Was heißt eigentlich Völlerei?

Wann und wo ist das wohl aufgetaucht?

Die erst Frage ist schon einmal, ab wann der Begriff in unserer Geschichte aufgetaucht ist. Ich vermute, das ist eine Interpretationssache.  Verstehen wir unter Völlerei jede Art und jeden Anlaß, sich den Wanst vollzuschlagen? Ist also auch das ausgedehnte Festmahl nach dem Erlegen eines Mammuts Völlerei? Oder ein Erntedank-Fest nach einem halben Jahr harter Feldarbeit? In meinem Verständnis nicht.

Ich denke dabei eher an die reichen Römer, die ihre Tafeln mit allem beluden, was Köstliches im Römischen Reich zu finden war. Es wird dabei sogar noch immer gestritten, ob sie – durch den überreichlichen Weingenuß oder ein spezielles Brechmittel – den jeweils vorangegangenen Gang immer wieder ausspien, um damit Platz für weiteres Essen zu schaffen. Ich denke auch an die europäischen Adligen, die ungeachtet hungernder Leibeigener jede Menge Fleisch und Süßes verspeisten und es nicht selten nach reichlichem Weingenuß wieder von sich gaben. Denn bei diesen Festen ging es nicht darum, sich für etwas zu feiern, das man erreicht hatte.

Welche Kriterien machen ein Festmahl zur Völlerei?

Diese Feste waren eine Maßlosigkeit. Eine unverschämte Art und Weise, sich alles zu nehmen und einzuverleiben, die keine Rücksicht auf andere nahm. Sie demonstrierte vor allem, daß man es im Gegensatz zu anderen einfach tun konnte. Hier wurde ge(fr)essen über das Maß hinaus, in dem man es benötigte. Glaubst du, die Adligen haben bei diesen Gelegenheiten auch nur einen Gedanken daran verschwendet, wie diese Lebensmittel auf ihrem Tisch gelandet sind? In meinen Augen ist es auch Geringschätzung der Gaben unseres Lebens, wenn man sie nur in sich hineinstopf. Und das nur, damit sie niemand anders bekommt. Oder um seinen Wohlstand zu zeigen und sie vielleicht noch vor Ende des Gastmahles wieder auszuwürgen.

Und wie diese Beispiele zeigen, ist mit übermäßigem Essen in der Regel auch übermäßiger Alkoholgenuss verbunden. Und der führte dann oft zur nächsten Todsünde, der Wollust. Noch ein Grund mehr, die Völlerei auf die Liste der sieben Todsünden zu setzen. Und übrigens nicht erst durch die katholische Kirche. Denn schon griechische und römische Philosophen verurteilten die Völlerei und Wollust einiger bei den stattfindenden Gelagen. Menschen, die dem Laster der Völlerei frönten, wurden in alten Zeiten mit Tieren verglichen. Dabei wissen wir heute, daß es kaum Wildtiere gibt, die mehr fressen, als gut für sie ist.

Betrachtet man diese Beispiele, ist die Freude am Essen und an raffinierten Gerichten wohl nur dann eine Völlerei, wenn sie mit Maßlosigkeit und Rücksichtslosigkeit einhergeht. Da helfen dann auch keine Tischsitten mehr, die übrigens erfunden wurden, um ungeniertes und gieriges (Fr)essen zu vermeiden.

 

Gibt es das denn heute so auch noch?

Um es gleich vorwegzunehmen: ja, ich finde schon. Und zwar nicht nur die gierigen Fresser, sondern auch die überheblichen Protzer. Außerdem bietet unsere Gesellschaft eine wunderbare Basis für jede dieser Völlerei-Unterarten. ein Überangebot an Nahrungsmitteln, die unser Belohnungszentrum aktivieren auf der einen Seite. Ein reichliches Angebot an exklusiven und extrem teuren Lebensmitteln auf der anderen Seite. Und selbst der Trend, sich auf gesunde und ethisch hergestellte Nahrungsmittel zu konzentrieren, wird  von manchen so sehr als Zwang und Freiheitseinschränkung empfunden, daß sie mit trotziger Völlerei Widerstand dagegen leisten.

Jedoch eingeschränkt auf das Thema Essen.

