Frauenpower – Pro und Contra Zurück

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01.18

So, Sie sind hoffentlich alle gut im Jahr 2018 gelandet und haben schön Ihre Ziele definiert? Und wenn Sie eine Leserin sind, werden Sie alles mit der viel beschworenen Frauenpower angehen? Vielleicht. Aber vielleicht hinterfragen Sie mit mir noch einmal diesen Begriff und tauchen ein in die Geschichte der Frauenbewegung:

1. Pro: Das Matriarchat ist eine erstrebenswerte Gesellschaftsform

Matriarchat wird oft als Frauen- (statt als Mütter-) herrschaft verstanden, als genaues Gegenstück zum Patriarchat (was ja übrigens auch die Herrschaft der Väter – und nicht der Männer! – heißt 😊). Gerade in feministischer Literatur finden sich oft Beschreibungen von früheren Gesellschaftsformen, in denen nicht nur die Vererbung in der mütterlichen Linie stattfand, sondern auch die Entscheidungen allein den Frauen oblagen. Sich als Frau eigenständig für Lebensunterhalt, Partner, Sexualität und Lebensform entscheiden zu können, ist auch unter unseren westlichen Lebensbedingungen durchaus als Ideal akzeptabel. Zudem sollen aber diese historischen matriarchalischen Gesellschaften wegen der mangelnden Neigung der Frauen zu Aggression sozial stabil und sehr friedliebend gewesen sein, was den besonderen Reiz in den letzten Jahrzehnten bis heute ausmachte. Ebenso – und auch das ist eher zukunftsorientiert – sind diese Gesellschaften nicht auf Profit oder Vermögensanreicherung, sondern auf Verteilung und Zusammenarbeit orientiert.

Das interessanteste und vielleicht auch bekannteste Beispiel für heute noch existierende matriarchale Strukturen sind die in China lebenden Mosuo. (z.B.: Ricardo Coler und Sabine Giersberg: Das Paradies ist weiblich, Aufbau Verlag 2010) Tatsächlich obliegen bei den Mosuo alle Entscheidungen zum Familienleben den Frauen – über den Kauf einer Kuh oder eines Traktors entscheiden jedoch die Männer. Die Mosuo-Frauen leben sexuell sehr frei – sie wählen den Partner. Der leibliche Vater der Kinder spielt daher – weil in der Regel nicht bekannt – keine Rolle. Das Vermögen der Familie liegt in weiblicher Hand und nicht in weiblichem Besitz. Das heißt, es wird nur verwaltet und dann weitergegeben oder verteilt. Männer arbeiten in diesen Gemeinschaften auf Anweisung der Frauen, lustigerweise haben sie aber keine bei uns als typisch weiblich geltenden Aufgaben  wie Abwaschen oder Kochen zu erledigen. Sie werden im Gegenteil von den Frauen bedient und haben ein ausgesprochen bequemes Leben. Konflikte in der Mosuo – Gesellschaft werden in der Gemeinschaft besprochen und im gemeinschaftlichen Konsens entschieden. Gewalt ist in der Tat kein Thema

1. Contra: Das Matriarchat ist nicht geeignet, zukunftsfähige Konzepte für unsere hochtechnisierte Welt zu entwickeln.

Ich lehne mich hier mal ganz weit aus dem Fenster: Das hört sich gut an, die Männer scheinen damit auch zufrieden zu sein, aber eine Weiterentwicklung ist im Rahmen dieser Gesellschaft nicht gegeben. Nicht umsonst existieren Völker oder Gemeinschaften mit mehr oder weniger matriarchalen Strukturen ausschließlich in Gegenden, die zum einen genügend Raum boten, zum anderen auch keinem Entwicklungsdruck von außen unterlagen. Denn die risikofreudigen Auswanderer, die in schwierigen Situationen neue Lebensbereiche entdecken und besiedeln und die entsprechenden Neuerungen in technischer Hinsicht entwickeln, waren und sind in der Regel Männer. Sollte die Zombie-Apokalypse also die Weltbevölkerung drastisch reduzieren und unseren derzeitigen technischen Standard in das vorindustrielle Zeitalter zurückwerfen, schiene mir eine solche Gesellschaftsform als sehr geeignet. Allerdings nutzt sie meines Erachtens die Fähigkeiten der Männer nicht wirklich. Und das finde ich schade und auch wiederum nicht gleichberechtigt.

