Ich habe mich entschieden, endlich den ersten der beiden Artikel zu posten, deren Themen aus den Ergebnissen der Europawahl entstanden. Ich wollte verstehen, wieso so viele Menschen in Ostdeutschland AfD gewählt haben und warum die Grünen jetzt so stark geworden sind. Dabei bin ich zunächst beim Thema Entscheidung hängengeblieben und habe mich erst im zweiten Teil mit dem Erstarken rechter und populistischer auf der einen und naturschützender Ansichten auf der anderen Seite befaßt. Also:

Hast du heute schon etwas entschieden?

Ja, das hast du – und zwar, wenn du das kurz vor dem ins Bett gehen liest, etwa 20.000 mal. Was davon jedoch bewußte Entscheidungen waren und inwieweit du überhaupt bewußte Entscheidungen triffst, darum geht es in diesem Artikel.

 

Was ist denn überhaupt eine Entscheidung und wie genau treffen wir eine?

Schön finde ich immer wieder, wie gut uns schon die Herkunft eines Wortes auf die Definition hinleitet. Das Wort „Entscheidung“ besteht aus eigentlich zwei Worten: „ent“ und „scheiden“. Letzteres kommt aus dem germanischen und bezeichnete die Schwerscheide „skeipi“ (hergestellt aus zwei Holzplatten) und wurde im althochdeutschen zu „sceidan“. Das Präfix „ent“ war im althochdeutschen noch „int“ und bezeichnet eine Trennung oder einen Gegensatz. Zusammengesetzt bedeutet das Wort also „aus der Schwertscheide entfernen“ oder „die Schwertscheide trennen“. Folgerichtig wird es als „entscheiden“ bereits im Mittelhochdeutschen für die richterliche Urteilsfindung durch Trennung der unterschiedlichen Informationen benutzt.

Wenn wir entscheiden, trennen wir also die uns zur Verfügung stehenden Informationen voneinander, um eine davon zu als Entscheidungsgrundlage zu nutzen.

Genau das tut unser Gehirn, wenn wir entscheiden. Das bedeutet, daß Entscheidung ein Prozess ist, der in mehreren Stufen abläuft; genauso, wie du das vielleicht auch aus Entscheidungsprozessen bei deiner Arbeit kennst. Und genau wie bei der Arbeit sind gesammelte Erfahrungen, kulturelle und individuelle Prägungen Basis für eine Entscheidung. Unterschiedliche Informationen werden vor allem im präfrontalen Cortex und im Hippocampus bewertet, aussortiert und letztlich wahrscheinlich durch das Claustrum koordiniert. Das ist ein ganz unscheinbarer kleiner Bereich in unserem Gehirn zwischen Inselrinde und Basalganglien im Schläfenlappen. Hier scheinen Informationen aus verschiedenen Sinneszentren synchronisiert zu werden. Ich fand total spannend, daß man dieses Gehirnareal mittels psychoaktiver Substanzen ausschalten kann (z.B. mittels des Aztekensalbeis). Konsumenten berichten dann von einer Auflösung des Selbst, des eigenen Ichs – bei gleichzeitiger Kommunikation mit mythologischen Gestalten, die sehr intensiv und emotional verläuft. Das Claustrum sorgt also für unsere Verhaftung in der örtlichen und persönlichen Realität – eine unbedingte Voraussetzung für bewußte Entscheidungen. Ein weiterer Teil unseres Gehirns spielt aber bei Entscheidungen ebenfalls eine Rolle – das limbische System. Dieser Teil ist für Freude, Angst und Flucht zuständig. Entscheidungen werden also zunächst danach getroffen, ob Flucht oder Kampf nötig ist. Danach spielt auch das Belohnungszentrum, das im limbischen System liegt, eine wesentliche Rolle bei schnellen Entscheidungen, gerade bei Fragen, ob eine sofortige Belohnung wünschenswerter ist als ein Aufschub der Belohnung, die dann aber eventuell höher ausfällt. Die Entscheidung zwischen diesen beiden Varianten hat dann wiederum viel mit der im präfrontalen Cortex lokalisierten Impulskontrolle zu tun, die vor schnellen Aktivitäten zunächst die rationalen Entscheidungsgrundlagen prüft. Je stärker das moralische Dilemma in einer Entscheidungssituation ist, desto stärker ist das limbische System involviert – wenn man z.B. einen Menschen töten müßte, um 20 zu retten.  In so einer Situation spricht man nicht umsonst von schmerzhaften Entscheidungen – im MRT wird sichtbar, daß tatsächlich das Schmerzzentrum aktiviert ist.