Allerdings wird der Begriff „Völlerei“ heute eher auf das übermäßige Essen und die daraus resultierende Fettleibigkeit bezogen. Da wir in der Zwischenzeit alle über genügend Informationen zu Folgen der Fettleibigkeit verfügen, wird diese Art der Völlerei als Versagen in persönlicher Hinsicht gewertet und den entsprechenden Personen zudem noch gesellschaftliches Schmarotzen vorgeworfen, da sie aus eigener Schuld die Krankheitskosten der Gesellschaft in die Höhe treiben. Völlerei unter ethischen und moralischen Fragestellungen wie der Beitrag von Monokulturen und global per Flugzeug verteilten Lebensmittel zum Klimawandel,  wie die Lebensbedingungen der Menschen und Tiere in der Nahrungsherstellung und die Auswirkungen des Anbaus auf den Süßwasserhaushalt der Erde werden hingegen deutlich seltener thematisiert.

 

Warum „völlen“ wir denn eigentlich, wenn wir doch wissen, wie unmoralisch und ungesund das ist?

Offensichtlich benötigt unsere Spezies einen inneren Motivator, um überhaupt in die Gänge zu kommen. Wir müssen uns selbst immer wieder dafür belohnen, daß wir Dinge tun, zu denen wir überhaupt keine Lust haben oder die schlicht anstrengender sind als auf der Couch zu liegen.

Es gibt das sowas wie das Belohnungszentrum.

Das ist zum einen einfach eine biologische Struktur…

Die Wissenschaft hat als Motivatoren das Belohnungszentrums in unserem Gehirn, das sich „nucleus accumbens“ nennt, identifiziert. Dieser „nucleus accumbens“ ist ein ganzes Areal in unserem Gehirn, das mehrere Bereiche und ihre Nervenverbindungen umfaßt. Bestimmt hast du schon mal vom Glückshormon Dopamin gehört. Im nucleus accumbens finden sich zahlreiche Dopaminrezeptoren, deren Aktivierung das Glücksgefühl auslöst.

Für das Auslösen der Motivation, uns etwas zu essen zu beschaffen, sind grundsätzlich Funktionen im Hypothalamus verantwortlich. Ein Bereich, der übrigens nicht weit von unserem nucleus accumbens liegt. Jedoch ist das ganze Geschehen so komplex und nicht nur mit verschiedenen Hirnarealen, sondern auch mit unserem Nerven- und Hormonsystem verbunden, daß das noch weitere Seiten füllen würde.

… wird aber zum anderen auch gesellschaftlich „gefüttert“.

Wichtig und interessant dabei ist, daß – gesellschaftlich bedingt – sogenannte „hedonistische Aspekte“ einen zunehmenden Platz in der Hungerbefriedigung einnehmen. Gemeint ist damit, daß die Lust am Essen, gerade auch an schön aussehendem Essen sich über die eigentliche Sättigung hinwegsetzen kann. Verantwortlich für Fettleibigkeit ist in diesem Zusammenhang eine Konditionierung des Belohnungssystems durch Nahrungsmittel, die besonders gut und schnell die Dopaminausschüttung auslösen.

Während also in der lange zurück liegenden Zeit des Menschen die Aktivität zur Nahrungssuche durch ein Hungergefühl ausgelöst wurde, das im Frontalhirn dann eine bewußte Aktion auslöste, reicht heute schon das Bild eines leckeren Stücks Kuchen, um den Impuls auszulösen, dieses zu essen, um damit das Belohnungszentrum zu aktivieren. Spannend sind Forschungen, die vermuten lassen, daß bei übergewichtigen Menschen die Belohnungsreaktion weniger intensiv verläuft, was ständigen Nachschub erfordert. Auch scheinen Menschen, die erfolgreich abgenommen haben, intensiver gegen die Gier ankämpfen zu müssen, die bei der Ansicht leckeren Essens entsteht, als immer normalgewichtige Personen.

 

Und wieso mag unser Belohnungszentrum so ungesunde Nahrungsmittel?

Weil wir Säugetiere sind.

Nach welcher Art von Nahrungsmitteln wir suchen, ist möglicherweise mit unserer Zugehörigkeit zu den Säugetieren zu erklären. Da Muttermilch sowohl Fette als auch Kohlehydrate enthält, suchen wir nach genau diesen Lebensmitteln. Mit der Ausnahme von Milch enthält Nahrung jedoch in der Regel entweder Fette oder Kohlenhydrate.

Daher gibt es Länder mit jahrtausendealter Milchtrinktradition, in denen es vielen Menschen möglich ist (in Mitteleuropa mehr als 80%), diese fremden Proteine auch als Erwachsene nebenwirkungsfrei zu verarbeiten. Dafür mußte das entsprechende Gen erst mutieren. Denn sonst läßt es die Produktion des Enzyms Laktase nach dem Säuglingsalter bei allen Säugetieren stark absinken.

