Die Dunkelheit…

Dunkelheit ist etwas, was die Menschen von jeher beschäftigt hat – verständlich, sind wir doch evolutionär in unseren Verrichtungen an den Tag gebunden. Das läßt sich sogar an der Wortherkunft von „dunkel“ ableiten. Auch wenn das althochdeutsche „tunkal“ wohl auf das germanische „denkw“ zurückgeht – was ebenfalls dunkel bedeutet- , so ist doch auch im außergermanischen Bereich eine sprachliche Nähe zum Beispiel zum Hethitischen „dankui“ erkennbar, das ebenfalls „dunkel“ bedeutet und sich in der Kombination als „dankui tekane“ auf die Unterwelt bezieht.

In der Dunkelheit ruht die Photosynthese, die Temperaturen sinken, die Luftströmungen werden durch die fehlende Sonnenwärme geringer, alles wird ruhiger. Aber auch unser Sehvermögen läßt nach. Wir erkennen nur noch Hell und Dunkel, sehen Schatten und Bewegungen, die wir nicht zuordnen können. Denn anders als unseren vierbeinigen Freunden fehlt uns das tapetum lucidum, eine Schicht hinter der Netzhaut des Auges, die jeden einfallenden Lichtstrahl reflektiert und damit die Ausbeute an Licht verdoppelt. Übrigens haben nicht nur Katzen und Hunde diese Schicht, sondern auch Pferde und Rinder. Nicht aber Schweine und Eichhörnchen. Nun ja, genetisch sind wir ja auch mit dem Schwein enger verwandt als mit dem Rind….

Wenn du zu denen gehörst, die mit Grauen an die nun folgenden dunklen Monate denken, dann fragst du dich vielleicht, wie die Menschen nördlich des Polarkreises das aushalten können. Nun verdanken zumindest die Inuit einem Gen die Möglichkeit, jede Menge fetten Fisch essen zu können. Der verschafft ihnen über einen von unserem verschiedenen Fettstoffwechsel Wärme, aber auch das so dringend benötigte Vitamin D. Auch die in Lappland ansässigen Samen essen viel Fisch. Vielleicht tragen auch sie eine Genvariante, die ihnen die Aufnahme von Vitamin D erlaubt. Denn anders als die sehr hellhäutigen Nordeuropäer sind sowohl Inuit als auch Samen eher dunkelhäutig. Die helle Haut der Nordeuropäer sichert die optimale Aufnahme von Sonnenlicht zur körpereigenen Herstellung von Vitamin D, eine evolutionäre Veränderung, die nachweislich erst mit dem Ackerbau entstand, da damit die Versorgung über fetten Fisch und fettes Fleisch nicht mehr zur Verfügung stand. Ich bin sicher, daß in den nächsten Jahren noch so viel mehr über die genetischen Unterschiede von Menschen in unterschiedlichen Regionen und ihren Ursachen herausgefunden wird. Ich finde das unglaublich spannend, was über die Genetik mittlerweile zu historischen Fragestellungen herausgefunden wird. Fest steht, daß weder Inuit noch Samen deine Furcht vor den dunklen Monaten teilen werden, denn seit Jahrtausenden leben sie in einer Gegend, in der es im Sommer nicht dunkel und im Winter nicht hell wird.

 

… macht uns angstvoll und depressiv,…

Für viele Menschen in unseren Breiten ist jedoch Dunkelheit etwas Unangenehmes. Und die Zeit der Dunkelheit wird im folgenden Quartal länger und länger. Dunkelheit steht für das Böse, die Abkehr vom Licht, die Unterwelt, aber auch für die dunkle Seite des Menschen. Da scheint etwas dran zu sein, denn Studien haben ergeben, daß Probanden in schummrigen Räumen eher schummeln und sich eigennützig verhalten als in hellen. Und der Mensch ist offenbar doch mit dem Vogel Strauß sehr eng verwandt, denn das taten die Probanden auch, wenn sie nur Sonnenbrillen trugen 😊. Deshalb haben gerade die dunklen Monate am Ende des Jahres bis zur Wintersonnenwende auch zu zahlreichen Festen und Geschichten für und über die dunklen Mächte beigetragen (auf die ich in meinem nächsten Blog eingehen werde). Angst vor der Dunkelheit kennst du vielleicht noch aus deiner Kindheit. Vielleicht wolltest du auch immer eine Zimmertür offen haben oder ein Nachtlicht an deinem Bett. Oft haben diese Ängste etwas mit der Kindheitserfahrung zu tun, daß man als Baby fern von den Eltern in einem dunklen Raum schlafen mußte und sich bei dem Kind die existentielle Erfahrung der Todesangst durch Einsamkeit und Ausgeliefertsein einstellt. Was nicht heißt, daß jedes Kind, das in seinen ersten Lebensmonaten im Dunkeln im eigenen Zimmer schläft, diese Angst entsteht. Ich zumindest fürchte mich trotz dieser Kindheitserfahrung nicht im Dunkeln, meine Tochter aber sehr. Ich würde heute auch ein Kind in den ersten Monaten nicht mehr allein schlafen lassen – kein Säugetier läßt sein Junges in einem anderen Bau – aber gut, später ist man oft klüger. Diese Angst vor der Nacht oder der Dunkelheit hält oft (medizinisch als Achluo- oder Nyktophobie, also als Dämmerungs- oder Nachtangst, bezeichnet) bis ins Erwachsenenleben an. Immerhin 64% der Erwachsenen fürchten sich noch immer im Dunkeln.

