Die Geburt – Traum oder Trauma? Zurück

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06.18

 

Was liegt näher, als nach den Texten zu Frauen und Männern etwas über Sexualität zu schreiben, dachte ich mir. Doch das Thema Sexualität ist nicht nur mit den beiden Geschlechtern, sondern auch mit Geburt und Tod verbunden. Denn mit Sex versuchen wir dem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen zu entgehen.
Indem wir nach unserem Tod, der unausweichlich ist, Nachkommen hinterlassen, die unsere Gene weitertragen. (Von den Gefühlshochs beim Sex mal abgesehen, während derer wohl kaum jemand über den Zyklus des Lebens nachdenkt ?.)

Also schien mir das Thema Geburt folgerichtig das nächste in der Reihe zu sein. Aus ganz persönlichen Gründen finde ich das Thema sowieso spannend. Zum einen war ich eine Steißgeburt und meine Geburt hat nach Aussagen meiner Mutter 40 h gedauert. Zeit meines Lebens hatte ich furchtbare Angst vor engen Räumen und ich mochte es auch nicht besonders gern, wenn ich komplett der Kontrolle durch andere unterworfen war. In meiner Ausbildung zum NLP-Master bin ich diesen Ängsten auf den Grund gegangen und habe tatsächlich die Geburt als Auslöser identifizieren (und damit die Erfahrung verändern) können. Zum anderen habe ich die Geburt meiner Tochter (vor nun schon 17 Jahren) als eine zugleich beglückende wie auch lebensverändernde Erfahrung in Erinnerung. Deshalb ist das hier wohl ein sehr persönlicher Text.

Die Geburt meiner Tochter – ein Traum.

Für mich hat sich mit meiner Tochter der Traum von einem Kind erfüllt. Und das auch erst, als ich mich bereits damit abgefunden hatte, dass wir kein Kind bekommen würden. Wir hatten uns schon auf den Zustand eines Doppelverdienerpaares ohne Kind (sogenannte DINKies) eingestellt. Vielen anderen Frauen bleibt dieser Wunsch lebenslang unerfüllt. 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind ungewollt kinderlos. Der Traum von einem Kind, einst eine normale Begleiterscheinung einer Partnerschaft, ist heute nicht nur die Basis für einen Milliardenmarkt weltweit, sondern auch ein Ideal, das sich vielfältigen Rahmenbedingungen unterzuordnen hat.

Auch da kann ich wieder auf eigene Erfahrungen zurückgreifen: Nach der Wende wollte ich erst meine Promotion abschließen und eine Arbeit finden. Dann sollte mein Mann sein Studium beenden. Und erst dann war ein Zeitschlitz für ein Kind gefunden. Nur war ich da dann schon 37 Jahre und entsprechend lange ließ der Erfolg unserer Bemühungen, ein Kind zu zeugen, auf sich warten. Ich wage zu behaupten, dass es in unserer heutigen Gesellschaft sehr vielen Frauen so geht wie mir. Denn es sollen ja Partnerschaft, Beruf und Elternschaft miteinander vereinbar bleiben. Und so wird geplant und gerechnet. Und wenn das Kind dann nicht in dem entsprechenden Zeitfenster geboren wird, gerät man in Stress oder stellt die Fortpflanzungsbemühungen ein.

Dieser Druck ist natürlich keine gute Voraussetzung für eine entspannte Schwangerschaft und eine sanfte Geburt.

Zum Glück ist beides dennoch möglich. So kann ich zumindest aus meinem Erleben berichten. Von der Schwangerschaftsübelkeit mal abgesehen, gab es wohl keine Zeit, in der ich mich mental so entspannt gefühlt habe wie während der Schwangerschaft. Und das, obwohl sich mein Arbeitspensum als Leiterin einer Personalabteilung nicht vermindert hatte. Die Geburt selbst habe ich als so schmerzhaft erlebt, dass ich noch vier Jahre später nicht verstanden habe, wie Frauen gleich nach dem ersten noch ein zweites Kind zur Welt bringen konnten.

