Ich bin ganz klar ein Meerliebhaber – Berge müssen nicht sein, sie sind schwer zu ersteigen und drohen auf mich herabzustürzen. Das Meer hingegen ist weit, man schwimmt darin wie eine Feder. Alles Leid verschwindet, sehe ich die Sonne auf dem Meer funkeln.

So wie mir geht es offenbar mehr als zwei Dritteln der Menschen. Auch instinktiv wissen Menschen, daß es gut ist, in der Nähe des Meeres zu leben, denn 40% aller Menschen weltweit leben weniger als 100 km von der Küste entfernt.

Was aber fesselt uns so und zieht uns immer wieder dorthin (bist du ein Bergsteiger, so bekommst du vielleicht am Ende des Artikels doch Lust, es mal auszuprobieren…)?

„Nach dem Sternenhimmel ist das Größte und Schönste, was Gott geschaffen hat, das Meer.“ (Adalbert Stifter)

Da ist zunächst einmal seine unglaubliche Farbe. Blau ist das Meer beileibe nicht immer, blaugrün und türkis schimmert es in südlicheren Gefilden, grün, wenn die Algen in ihm die Farbe blau verdrängt haben. Ich aber kenne es von der Nordsee auch bleigrau, dunkelblau und dunkelgrün. Je mehr seine Farbe der des sonnigen Himmels ähnelt, desto lichter wird auch unser Gemüt. Hier spielt unsere Erfahrung eine Rolle: ist das Meer lichtblau und glatt, droht keine Gefahr. Dazu kommt, daß die Farbe des Himmels an einem sonnigen Tag in allen Kulturen für Unsterblichkeit, Erleuchtung und Heilung steht. Und so fühlen wir uns erhoben, wenn das Meer in der Farbe des Himmels leuchtet. Auch Grün ist eine durch Erfahrung positiv besetzte Farbe. Wenn alles grünt, gibt es Nahrung im Überfluß, und so ist das Grün ein Symbol für Gesundheit und Wohlergehen. Und selbst wenn Unwetter, Herbst und Winter das Meer in dunklen Grautönen färben, bleibt noch immer die Weite, die auch dann nahtlos in den meist ebenso dunklen Himmel übergeht. Und da unsere Farbwahrnehmung eng mit Gefühlen und unserem Unterbewußtsein verknüpft ist, müssen wir beim Anblick von Blau und Grün noch nicht einmal an Erholung denken – wir fühlen uns einfach besser. Nicht umsonst wird blau und grün vor allem in Bereichen eingesetzt, in denen es um Entspannung und Gesundheit geht.

Dann der Wind. Direkt am Meer enthält er winzige Tröpfchen salzhaltigen Meerwassers. Diese befreien unsere Lunge von all dem Dreck, den sie in der Stadt aufgesammelt hat. Das Salz in der Luft befreit auch unsere Haut von alten Hautschuppen. Der ungehindert ziehende Wind trifft unsere Haut mit seiner Kraft und regt die Durchblutung an. Deswegen gehe ich am Meer auch am liebsten an den FKK-Strand. Da sorgen Sand, Wind und Wasser für ein Ganzkörperpeeling. Zudem macht der Wind uns das Gehen nicht so leicht. Und so ist das Laufen am Meer ein besseres Training als irgendwo anders. Der feine Sand tut sein Übriges. Am schönsten ist es, wenn wir barfuß durch den Sand laufen können – was übrigens oft auch dann noch geht, wenn wir obenrum schon dicke Jacken tragen. Der Sand übernimmt hier gern die Massage unserer Füße.

Ich zumindest liebe den Geruch des Meeres – Salz und Algen. Obwohl der Geruch konkret durch Bakterien entsteht, die kleine einzellige Algen nach ihrem Tod verdauen und dabei ein Gas (Dimethylsulfid) in die Atmosphäre entlassen, das diesen typischen Geruch verbreitet und nebenbei bemerkt die Wolkenbildung beeinflusst. Von Satelliten aus sind während der Blüte dieser Algen Tausende Quadratkilometer geschlossener Algenflächen zu sehen. Oder vielleicht sollte man sagen: waren zu sehen? Denn auch hier sorgt die zunehmende Versauerung der Meere für eine Abnahme oder gar einen Ausfall der Algenblüte. Dann riecht das Meer irgendwann nicht mehr nach Meer. Wie traurig das wäre.

Und die Geräusche: Das Rauschen der Wellen, das unserem Herztempo gleicht und daher in den verschiedensten Bereichen als Beruhigungsmittel eingesetzt wird. Die Schreie der Möwen und die Rufe all der anderen Vögel, die man trotz Brandung und Wind auf einmal wieder wahrnimmt. Natur pur eben.