Da Angst an sich ja ein sinnvoller Mechanismus ist, führen Evolutionsbiologen diese Angst auf die Erfahrungen der Menschen zurück, die als „tagaktive Lebewesen“ nachts den Räubern der Nacht ausgeliefert waren.

Anders als die eigentliche Angst vor der Dunkelheit quält viele Menschen in Europa die Winterdepression. Genau wie die nicht jahreszeitlich abhängige Depression ist diese von hohem Schlafbedürfnis, Antriebs- und Motivationslosigkeit und schlechter Laune geprägt. Unterschiede gibt es jedoch auch. Z.B. findet sich hier oft Heißhunger auf Süßes statt Appetitlosigkeit. Bei Winterdepression ist oft ein deutlicher Serotoninmangel zu erkennen, denn in der Dunkelheit sind die Serotonintransporter in den Zellen besonders aktiv und ziehen dieses Hormon deshalb aus dem Blut. Aber auch der Mangel an Vitamin D kann eine Ursache sein. Natürlich kann man auch im Winter eine „normale“ Depression bekommen. Die Winterdepression ist sogar eher selten, etwa 1-3% der Menschen in Mitteleuropa leiden daran. Menschen, die an einer Winterdepression leiden, haben oft eine Störung in der Sehverarbeitung – ihre Sehzellen sind weniger lichtempfänglich und können das sowieso schon geringe Licht noch weniger gut aufnehmen.

Interessanterweise gehen die Suizidraten im Winter zurück – Oktober, November und Dezember haben die niedrigsten Raten (die höchste finden wir in März und Mai, in manchen Jahren auch im August). Wissenschaftliche Begründungen für diese saisonale Asymmetrie gibt es noch nicht. Und es wird noch merkwürdiger: diese Asymmetrie scheint von der Anzahl der Sonnenstunden abhängig zu sein, also je mehr Sonne, desto mehr Suizide. Klar zu sein scheint, daß Suizidopfer, egal in welcher Jahreszeit, einen zu niedrigen Serotoninspiegel haben. Auch könnte der paradoxe Effekt mit der Symptomatik einer Depression in Zusammenhang stehen – denn Interesselosigkeit, Schwere und Antriebslosigkeit fallen natürlich umso mehr ins Gewicht, wenn ringsum Sonne, Fröhlichkeit und Aktion herrscht.

 

… ist aber ein ganz selbstverständlicher Bestandteil unseres Biorhythmus…

Schon für Babys wird ein natürlicher Biorhythmus empfohlen – tagsüber viel draußen, abends kein grelles Licht und kein Lärm, Nähe und Geborgenheit. So entwickelt schon das Kleinkind den für uns passsenden Biorhythmus eines an den Tag angepassten Säugetieres. Unser Taktgeber für den Biorhythmus ist das Hormon Melatonin.