Merke: je emotionaler die Entscheidung, desto mehr wird diese durch das limbische System beeinflußt; je rationaler die Entscheidung getroffen wird, desto mehr ist der präfrontale Cortex beteiligt.

Und: je mehr Entscheidungsmöglichkeiten uns zur Verfügung stehen, umso unfreier fühlen wir uns (sind 24 Marmeladensorten im Angebot, kaufen wir weniger, als wenn nur 6 vorhanden sind). Je positiver die Konsequenz einer Entscheidung für uns ausfällt, desto freier fühlen wir uns. Unsere Entscheidungen werden also durchaus maßgeblich von unserem Streben nach Freude und Lust beeinflusst.

 

Wie bewußt sind denn unsere Entscheidungen überhaupt?

Apropos bewußt: vielleicht hast du auch schon davon gelesen oder gehört, daß es grundlegende Zweifel an einer tatsächlich bewußten Entscheidung gab, nachdem in Experimenten (Libet, 1979) Probanden die bewußte Entscheidung offenbar nach dem Zeitpunkt fällten, in dem durch Gehirnaktivität bereits eine Entscheidung erkennbar war. 2008 hat man diese Experimente wiederholt, die die Ergebnisse von 1979 zumindest teilweise relativiert haben. Denn es gibt bereits vor der bewußten Entscheidung im Gehirn tatsächlich bereits Muster, die die Bereitschaft für eine Aktivität anzeigen. Die Vorhersagekraft der Entscheidung, die man aus diesem Muster ableiten konnte, lag jedoch bei (je nach Interpretation) immerhin oder nur 60%. Andersherum gesagt: in 40% der Fälle war die bewußte Entscheidung der Probanden anders als das Potential im Hirn vermuten ließ.

Diese Möglichkeit, durch MRTs die Aktivitäten unseres Gehirns zu erkennen, ermöglicht nebenbei auch, bei Menschen, die durch einen Unfall in einem sogenannten „vegetativen Zustand“ sind, zu erkennen, ob sie Eindrücke ihrer Umwelt wahrnehmen und verarbeiten, auch wenn sie sich nicht dazu äußern können.

Es gibt jedoch noch eine Reihe anderer Faktoren, die die Bewußtheit unserer Entscheidungen in Frage stellen. Denn wir lassen uns von zahlreichen äußeren Faktoren in unseren Entscheidungen beeinflussen. Dazu gibt es zahlreiche Studien, von denen ich dir hier ein paar Beispiele nenne:

  • Wir finden jemand sympathischer, wenn wir ein warmes Getränk in der Hand haben.
  • Wir urteilen härter, wenn wir auf harten Stühlen sitzen.
  • Wir urteilen härter über moralische Verfehlungen, wenn wir uns vorher die Hände gewaschen haben.
  • Wir finden Dinge lustiger, wenn wir uns einen Bleistift so quer in den Mund stecken, daß wir ein erzwungenes Lächeln produzieren.
  • Wir halten Informationen (Achtung, Personaler, auch Lebensläufe) für gewichtiger, wenn wir sie auf einem schweren Klemmbrett lesen.
  • Wir verhalten uns anständiger, wenn Räume nach Reinigungsmittel riechen.
  • Für Probleme, die infolge einer Abtreibung entstanden, halten wir geringere Entschädigungen für angemessen, wenn wir diese Entscheidung in einer Kirche oder Kapelle statt an einem neutralen Ort treffen.
  • Wenn wir uns im Vorfeld eines Gespräches mit unfreundlichen Worten beschäftigen, neigen 66% von uns dazu, den Gesprächspartner zu unterbrechen, wenn mit freundlichen Worten, nur 16%.
  • Harvard-Bewerber werden bei schlechtem Wetter eher nach Leistung beurteilt, bei gutem eher nach Persönlichkeit.
  • Richter urteilen bei attraktiven Frauen milder als bei anderen, es sei denn, die Attraktivität war die Basis für das Verbrechen, dann werden sie härter bestraft.
  • Will ein Richter einen Täter bessern, so beurteilt er ihn milder, als wenn er die Sühne für die Opfer im Blick hat.
  • In einer Gruppe entscheiden wir häufig wie die Person, die ganz selbstbewußt eine Entscheidung trifft.