Haben wir keinen Zugang zu Milch, brauchen wir folglich Lebensmittel mit Fett und Lebensmittel mit Kohlehydraten. Wegen der leichteren Verfügbarkeit suchen wir nach möglichst kurzkettigen Kohlehydraten. Und die finden wir vor allem in Süßem und in Früchten.

Weil wir so erzogen werden.

Da die Informationen aus dem Belohnungszentrum auch in den Hippocampus gelangen, der für Gedächtnis und Lernen wichtig ist, erzieht man schon Kleinkinder zum Auslösen des Belohnungszentrums, wenn man ihnen Süßigkeiten zu essen gibt. Sie werden sich in Folge – weil sie sich die Reaktion gemerkt haben – immer wieder Süßes wünschen.

Und weil unsere Gene auch über unsere Nahrungsmittelvorlieben entscheiden.

Allerdings gilt das nicht für alle Kinder – für mich zum Beispiel nicht. Warum das so ist, beantwortet die Genetik. Sie entdeckt immer mehr Gene, die für bestimmtes Eßverhalten und bestimmte Vorlieben verantwortlich sind. Heute ist z.B. sicher, daß es eine genetische Anlage ist, ob man lieber süßes oder lieber salziges Essen verzehrt. Unsere Gene bestimmen aber auch – und das trotz der nur 0,3% Differenz zu anderen Menschen, welche Stoffe und Nahrungsmittel wir vertragen und wie wir sie verarbeiten. In der Zukunft wird das zu individualisierten Ernährungsplänen führen, die dann all die Verzweiflung – hoffentlich – beseitigen. Die Verzweiflung, die entsteht, wenn mal wieder eine Diätvariante, die bei Freunden super funktioniert hat, bei einem selber gar nichts bringt.

In meinem Umkreis scheine ich jedoch, was meine Vorliebe für salziges Essen betrifft, deutlich in der Minderheit zu sein. Nun war es für unsere Vorfahren möglicherweise auch sehr wichtig, daß Süßes das Belohnungszentrum stark aktiviert. Anthropologische und archäologische Untersuchungen legen nämlich nahe, daß die Ernährung unserer Vorfahren zu mehr als 60% aus proteinreicher Nahrung bestand. (Eine interessante Zusammenstellung findest du hier.) Früchte – deren Reifegrad durch Süße signalisiert wird – sowie Honig können bei einer solchen Ernährungsweise die dringend benötigten Vitamine oder Enzyme zur Verfügung stellen.

 

Wie kannst du heute schon „deine“ gesunden Nahrungsmittel herausfinden?

Du kannst ganz gut feststellen, nach welchen Nahrungsmitteln du dich energiegeladen fühlst, welche dein Magen mit zu viel Säureproduktion oder dein Darm mit Blähungen honoriert, wenn du auf deinen eigenen Körper hörst. So hat meine Tochter aufgehört, Milchprodukte zu essen, weil sie bei ihr zu Blähungen und Unwohlsein führen. Ich hingegen habe Gluten so gut wie vollständig aus meinem Ernährungsplan gestrichen, weil ich nach einem schönen Brötchenfrühstück am Sonntag eigentlich gleich wieder ins Bett gehen könnte.

Auch kannst du – wenn du genau hinhörst und -siehst – die Auswirkungen erkennen, die überhöhter Zuckerkonsum auf dich persönlich hat. Leidest du an schlechter Haut, flachem Schlaf mit häufigem Aufwachen, gestörtem Hormonzyklus, an Durchfall oder Genitalpilzen, an unbeherrschbaren Launen, so können all diese Symptome mit deinem Zuckerkonsum zu tun haben.

Neben diesen individuell ziemlich unangenehmen Folgen (die aber unser Belohnungszentrum geschickt überspielt, wenn wir ihm nur genug Zucker geben), scheint das Zuckerproblem (wir verbrauchen in Deutschland 35Kilo pro Person und Jahr!!) also auch maßgeblich etwas mit der ständig wachsenden Anzahl übergewichtiger Menschen zu tun zu haben. Es sagt schon etwas über die unser Weltwirtschaftssystems aus, daß wir mittlerweile doppelt soviel übergewichtige wie unterernährte Menschen haben. (1,6Mrd – was übrigens 25% der Gesamtbevölkerung entspricht – gegenüber ca. 800.000).

 

Und hat die Gesellschaft mit Völlerei zu tun?