Aber es war das schönste Gefühl meines Lebens, als ich selbst beobachten konnte, wie mein Kind aus mir herausglitt und es mir dann auf den Bauch gelegt wurde. Allerdings wurde die Geburt meiner Tochter eingeleitet, weil sie nach Rechnung der Ärzte schon zwei Wochen überfällig war. Meine Einwände, dass diese Rechnung falsch sein musste, fanden bis zur Geburt kein Gehör. Als die Hebamme mir meine Tochter abnahm, um sie zu wiegen und zu säubern, kommentierte sie nur, dass das Kind ja wohl ein bisschen früh wäre.

Technik, Operationen und Medikamente bei einer Entbindung – ein Albtraum?

Die Einleitung der Geburt bei Überschreiten eines errechnetet Geburtstermins ist eine absolut übliche Praxis. Ebenso wie die Geburt in Krankenhäusern und die komplette technische Überwachung des Geburtsvorganges.

Abgesehen von dieser Entfremdung eines eigentlich absolut natürlichen Vorganges steigt seit 1991 (Deutschland hatte in diesem Jahr 15% der Entbindung per Kaiserschnitt zu verzeichnen) die Anzahl der Kaiserschnitte bei Geburten ständig an. Auch wenn die WHO keine Rechtfertigung für Quoten oberhalb von 15% sieht (das ist der Anteil der medizinisch notwendigen Kaiserschnitte), befindet sich Deutschland bereits bei ca. 35%.

Interessanterweise ist das Verhältnis unter den Bundesländern Deutschlands hier sehr unausgeglichen. Während sich im Saarland fast 39% für eine Entbindung per Kaiserschnitt entscheiden, sind es in Sachsen nur 24%. Seit dem letzten Jahr ist die Quote zudem bundesweit sinkend, da vermehrt Zuwanderinnen aus Bulgarien, Rumänien und Syrien in Deutschland entbinden, die eine natürliche Geburt wünschen. Abgesehen davon, dass eine Kaiserschnittentbindung das Risiko für die nächste Schwangerschaft erhöht, ist mittlerweile auch schulmedizinisch anerkannt, dass die per Kaiserschnitt entbundenen Kinder 5x häufiger an Allergien und in Folge auch an Asthma leiden.

Ist die Verabreichung von Medikamenten unter der Geburt immer sinnvoll?

Eine PDA (Periduralanästhesie) wirkt daneben fast normal, doch verhindert diese die Ausschüttung der körpereigenen Endorphine der Frau, die ihr helfen sollen, den Schmerz der Schwangerschaft zu ertragen. Und auch wenn die Schmerzlinderung für die Frau angenehm ist, so ist das Fehlen der Endorphine für den Fötus umso unangenehmer und setzt diesen zusätzlich unter Stress. Zudem hemmt die PDA oft die Wehen, so dass zusätzlich zu dem Schmerzmittel auch noch wehentreibende Mittel eingesetzt werden müssen. Auch diese gelangen wie die die Schmerzmittel über die Nabelschnur in den Blutkreislauf des Fötus. Während der Geburt wird in der Regel ein CTG (Wehenschreiber) eingesetzt. Frauen können damit nicht herumlaufen, nicht stehen, hocken oder knien. Diese Unbeweglichkeit erzeugt mehr Geburten mit Kaiserschnitt, Saugglocke oder Zange.

Warum also entscheiden sich so viele Frauen für eine Entbindung per Kaiserschnitt oder für eine PDA? Warum agieren sie bei dem ältesten Prozess des Menschseins so uneigenständig und fremdbestimmt? Weil das Wissen über den Ablauf einer natürlichen Geburt verloren gegangen ist? Oder weil sie Angst vor den Schmerzen haben? Weil sie Angst vor Fehlern in einer Geburtshilfe haben, die nicht durch Technik und Ärzte abgesichert ist? Oder aber weil die Ärzte als Fachleute gesehen werden, die am besten wissen, was während einer Geburt zu geschehen hat?

Selbstbestimmt statt Fremdbestimmt agieren.