2. Pro: Starke Frauen waren wichtig in der gesamten historischen Entwicklung

Jetzt würde mich sehr interessieren, welche drei starken Frauen der Geschichte Ihnen spontan einfallen! Bei mir waren es erst die Königinnen (Kleopatra, Elisabeth I.), dann Marie Curie. Zumindest für die beiden Königinnen galt, was auch heute noch für Frauen in Männerberufen üblich ist: sie haben mehr Wissen, mehr Diplomatie, mehr Durchsetzungsvermögen einsetzen müssen, als ein männlicher Throninhaber das hätte tun müssen. Ob sie wohl zu ihren Zeiten für manche Frauen als Vorbild galten? Darüber gibt es keine Untersuchungen (jedenfalls habe ich keine gefunden). Für Marie Curie galt das sicherlich – als sie 1908 als erste Professorin an der Sorbonne berufen wurde und sich 1911 um die Mitgliedschaft in der Academie francaise bewarb, war die Frauenbewegung schon entstanden. Als Normalität galt es jedoch noch lange nicht.

Spannend sind jedoch auch die Leben der Frauen, die nicht so offensiv, aber oft nicht weniger einflußreich die Geschicke der Staaten beeinflusst haben. Madame de Pompadour, die bis zu ihrem Tod den Status als Mätresse von Ludwig XV. beibehielt, hat nicht nur in den Fragen von Krieg und Frieden mitentschieden, sondern auch viel für das künstlerische Leben und die Künstler im Paris von Ludwig dem XV. getan.

Und viele der bekannten, interessanten und lebenshungrigen Frauen in der Geschichte sind gehaßt, verleumdet, verfolgt und ermordet worden, gerade weil sie als Frau aus dem normalen Rahmen fielen. Mein letztes Beispiel: Rosa Luxemburg, Russin, Kommunistin, Jüdin und Frau, die noch dazu einen Fuß teufelsgerecht nachzog. Aber auch eine Frau, die von ihrem langjährigen Geliebten Leo Jogiches, so gern ein Kind gehabt hätte, eine Frau, die mit ganzem Herzen auch an ihrer Katze hing.

2. Contra: Starke Frauen haben negative Klischees geformt

Ich bewundere all diese Frauen, die in Zeiten, in denen es sehr viel schwerer war als für uns Frauen heute, ihr Leben gelebt haben, als gäbe es die gesellschaftlichen Einschränkungen, denen sich die meisten Männer und Frauen ihrer Zeit verpflichtet fühlten, nicht.

Jedoch, gerade diese haben zu einer Reihe negativer Klischees geführt, mit denen Frauen, die heute „ihren Mann stehen“ (schön, oder, wie sogar diese Formulierung nur Gleichheit ausdrückt!) leben müssen: Mannweiber, dominante Hexen, herrschsüchtige und geldgierige Männerverschlinger. Klischees, die heute nicht mehr politisch korrekt sind, und daher in keiner offiziellen Publikation mehr erscheinen, aber in den Hirnen nicht nur zahlreicher Männer noch immer fest verankert sind.

 3. Pro: Die Frauenbewegung hat die Gleichberechtigung angestoßen

1791, also zwei Jahre nach der französischen Revolution hat Olympe de Gouges, eine französische Frauenrechtlerin und Autorin, die Deklaration der Rechte der Frau und Bürgerin verfaßt, und kam auch dafür 1793 aufs Schafott. Die Frauenbewegung in größerem Maße, oganisiert und sich auch öffentlich äußernd kam erst im 19. Jahrhundert so richtig in Schwung. Amerika war Europa hier weit voraus, denn bereits 1868 wurde in Wyoming das Frauenwahlrecht eingeführt. Und mit Victoria Woodhill gab es bereits 1872 eine erste Präsidentschaftskandidatin.

In Deutschland kam es nach der Revolution von 1848 zu einer sich immer weiter entwickelnden Frauenbewegung, die sich auch ab 1848 in einer eigenen Zeitung ausdrückte (die allerdings 1850 schon wieder verboten wurde). Es ging in dieser Zeit um Recht auf Arbeit und eigenes Vermögen, um Bildung und Wahlrecht. Es ist erst 122 Jahre her, daß die erste weibliche Gasthörerin in einer Universität geduldet wurde. Einen echten Aufschwung gab es nach dem ersten Weltkrieg, nach dem viele Frauen verlustbedingt für die Existenz ihrer Familie aufkommen mußten und sich immer weniger mit ihrer entrechteten Stellung abfinden wollten. In Deutschland wurde bereits 1918 das Frauenwahlrecht eingeführt, in der Türkei 1934(!), im letzten Schweizer Kanton erst 1990. Mit der Einführung des Frauenwahlrechts auch in Saudi-Arabien 2015 gibt es nun wohl kein Land mehr, in dem Frauen nicht wählen dürfen. Auch Bildung war nun für Frauen möglich. Aber die echte Gleichstellung – auch juristisch – ließ doch auf sich warten. Bis 1977 (!) konnte in der Bundesrepublik ein Ehemann seiner Frau verbieten zu arbeiten und sogar in ihrem Namen einen bereits bestehenden Job kündigen. Erst 1978 wurde ein neues Familiengesetz verabschiedet, in dem mit solchen Rechten aufgeräumt wurde. In der DDR hingegen gab es seit 1950 bereits ein Gesetz, daß die Frauen mit den gleichen Rechten ausstattete. Und trotz der weiblichen Vollbeschäftigung hat es im DDR-Politbüro in 40 Jahren nicht eine Frau gegeben.