Die einen sagen so, …

Auf der Suche nach anderen Meinungen in Literatur und anderen Publikationen stellte ich schnell fest, daß nicht alle meine Meinung teilen, daß noch immer viele der Sünde der Völlerei frönen und das auch gesellschaftlich bedingt ist. So beschreibt der eine oder andere andere  unsere Sünden als „Preis der Freiheit“ . Und wettert gegen Askese und Moralität der Philosophen und Wissenschaftler. Wieder andere sehen die Sünden nicht mehr als dramatisch an, sondern als normale Ausprägungen unseres Lebens. Sie erkennen in den Sündern unsere Nachbarn und Kollegen – den Neidhammel, den Choleriker, Freßsack und Langweiler.

…die anderen so.

Doch nicht nur ich betrachte diese die 7 Todsünden auch heute noch als relevant für Selbsterkenntnis der Menschen und für die Klarheit über den Zustand der Gesellschaft. Auch wenn es kein allgemein bindendes Korsett solcher „Sünden“ mehr gibt. Auch andere stellen sich die Frage, was die Ursache für das Übertreiben beim Essen (Völlerei), von notwendigem Besitz (Habgier), von Konkurrenz (Neid), Wehrhaftigkeit (Zorn), Sexualität (Wollust), Selbstbewußtsein (Hochmut) und Muße (Trägheit) seien könnte und erkennen hier Einsamkeit, Verzweiflung und mangelnden Mut.

Aus meiner Sicht schafft die Gesellschaft die Voraussetzungen für all diese Todsünden.

Diese wiederum sind durch die Gesellschaft gemacht. Eine Individualisierung, die zu technischen und moralischen Erneuerungen führte, ist auch die Basis für Einsamkeit, nicht nur inmitten von Menschen, auch inmitten uns umgebender und mit uns verbundener Natur. Verzweiflung an einer unsinnigen Arbeit ohne Wertschätzung und all die daraus resultierende Ängste lassen uns das Maß vernünftigen Verhaltens vergessen, auch und gerade, weil es so zahlreiche Varianten des erwünschten Verhaltens gibt, daß sich jeder das ihm genehme heraussuchen kann.

Da unsere Gesellschaft dem aus meiner Sicht mittlerweile als Irrtum entlarvtem Grundsatz „mehr ist immer besser“ folgt, ist eine entsprechende Übertreibung allen Maßes dann auch gesellschaftlich nicht nur nicht verurteilenswert, sondern an manchen Stellen sogar gewünscht. Würden wir jetzt alle unseren Zuckerkonsum auf 5 Kilo im Jahr beschränken, bräche nicht nur ein Industriezweig zusammen.

Ich halte es in der Beurteilung erwünschter Verhaltensweisen – wie fast immer – mit den Alten. Für Platon war die Grundlage des Handelns die „sophrosyne“. Das Wort kann man gar nicht richtig ins Deutsche übersetzen, vielleicht in einem Sinne von „maßvolle Balance“. Denn mit sophrosyne konnte dem guten Menschen die Balance zwischen Mut, Klugheit und Lebensfreude gelingen. Man könnte auch wie meine Oma sagen: Alles in Maßen und du wirst glücklich alt.

 

Wie kannst du – wenn du ihr verfallen bist – der Völlerei entkommen?

Wenn du das jetzt gelesen hast und denkst: „Ja toll, was genau soll ich denn nun mit meiner Zuckersucht oder meinem zucker- oder fettgeschuldetem Übergewicht machen?“,  dann habe ich hier noch ein paar Tips für dich:

Versuche zu allererst einmal herauszufinden, was dein Körper mit Essen bekämpfen oder ersetzen möchte: Trauer, Liebe, Wertschätzung? Oder hast du öfter richtige Scheißtage oder Dauerstress, denen du nur mit Essen beikommst? Langweilst du dich? Verfolgen dich Ängste aller Art – nicht schön genug, nicht gut genug … – die du mit Essen in Schach halten kannst.

Das sind die Themen, bei denen du ansetzen mußt. Ich weiß, wie schwer es ist, Liebe zu ersetzen oder einen Menschen, den du verloren hast. Doch ohne diese Auslöser zu verstehen, wird jede Zucker-Entwöhnung und jeder Abnehmversuch in aller Regel ohne langfristigen Erfolg bleiben – das ist jedenfalls meine persönliche Erfahrung und die meiner Klienten. Ich – und zahlreiche

Fazit:

Und dein eigener Weg ist zusammen mit dem vieler anderer der beste Weg aus der Maßlosigkeit, in der unsere Gesellschaft zu versinken droht.

Doch mit der Maßlosigkeit kommen wir schon gleich ins nächste Thema – doch dazu erst im nächsten Monat mehr.

Deine Claudia