Melatonin wird im Gehirn von der Zirbeldrüse produziert – übrigens aus Serotonin. Die Zirbeldrüse wird von einer Art zentralem Taktgeber gesteuert, der die Tag-Nacht-Rhythmen der Organe in Abstimmung mit dem Licht koordiniert. Diesen Taktgeber nennt man SCN (Suprachiasmatischer Nucleus). Der SCN ist nur so groß wie ein Reiskorn und eigentlich ein Verband von Nervenzellen, der direkt über der Kreuzung der Sehnerven liegt. Er ist also dafür verantwortlich, daß die Produktion von Melatonin durch die Zirbeldrüse im Tagesverlauf um das 12fache schwankt. Nachts um 3 ist der Spiegel am höchsten, deshalb besteht um diese Uhrzeit auch die höchste Unfallgefahr. Wenn du um diese Zeit aufwachst – ich kenne das gut – sind die Gedanken deshalb auch höchst düster. Probleme, mit denen man am Tag noch zurechtkam, sind auf einmal unlösbar und verstörend. Wenn Licht am Tage fehlt, wird auch tagsüber Melatonin produziert und du fühlst dich müüüüde. Außerdem fehlt es in der dunklen Jahreszeit an Serotonin (das – wie im letzten Blog beschrieben – nicht nur ein Glücks-, sondern auch ein Sexualhormon ist.) Ungünstig, weil es ja auch die Grundlage für das Melatonin ist. Wie sehr unsere Melatoninproduktion vom Licht abhängig ist, hat auch wieder ganz unterschiedlich. In einem Experiment reichte bei manchen Probanden schon Schummerlicht, um die Melatoninproduktion zu halbieren, andere brauchten dafür üppige Bürobeleuchtung. Allerdings ist unser Biorhythmus nicht allein vom Licht abhängig, sondern auch von unseren Genen. In Versuchen hat man festgestellt, daß auch ohne Lichtveränderung der Mensch einen etwa 24-stündigen Zyklus beibehält. Und dieses Zusammenspiel von Genen und Licht funktioniert auch bei dem „modernen Menschen“ einwandfrei und sogar saisonal angepaßt, wenn wir es nur gestatten. Schon einmal Zelten reicht, um unseren Biorhythmus wieder in Ordnung zu bringen. Bei Versuchen mit Campern, die gehalten waren, auf künstliches Licht zu verzichten, paßte sich der Körper innerhalb eines Wochenendes an die herrschenden Lichtverhältnisse der Saison an. Also im Sommer mit deutlich weniger Schlaf als im Winter und mit Aufwachen mit dem Aufgehen der Sonne und einsetzender Müdigkeit mit Eintritt der Dunkelheit. Da stellt sich mir doch die spannende Frage, wie diese Erkenntnis mit dem Mythos von Eulen und Lerchen zusammenpaßt. Ich habe schon immer vermutet, daß das eine zivilisationsgemachte Eigenschaft ist, denn bei unseren Vorfahren war eine „Eule“ in der Dunkelheit zu nichts nütze, aber müde am Tag bei der Jagd. Immerhin aber ist erwiesen, daß sich der lichtabhängige Biorhythmus im Laufe des Lebens verändert. Für Säuglinge geht die innere Uhr immer ein bisschen vor, deshalb wachen die meisten (wenn sie nicht erst mit ihren Eltern um Mitternacht von der Familienfeier kommen) sehr früh auf, in der der Pubertät hingegen geht die Uhr ziemlich nach (was man selbst bei einem eigentlich frühaufstehenden Kind wie meinem merkt). Trotzdem zwingen wir gerade Schüler schon um acht in die Schule, und mit der sinnlosen Sommerzeit sogar noch eine Stunde früher. Und dann beklagen wir die schlechten Leistungen. Nun ja.

 

… und sogar notwendig für den Menschen und unseren Planeten,…

Zuviel Licht ist aber auch nicht gut, was zumindest ein extremes Experiment mit Mäusen zeigt (ja, leider werden auch der neurologischen und psychologischen Forschung sehr viel Tierversuche gemacht), daß eine Dauerbestrahlung auf Tageslichtniveau 24h lang typische Alterserscheinungen erzeugt wie Knochendichteverlust und Muskelschwund. Und angesichts der Klimadiskussionen muß ich wohl nichts mehr zu der Lichtverschmutzung unseres Planeten sagen, die für Insektensterben, beeinträchtigtes Fortpflanzungsverhalten und verringerte Überlebenschancen von Zugvögeln mit verantwortlich ist. Wenn du schon einmal fern der Zivilisation die Nacht verbracht hast – ich liebe das zum Beispiel auf der Hallig Langeness – bist du als Großstädter doch immer mal wieder erschüttert, wie unglaublich schön der Sternenhimmel ist, den wir in der Stadt ja nur noch rudimentär bewundern können. Übrigens kann man auf dem oben gezeigten Photo unseres Planeten bei Nacht noch einmal die Vorliebe unserer Spezies für das Wasser erkennen – die Küsten der Meere sind fast nahtlos erhellt, im Inneren hingegen gibt es noch richtig dunkle Flecken (siehe meinen Blog zum Thema Wasser).

 

… deshalb nimm Romantik, Heimeligkeit und Gelassenheit mit in Dunkelheit der nächsten Monate.

Was nun tun, wenn die dunklen Monate nahen? Vielleicht stellst du deinen Biorhythmus auf Winter ein. Mehr Schlaf, wenn du müde bist, ist im Dunkeln normal. Und am besten machst du es wie die Norweger in Tromsoe. Dort genießt man die dunkle Jahreszeit als besonders gemütlich. Man trifft Freunde, macht es sich kuschelig und erfreut sich an den bezaubernden Wintern und den phantastischen Nordlichtern. Da letzteres in unserem eher schmuddelgrauen letzten Jahresviertel eher nicht stattfindet, bleibt die Freude an Kerzen, Süßigkeiten, Essen mit Freunden, an Saunagängen und Feiertagen, an gemütlichen Leseabenden und Kuscheln mit den Liebsten. Vielleicht gab es auch deshalb in alten Zeiten gerade im letzten Quartal des Jahres so viele Feiern – mehr dazu in meinem nächsten Blog. Lichtlampen, Vitamin D und anderes helfen sicher auch, doch wenn die Energie unserem Bewußtsein folgt – wovon ich überzeugt bin – bist du mit der Freude auf die dunklen, gemütlichen Monate schon auf dem besten Weg.

Viel Freude dabei wünsche ich Dir.

 

Deine Claudia

 

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