Ein schönes Beispiel hierfür ist auch das Ankerphänomen. Wenn wir jemanden für eine Entscheidung einen Anker bieten, wird er diesen nutzen. Wenn dich jemand fragt, wie weit es bis zur nächsten Haltestelle ist, wirst du versuchen, diesen Weg zu schätzen. Wenn dir jemand den Anker bietet, ob es bis zur nächsten Haltestelle 4 oder 6 km sind, wirst du dich daran orientieren, auch wenn es nur 1,5 km sind. ….

Spannend ist hier, daß all die Menschen, die eine bewußte Entscheidungsfindung in Frage stellen, zu aggressivem und egoistischem Verhalten neigen; wer hingegen an den freien Willen glaubt, ist weniger gestresst, urteilt aber härter über Verfehlungen. Der Zweifel an der Willensfreiheit schwächt also das soziale Miteinander.

Merke: Du kannst gar nicht alle dich beeinflussenden Rahmenbedingungen eliminieren, ehe du eine Entscheidung triffst.

Ein paar Rahmenbedingungen sind aber wichtig und beeinflussbar. Wenn du Angst hast, kannst du keine Entscheidungen treffen, denn die dafür verantwortlichen Schaltkreise in unserem Hirn überlappen sich. Akuter Stress beeinträchtigt die geistige Klarheit für mehrere Tage – Entscheidungen solltest du in einer solchen Situation also auf keinen Fall treffen! (Hoffentlich sagt das mal einer den Wirtschaftsbossen und Politikern.)

 

Inwiefern spielt unser Bauchgefühl bei einer Entscheidung mit?

Dazu kommt nun noch die Frage des Bauchgefühls. Das ist übrigens mittlerweile ein zweigeteiltes Thema. Zum einen geht es um die Frage der Intuition, zum anderen um den Einfluß des sogenannten „Bauchhirns“ auf unsere Entscheidungen.

Beginnen wir mit der Intuition. Intuition ist im Grunde ein schnelles Verständnis von Sachverhalten, die nicht bewußt bewertet werden. Die Basis dafür ist ein aus der Evolution entstandener Instinkt, mit dem wir vor allem Emotionen, die auf der Basis von Sinneswahrnehmungen entstehen, ohne Umweg über das Bewußtsein einschätzen. Schließlich mußte unsere Spezies in grauen Vorzeiten in Sekundenbruchteilen die Entscheidung fällen, ob Fremde Freunde oder Feinde sind und wenn Feinde, ob sie stärker oder schwächer sind. Zudem bilden die Erfahrungen aus den unterschiedlichen Situationen des Lebens eine gute Grundlage für die Intuition. Intuition ist damit in der Regel schneller als eine rationale Überlegung, aber auch fehleranfälliger, da sie sich vor allem auf vorangegangene Erfahrungen stützt und in gänzlich neuen Situationen damit nicht unbedingt richtig liegt. In Bezug auf die Einschätzung von Menschen scheint sie jedoch auch von dem evolutionsgeschichtlichen Wissen um Mimik und Gestik und der daraus resultierenden Einschätzung von Freund oder Feind zu profitieren.

Das sogenannte „enterische Gehirn“ oder „Bauchhirn“ hat ganz eindeutige Auswirkungen auf unser Gehirn und damit auch auf unsere Entscheidungen. Das hängt zum einen mit der Darmflora, also der Zusammensetzung der Bakterien in unserem Darm zusammen, zum anderen auch mit der Verbindung zwischen Hirn und Darm, die über dieselbe Art Neuronen hergestellt wird, wie im Gehirn selbst. Es gibt Darmbakterien, die Emotionen über Substanzen erzeugen, die wie Hormone wirken. Also z.B. Angst, Trauer und Stress – was wiederum unsere Entscheidungsfindung beeinflusst. Andere erzeugen ein Gefühl von Hunger, was auch wiederum unsere Entscheidungen beeinflusst – nicht nur die über das Essen. Die Verbindung von Hirn und Darm über Nervenzellen ist übrigens keine ausgewogene Verbindung. 90% der Informationen fließen von Darm zum Hirn und nur 10% zurück. So merkt sich zwar der Darm die emotionalen Zustände und die damit zusammenhängenden Entscheidungen und nimmt auf diese Weise auch Einfluß auf die Intuition. Doch der bis heute nur in Ansätzen erforschte Einfluss der Bakterien auf unsere Entscheidungen scheint doch der deutlich stärkere zu sein. Klar ist jedoch bereits, daß eine ausgewogene und vielfältige Darmflora einen maßgeblichen Einfluss auf deine Gesundheit hat (und damit natürlich auch wieder auf deine Voraussetzungen zur Entscheidungsfindung). Mehr dazu findest du zum Beispiel in diesem  Fokusartikel oder bei den Vorträgen meiner Kollegin Manu Lemke.