Die ständige Bewegung des Meeres, seine unterschiedlichen Farben und Wellen, seine Ebbe und Flut machen uns unterbewußt auch auf den Fluß des Lebens und die fortwährende Veränderung aufmerksam. Seine Weite, vor allem aber auch die Stürme, die über das Meer hinwegfegen, lassen uns unsere Bedeutung hinterfragen.

Das Meer spricht also alle Sinne an und zwar auf eine ganz andere Weise als es in unserem „normalen“ Leben in der Zwischenzeit die Regel ist. In unserem „normalen“ Leben benötigen wir 80% der Kapazitäten unseres Wahrnehmungssystems nur für die Verarbeitung der auf uns einströmenden Außenreize. Augen und Ohren erholen sich im immerwährenden Rauschen der Wellen und dem Anblick, wie sie an den Strand rollen und wieder verschwinden. Die Nase kann sich von den ständig wechselnden Gerüchen der Stadt befreien. Nur die Haut und die Muskeln bekommen neue und mehr Reize als daheim auf dem Sofa. Unser Hirn kann sich endlich mit anderen Dingen befassen. Nicht umsonst entstehen zahlreiche Ideen, aber auch viele Lebensentscheidungen aus einem entspannten Urlaub am Meer.

All das mag dazu beitragen, daß Menschen am Meer auch wieder spielen. Sie spielen nicht nur Beachvollevball, sondern bauen Strandburgen (auch ohne Kinder), malen Muster in den Sand, albern mit Kindern und Freunden herum. Und ehrlich gesagt, gerade am FKK-Strand (an dem sich gefühlt nur ehemalige Ossis in meinem Alter aufhalten) fühle ich mich so frei. Nicht nur, daß mich keine Kleidung beengt. Hier bin ich auch bin dem ständigen Druck enthoben, irgendwie angemessen auszusehen. Auch das mag sehr befreiend wirken – wenn man nicht aus Scham die Nacktheit scheut.

Die Erholung, die wir am Meer empfinden, ist sogar meßbar, denn die erhöhte Produktion von Dopamin, Serotonin und Oxytocin, alles Neurotransmitter, die dazu beitragen, uns entspannt und glücklich zu fühlen, ist in Studien zu Meeresurlauben gemessen worden.

 

„Das Prinzip aller Dinge ist Wasser; aus Wasser ist alles, und ins Wasser kehrt alles zurück.“

wußte schon Thales von Milet. Ist es also schon erholsam und gesund, am Meer zu sein, so ist es noch weit befreiender und erleichternder, in seine Tiefen einzutauchen. Die Kräfte des Meeres selbst wirken auf Muskeln und Gelenke und sorgen für die Auflösung von Verspannungen. Da der Körper sein eigenes Gewicht nicht mehr tragen muß und der Mensch im Wasser auch nicht unbedingt aufrecht steht, entlastet der Aufenthalt vor allem Wirbelsäule und Gelenke. Es gilt wie beim Laufen am Meeresstrand, daß das Schwimmen im Meer wegen der Wellen und der Strömung höhere Anforderungen an unsere Fitness stellt als im Pool.. Und selbst dort machen viele in ihrer Beweglichkeit eingeschränkte, sehr schwere oder sehr ungelenke Menschen die beglückende Erfahrung von Leichtigkeit und Beweglichkeit. Doch im Meer selbst nackt auf dem Rücken zu liegen, sich tragen zu lassen, umgeben vom Rauschen der Wellen und in ihrem Rhythmus schaukelnd hat zumindest für mich noch eine ganz andere Qualität. Es ist, als wüßte etwas in mir, daß ich hier zuhause war. Gut, ich bin im Sternzeichen der Fische geboren und habe schon mit 5 Jahren schwimmen gelernt, weil es mich immer wieder ins Wasser zog und meine Eltern Angst hatten, ich würde ertrinken. Doch auch die Fakten machen deutlich, wieviel uns – nicht nur mich – mit dem Meer verbindet. Anders als die ersten Ein- oder kleinen Mehrzeller können wir die Abfälle, die in unseren Zellen entstehen, nicht mehr direkt ins Meer abgeben. Wir benötigen eine Flüssigkeit, die unsere Zellen umspült, um deren Abfälle entsprechend zu transportieren, aber auch benötigte Stoffe zu ihnen zu bringen. Dafür haben wir unser Blut. Die wichtigsten Ionen im Blut sind Natrium-, Kalium-, Calcium- und Chlorionen. Die stehen in unserem Blut in einem Verhältnis von 94:3:2:70. Im Meerwasser im Verhältnis von 94:2:2:100. Schon ziemlich dicht dran, oder? Logisch, wenn man weiß, daß Blut im Körper die Funktion des Meerwassers übernehmen mußte. Auch die Zusammensetzung von Fruchtwasser und Meerwasser sollen sehr ähnlich sein (obwohl ich im Netz keine genaue Zusammensetzung gefunden habe – wenn du sie weißt, bitte schicke sie mir). Der Fötus hat also in den ersten Monaten seines Daseins praktisch ein Schweben im erwärmten Urmeer. Kein Wunder, daß Babys bei der Geburt so schreien.  Je höher der Salzgehalt im Wasser ist und je dichter die Temperatur an unserer Körpertemperatur ist, desto schwereloser ist das Gefühl im Wasser und je tiefer die Trance, in die man in einem solchen Umfeld geht. Das wird in Therapien mit Salzwassertanks genutzt, dem sogenannten Floating. Das gibt es in offenen und geschlossenen Tanks – der richtige Effekt soll sich erst bei den geschlossenen einstellen. Na, herzlichen Dank, da bleibe ich doch lieber im weiten offenen Meer….

