaubliche Anstrengung. Sich Muße zu gönnen, das eigene Leben zu entschleunigen, ist – auch für zahlreiche meiner Klienten – fast unmöglich. Aus den oben erläuterten Gründen ist das nachvollziehbar. Eine Entschleunigung – und damit der Verzicht auf Informationen und Handlungen – katapultiert sie ja unmittelbar in die Gruppe gesellschaftlich belächelter Erfolgsverweigerer, Veganer, Esoteriker – die, wie oben beschrieben, mit gesellschaftlicher Abwertung zu rechnen haben.

Solltest auch du zu den Menschen gehören, die mit einem ständig steigenden Streßlevel zu kämpfen haben, so ist es auf jeden Fall an der Zeit, über mehr Muße nachzudenken. Denn auch wenn du noch ein sehr mitleidiger Mensch bist, gehörst du mit steigendem, subjektiv als unangenehm empfundenen Streß zu der Gruppe Menschen, die in Gefahr laufen, an psychischen Problemen (Burnout, Depression, Angst- und Panikstörungen) zu erkranken. Nicht überraschend steigt die Zahl dieser Erkrankungen mit jedem Jahr weltweit und wird in absehbarer Zeit auf Platz 1 der Zivilisationskrankheiten vorgerückt sein (Platz 2 haben sie schon erreicht).

… Klarheit …

Da aber einfache Ruhepausen gar nicht ausreichen, mußt du vorab erstmal für dich die Frage beantworten, ob du ein Leben nach deiner Vorstellung führen möchtest oder eins leben willst, das andere für dich vorgesehen haben.

Es kann dann schon genügen, sich der Tatsache klar zu werden, daß es nichts für dich ist, dich gegen offensichtlich existierende Mainstream-Meinungen zu stellen. Denn schon die bewußte Bejahung einer Handlung kann sehr befreiend wirken. Und so kannst du dennoch ein wenig auswählen, welcher Vorgabe genau du gern entsprechen möchtest. So gelingt es dir vielleicht, den Rest zu reduzieren und daraus, wie aus deiner Akzeptanz der Situation ein deutlich entspannteres Gefühl entstehen zu lassen.

… oder neue Wege.

Wenn dir aber bei der Frage klar geworden ist, daß du dich in der Tat auf deinem Weg hast (fremd)steuern lassen und das etwas ist, was du nie wolltest, dann geht es um tiefere Prozesse. Es gilt, sich auf das zurückzubesinnen, was du eigentlich wolltest, was deine Werte im Leben sind. Du brauchst dieses Wissen, um die Kraft zu finden, dem Mainstream zu widerstehen und deinen eigenen Weg zu finden – was trotz aller Freiheitsbekundungen und Individualisierungen nach meiner persönlichen Ansicht heute fast noch schwerer ist als vor 100 oder 200 Jahren.

Beide Wege sind nicht einfach, jedoch gibt es dafür zahlreiche Anleitungen im Netz und im Buchladen und natürlich Therapeuten und Coaches wie mich (guck doch mal hier:).

Gut für die Gesellschaft wäre es in jedem Fall, das Streßlevel und damit die Anzahl der Mitleidslosen, Narzissten und Psychopathen zu reduzieren – nicht nur für unsere species, sondern auch für alle anderen Lebewesen auf unserem Planeten.

Eine gute Reise dahin wünscht dir wie immer

Deine Claudia