Merke: Je gesünder und ausgewogener deine Darmflora ist, desto weniger wird sie in deinen Gefühlszustand und in deine Entscheidungsfindung eingreifen.

 

Welchen Rat kann ich dir für deine Entscheidungsfindung mitgeben?

Sei dir darüber im Klaren, daß du von zahlreichen Faktoren in deiner Entscheidungsfindung beeinflusst wirst, die du nicht überblicken kannst. Dennoch solltest du dir einige Rahmenbedingungen für Entscheidungen bewußt machen:

  • Bist du im Stress oder wirst du unter Druck gesetzt? Hast du Angst vor den negativen Konsequenzen einer Entscheidung? Unter diesen Umständen solltest du keine Entscheidung treffen, sondern zunächst deine Ruhe wiedergewinnen.
  • Ist deine Entscheidung von den Vorstellungen deines Umfeldes geprägt? Dann hinterfrage, ob du und dein Umfeld wirklich dasselbe wollen.
  • Hast du Hunger oder Durst, wenn du etwas entscheiden musst? Dann geht die Entscheidung vielleicht schneller, aber auch hier ist ein Überschlafen sehr nützlich.
  • Du musst eine Entscheidung fällen, die ganz neue Erfahrungen mit sich bringen wird? Dann bist du gut beraten, nicht nur deiner Intuition zu folgen, sondern rational abzuwägen.
  • Du musst Entscheidungen in Bezug auf eine Person treffen? Dann ist es oft sinnvoll, der Intuition zu folgen.

Neben den üblichen Varianten zur Entscheidungsfindung (pro und contra, Listen etc.) gibt es noch weitere Möglichkeiten, die dir eine Entscheidungsfindung erleichtern:

Du kannst deine unterbewußte Entscheidung, die du bereits getroffen hast, mit einer Münze herausfinden. Wenn du z.B. die Wahl zwischen Ausgehen und zu-Hause-Bleiben treffen willst, ordne „Ausgehen“ der Seite A der Münze und „zu-Hause-Bleiben“ der Seite B zu. Wenn du sie dann wirfst, wirst du die Wahl der Münze entweder gut finden oder schlecht. Wenn du sie gut findest, entspricht sie der Entscheidung, die du sowieso schon getroffen hast, wenn nicht, hattest du die Entscheidung bereits anders getroffen. In jedem Fall bist du jetzt in der Lage zu handeln. Wenn du spirituellen Themen gegenüber aufgeschlossen bist, kannst du die Wahlmöglichkeiten auch auf Zettel schreiben und mischen. Der Zettel, der Wärme abstrahlt, gibt dir den Ratschlag, den du dir wünschst.

Wenn du nur zwei Möglichkeiten zur Wahl hast, schaffe dir eine dritte. Beispiel: du willst entweder ausgehen oder zu Hause bleiben. Eine dritte Möglichkeit könnte sein, dir jemand einzuladen. Nun musst du nicht mehr für oder gegen etwas entscheiden, sondern dir die Kriterien überlegen, die dir für die Entscheidung wichtig sind. Das könnten hier z.B. sein, daß du mit jemand zusammen sein möchtest, daß du an die frische Luft willst, daß du dich entspannen möchtest, daß du dich nicht schick anziehen willst… Und da, wo die meisten Kriterien zusammenpassen, ist die Entscheidung die Richtige.

Gerade für wichtige Entscheidungen kannst du neben den Kriterien und deren Bewertung auch noch die Bewertung eines bewunderten Mentors nutzen. Wenn du also jemand kennst, der dich positiv beeinflusst hat, oder der ein Vorbild für dich ist, so kannst du versuchen, einmal ganz unabhängig von deinen Kriterien und deinen Ideen aus der Sicht deines Vorbildes die Situation anzuschauen und zu bewerten.

Viel Spaß bei deinen Entscheidungen in der Zukunft wünsche ich dir und freue mich wie immer über Feedback.

 

Deine Claudia

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