Auch ich habe mich damals auf die Ärzte verlassen und habe mein Kind unter wehentreibenden Mitteln zu einem Termin zur Welt gebracht, den Ärzte ausgerechnet haben (und der offensichtlich zu früh war). Ich habe einen schmerzhaften Dammriss in Kauf genommen, weil mitten in der Geburt die Kraft der wehentreibenden Mittel versagte und ich nochmals welche bekam, die dann zu einem extremen Anstieg der Wehen und einer sehr schnellen Austreibung führten. Das – wie insgesamt das Leben meiner Tochter – hat in Folge dazu geführt, dass ich nichts mehr als gegeben hinnehme und mich versuche zu informieren, ehe ich den Ratschlägen von Fachleuten in Bezug auf mein Leben Folge leiste.

Vielleicht am Rande noch ein paar Fakten zu den Ängsten:

Die Müttersterblichkeit ist nur zu einem Drittel der Geburt anzulasten. Zwei Drittel der während einer Schwangerschaft sterbenden Frauen erliegen bereits vor der Schwangerschaft bekannten Grunderkrankungen, Bluthochdruck, Nierenerkrankungen und psychischen Krankheiten. In Deutschland sterben insgesamt 7 von 100.000 Schwangeren. Nur 2 in Estland. In der Zentralafrikanischen Republik 1100 von 100.000. Die letzten 40 Plätze in der Rangliste gehen bis auf zwei Ausnahmen alle an Afrika. Hier sterben die Mütter an den hygienischen Bedingungen, an Durchfall und Infektionen, die durch nicht vollständig abgestoßenen Mutterkuchen entstehen.

2 von 1.000 Säuglingen überleben in Deutschland den ersten Lebensmonat nicht. Fast alle davon sind Frühgeburten oder Babys mit angeborenen schweren Herzfehlern.

Es gibt also eigentlich keine Veranlassung, sich als gesunde Mutter mit einem normalen Schwangerschaftsverlauf nicht auf eine natürliche Geburt einzulassen. Dazu ist es nicht unbedingt notwendig, sich der Betreuung durch Ärzte zu verweigern. Viele Kliniken bieten die Möglichkeit, in angenehmer Umgebung, mit der eigenen Hebamme und sehr selbstbestimmt zu entbinden. Ohne komplett auf das technische Sicherheitsnetz im Hintergrund verzichten zu müssen.

Der Traum von einer natürlichen Geburt.

Was heißt eigentlich natürliche Geburt? Während der Wehen ist Bewegung förderlich für die Geburt. Dann ist eine aufrechte Haltung beim Geburtsvorgang wichtig. Ob im Knien, Stehen oder Hocken. In jedem Fall drückt damit das Gewicht des Kindes und des Fruchtwassers auf den Muttermund und hilft beim Austreiben. Dadurch hat die Mutter auch mehr Kraft für die Wehen.

Möglichst geringer Einsatz von Schmerzmitteln (z.B. durch Meditation, Yoga oder Hypnose) vermindert den Geburtsstress für das Kind. Gezielte Atemtechnik und kreisendes Becken und das Verständnis einer Geburt als einem ganz normalen Vorgang, der einem neuen Leben einen Platz auf dieser Welt schafft, hilft der Mutter, sich dem Gebären in einer positiven Stimmung zu überlassen. Das wiederum minimiert die Belastung von Mutter und Kind durch Stresshormone.

Mutter und Kind die natürliche Geburt erleichtern.

Die Begleitung durch eine erfahrene Frau ist nicht nur jahrtausendealte Tradition, sondern u.a. offenbar auch die Basis für die geringe Kaiserschnittquote in Holland (17%). Das Neugeborene sofort (ungewaschen, gewogen und gekleidet) auf den Bauch gelegt zu bekommen, noch durch die Nabelschnur mit der Mutter verbunden, habe ich als unglaublich beglückend empfunden (und das wird auch in vielen Kliniken so gemacht). Mittlerweile gibt es sogar den Trend, die Nabelschnur gar nicht zu durchtrennen, sondern sie mit dem Mutterkuchen, der ausgestoßen wurde, verbunden zu lassen, bis sie selbst abfällt. Dadurch soll dem Säugling der Übergang erleichtert werden.