In den meisten Staaten ist heute eine Frau rechtlich dem Mann gleichgestellt. Und das ist vor allem ein Verdienst der vielen Frauenrechtlerinnen.

3. Contra: Die Frauenbewegung hat uns den Gleichheitsgedanken gebracht

Die Frauenbewegung hat in ihren Bemühungen, für die Frauen gleiche Möglichkeiten für Bildung, Arbeit, Vermögensaufbau, Vererbung und Karriere zu schaffen, wie sie die Männer bereits haben, den Grundgedanken gelegt, daß Frauen nicht nur alles können, sondern auch alles wollen, was Männer beruflich und privat bewegt. Das ist aus dem Kontext absolut nachvollziehbar. Ein Bezug auf genetisch, emotional oder familiär bedingte andere Ausrichtung von Frauen hätte ihren Erfolg mit Sicherheit verhindert. Nun ist es jedoch vielleicht an der Zeit, auf der Basis gleicher Möglichkeiten auch wieder über unterschiedliche Interessen zu sprechen.

 4. Pro: Frauenpower sorgt für die individuelle Entwicklung junger Frauen

Die Möglichkeit, sich heute als Frau für einen beruflichen Weg entscheiden zu können, zu studieren und alle Berufe ergreifen zu können, die auch für Männer möglich sind, ist ein wesentlicher Meilenstein auf dem Weg zu einer individuellen und freien Lebensplanung. Auch wenn noch immer in gleichen Jobs Frauen und Männer unterschiedlich bezahlt werden und es sehr viel mehr alleinerziehende Mütter als Väter gibt, ist dennoch die theoretische Möglichkeit, die auch juristisch und gesellschaftlich gesichert ist, eine unschätzbare Grundlage für jede weitere Entwicklung einer echten Gleichberechtigung.

4. Contra: Frauenpower verhindert die Gleichwertigkeit weiblicher Lebenswege

ABER: Die Möglichkeit einer eigenständigen beruflichen Entwicklung erscheint immer mehr als ein gesellschaftlicher Zwang. Frauen, die sich für eine Hausfrau- und Mutterrolle entscheiden, sind gesellschaftlich nicht anerkannt. Dennoch gibt es immer wieder Studien, daß im Fall der Geburt von Kindern der überwiegende Betreuungsaufwand in den Händen der Frauen liegt – und das übrigens auch bei zwei Vollzeit arbeitenden Partnern. So hat durch die Hintertür die Frauenpower dafür gesorgt, daß das ehemals gesellschaftliche Ideal der Hausfrau und Mutter ins Gegenteil kippte. Das ist dann wieder keine Grundlage für eine wirklich freie Entscheidung. Damit muten wir den jungen Mädchen und Frauen von vornherein die Last zu, eine Balance zwischen ihren familiären und beruflichen Wünschen finden zu müssen, die nicht selten zu Burnout, Depression und psychisch bedingten körperlichen Erkrankungen führt.

 Fazit: Frauenpower hat unglaublich viel bewegt und muß sich weiterentwickeln

Frauen heute haben viele Möglichkeiten, jedoch ist es noch ein weiter Weg zu einer echten Gleichberechtigung. Diese würde – wie ansatzweise bei den Mosuo gelebt – den jeweiligen Wert eines Menschen an dem messen, was er der Gesellschaft zurückgeben kann. Und das gilt für einen Automechaniker genauso wie für eine Mutter, für eine Physikerin ebenso wie für einen Krankenpfleger. Dabei sollte die Gesellschaft auch offen dafür sein, daß sich nach wie vor mehr Frauen für pflegende und kümmernde Aufgaben interessieren und mehr Männer für Technik, Verteidigung und Management. Aufhören muß aber die unterschiedliche Bewertung, und das schließt die Bezahlung mit ein.

 

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