 

„Viele kamen allmählich zu der Überzeugung, einen großen Fehler gemacht zu haben, als sie von den Bäumen heruntergekommen waren. Und einige sagten, schon die Bäume seien ein Holzweg gewesen, die Ozeane hätte man niemals verlassen dürfen.“ (Douglas Adams, Per Anhalter durch die Galaxis)

Das Verbundenheitsgefühl, das ich im Meer empfinde, ist sicher auch der Ausdruck dessen, daß alle Lebewesen auf diesem Planeten nicht nur aus dem Meer kommen, sondern auch alle denselben Bauplan haben. Daß wir uns nur wenig von Schwein und Affe unterscheiden, weißt du bestimmt. Aber ist dir auch bewußt, daß wir 60% unserer Gene mit der Taufliege teilen und noch 30% mit dem Hefepilz? Daß im günstigsten Fall uns nur 0,6% Abweichung vom Schimpansen trennen (und 0,5% von unserem Nachbarn)? Was nebenbei bemerkt ja wohl genug Grund wäre, anzuerkennen, daß Schimpansen und Menschen derselben Art angehören (und auch so behandelt werden sollten). Aber das wirft natürlich hinsichtlich der anderen Lebewesen sofort zahlreiche Fragen auf, denn wo zieht man dann bei einem gemeinsamen Bauplan die Grenze. Denn es gibt tatsächlich in jedem Lebewesen einen „Dirigenten“, der den Bauplan bestimmt. Das sind die sogenannten homoiotischen Gene, die auf sogenannten Erbmolekülen liegen. Hier findet sich eine Folge von 183 Buchstaben in der DNA, die sogenannte Homoiobox. Diese findet sich bei allen Tieren und leitet bei allen die gleichen Entwicklungen ein. Sehr einprägsam beschrieben findest du das – wenn du mehr über das Thema wissen willst – in „Der Fisch in uns“ von Neil Shubin. So beschreibt er zum Beispiel die Entwicklung des Oberarm-Elle-Speiche-Handgelenk-5-Finger-Systems, das bereits bei vorzeitlichen Fischen vor 380 Millionen Jahren existierte und sich seitdem in allen Lebewesen mit Knorpel- oder Knochenstrukturen findet. In der „Ursuppe“ – Eidotter, Fruchtwasser – sehen deshalb alle Embryonen in den ersten Entwicklungsstufen gleich aus. Doch sogar die Seeanemone besitzt die Homoiobox und auch hier finden wir zumindest die Achsen Mund-Darm und Bauch – Rücken bereits vor. Faszinierend, oder?!

Shubin schreibt am Ende, daß die Umrüstung vom Meer zum Land, vom Schwimmen zum Laufen, vom Paddeln zum Greifen auch einen hohen Preis fordert: diese allen gleiche Struktur ist nämlich eigentlich weder perfekt für ein Landleben noch vor allem für ein aufrechtes Gehen – und noch viel weniger für ein stundenlanges Sitzen.

Ein Grund mehr, jede Möglichkeit zu nutzen, am Meer nicht nur zu sitzen oder zu liegen, sondern in ihm zu schwimmen, zu tauchen und zu treiben.

In diesem Sinne wünsche ich dir einen meerblauen Sommer.

Deine Claudia

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