Die natürliche Geburt bedeutet ein langsames Austreiben des Fötus, an dem Mutter und Kind beteiligt sind, ein Vorgang, während dem Hormone ausgelöst werden, die sich auf die Organe und das Gehirn des Fötus auswirken und seinen Eintritt in die Welt beeinflussen. Damit ist eine dem Tempo des jeweiligen Kindes gerechte Anpassung an die äußere Welt möglich. Zudem nehmen die Kinder – die in der Gebärmutter in einem keimfreien Milieu existieren – beim langsamen Passieren des Geburtskanals die Darmbakterien der Mutter auf, die ihnen ermöglichen, ein eigenes Mikrobiom zu bilden.

Geburt – ein Trauma für 45% der Neugeborenen.

Warum ist das so wichtig, dass die Kinder möglichst natürlich auf die Welt kommen? Man könnte ja auch sagen, egal, Hauptsache gesund und schnell draußen. Doch die Rahmenbedingungen der heutigen Geburten haben eben Geburtstraumata nicht nur für die Mütter, sondern auch für die Kinder zur Folge. Es gibt Studien, die davon ausgehen, dass 45% der Kinder ein behandlungsbedürftiges Geburtstrauma durch Sauerstoffmangel, Wehenstop, Kaiserschnitt, Saugglocke oder Zange, Kaiserschnitt oder durch Medikamente erleiden.

Geburtstraumata äußern sich nicht nur bei Säuglingen durch Still- und Schlafprobleme, durch Schreien und Unruhe. Auch Erwachsene – und da spreche ich nicht nur aus ganz persönlicher Erfahrung, sondern auch den Erkenntnissen meiner Arbeit in der Praxis – leiden noch Jahrzehnte später an Panikattacken bei Enge und Kontrollverlust, an unmotivierten Wutanfällen, an Albträumen von Ertrinken und Ersticken, gehängt oder zerquetscht zu werden. Auch die unmittelbare Trennung von der Mutter, die Dumpfheit durch Medikamenteneinfluss und das dadurch im späteren Leben beeinflusste Verhältnis zur Mutter ist oft Grundlage für Probleme längst erwachsener Menschen.

Denn offensichtlich beginnt unser Leben nicht erst mit dem Eintritt in die Welt, sondern schon lange davor. Wir wissen schon lange, dass bereits der Embryo nicht nur Sinneseindrücke wahrnehmen und die Gefühle seiner Mutter miterleben kann. Sondern auch eigene Gefühle ausdrücken kann. Indianer sind der Ansicht, dass am 4. Tag nach der Zeugung zudem die Seele Eingang in den Embryo findet und eine beginnende Schwangerschaft ohne die Einnistung einer Seele wieder beendet wird. Und ob es nun Seele heißt, Lebensenergie oder Prana, auch ich bin der festen Überzeugung, dass dies schon im Embryo vorhanden ist und ihm seine Aufgabe in unserer Welt weist.

Jede Geburt – ein neues Leben und ein neuer Traum.

Niemand hat das für mich besser ausgedrückt als Rabindranath Tagore – den ich in meiner Jugend viel gelesen habe – , als er schrieb: „Jedes neugeborene Kind bringt die Botschaft, dass Gott sein Vertrauen in die Menschheit noch nicht verloren hat.“

Denn ein Kind bringt eine Neudefinition als Mutter mit sich. Eine Art von Liebe, die man nicht kannte. Ein Zugehörigkeitsgefühl ohne sexuelle Untertöne. Und ein neues Verständnis auch für Kinder anderer – so ist es jedenfalls mir ergangen. Dazu kam Mitgefühl, eine erwachende Spiritualität und ein Hinterfragen unseres Lebens im Hinblick auf das Leben meiner Tochter, Zweifel und Veränderung und viel, viel Neues, was ich ohne sie sicher nie kennengelernt hätte.

 

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