Passend zum Monat wollte ich einen leichten Artikel über die Leuchtkraft der romantischen Liebe schreiben – nachdem ich dich im letzten Monat mit meinen Thesen zum Thema Tod (hoffentlich) zum Nachdenken gebracht habe. Leicht und Liebe passte jedoch nicht, mußte ich schnell feststellen. Und das fing schon mit der Erkenntnis aus dem vorhergehenden Artikel an. Denn bereits hier stieß ich auf die These von Sigmund Freud, der Eros (altgr.: romantische Liebe) und Thanatos (altgr.: der Tod) als das das Leben der Menschen bestimmende psychologische Gegensatzpaar ansah. Und auch wenn die eigentlichen Thesen Freuds (Todestrieb und Sexualtrieb) vielleicht in der Zwischenzeit überholt sind, so wirf doch einmal einen Blick zurück auf dein bisheriges Leben: die tiefsten Emotionen haben sicher auch bei dir Liebe und Tod erzeugt. Und Liebe und Tod sind schon allein durch die Eheformel: „bis das der Tod uns scheidet“ verbunden.

Nun aber der Reihe nach.

Achim von Arnim und Clemens Brentano schrieben in ihrem Mailied: „Im Maien im Maien ists lieblich und schön, / Da finden sich viel Kurzweil und Wonn’“ – ein Hinweis auf den oft als Wonnemonat bezeichneten fünften Monat des Jahres. Aber schon hier zeigt sich bei ein wenig Stöbern, daß die ursprüngliche Bedeutung von Wonnemonat nichts mit „Wonne“ zu tun hat. Das aus dem Althochdeutschen stammende Wort hieß eigentlich „winnimanod“, was nichts anderes als „Weidemonat“ bedeutet. Eigentlich logisch in einer Zeit (8. Jh.), in der es wichtiger war, wann die Tiere nach den Geburten in den Monaten März bis Mai auf der Weide genug zu fressen fanden. Und auch der Name des Monats – Mai – weist auf das Thema der Fruchtbarkeit hin. Maia, die namensgebende Figur aus römischer Zeit ist nach dem Wortstamm mit Fruchtbarkeit und Wachstum in Verbindung zu bringen. Und auch die wiederkehrend aufwallenden „Frühlingsgefühlen“, die durch die luftiger werdende Bekleidung sicher befördert werden, lassen auch dich vielleicht eher an Sex (also Fruchtbarkeit) als an Romantik denken.

Merke 1: Der sogenannte Wonnemonat hat wenig mit Romantik, aber viel mit Fortpflanzung und Wachstum zu tun.

 

Tja, was soll ich sagen, es wurde nicht besser: Die Sonne scheint häufiger und es wird wärmer; der Körper bildet mehr Vitamin D. Das ist nicht nur für den Knochenaufbau wichtig, sondern auch für die Immunabwehr und den Stoffwechsel der Muskeln. Wir fühlen uns also gesünder und fitter. Zudem sorgt die Sonne dafür, daß wir mehr Serotonin bilden – den wichtigen Neurotransmitter, der für die gute und kreative Informationsverarbeitung im Gehirn erforderlich ist und uns zu Glücksgefühlen verhilft. Gleichzeitig wird weniger Melatonin produziert, das für unseren gesunden Schlaf verantwortlich ist und wir fühlen uns wacher und leistungsfähiger. Bei Männern wird zudem mehr Testosteron produziert – und schon sind wir wieder bei Wachstum 😊.

Merke 2: Frühlingsgefühle sind hormonbedingte Reaktionen auf Licht und Wärme.

 

Der eigentliche Zustand des Verliebtseins sollte auch etwas mit Romantik zu tun haben, oder?! Was genau passiert eigentlich, wenn man sich verliebt? Kurz zusammengefaßt handelt es sich um eine biochemisch eingeleitete Körperreaktion. Auch wir Menschen haben in der Nase ein Organ, das zumindest teilweise Lock- und Botenstoffe erschnüffeln kann. Wenn du also im Cafe, auf dem Flughafen oder bei einer Party einen Menschen erspähst, den du attraktiv findest, so wirst du dich ihm nähern, um seinen Geruch aufzunehmen. Der Geruch vermittelt dir dann einen ersten Eindruck, ob dieser Mensch gute Gene für eine mögliche Vermehrung in sich trägt. Zum Glück mußt du darüber nicht nachdenken, das macht dein Körper einfach ohne dich. Paßt der Geruch, kommt ihr euch vielleicht näher und tauscht beim Küssen weitere Informationen über eure Immunsysteme aus und darüber, ob es passen könnte. Warum das evolutionär für unsere Gattung wichtig ist, habe ich bereits in meinem Blog „Fünf Fakten zu Männern und Frauen“ beschrieben. Paßt auch das Immunsystem, so seht ihr euch vielleicht öfter. Du bist jetzt verliebt. Das heißt, dein Gehirn schüttet beim Gedanken an den anderen jede Menge Dopamin aus. Davon hast du vielleicht schon mal gehört – das ist wieder so ein Neurotransmitter. Dieser wirkt erregend und vor allem auf das Belohnungszentrum im Gehirn, so daß du bei einem hohen Ausstoß an Dopamin unweigerlich sehr aufgekratzt und glücklich bist. Bei Männern sorgt ein hoher Dopaminausstoß übrigens für eine weitere Steigerung der Testosteronproduktion. Gleichzeitig sinkt die Produktion von Serotonin, so daß die Informationsverarbeitung in deinem Hirn ins Stolpern kommt. Bei der Analyse verliebter Menschen sind eine Reihe von Ähnlichkeiten zu Menschen mit psychologischen Zwangsstörungen aufgetaucht. Nicht umsonst sagt ja der Volksmund nicht nur, daß Liebe blind, sondern auch, daß sie einen verrückt macht. Eine total niedliche Geschichte, wie es dazu kommen konnte, findest du hier: Die Liebe und der Wahnsinn. Übrigens schüttet das Hirn auch Dopamin aus, wenn du Drogen nimmst und erzeugt durch die ständigen Glücksgefühle die entsprechende Sucht. Soll ja auch Menschen geben, die nach Verliebt-Sein süchtig sind. Das erklärt natürlich auch, warum sich der Verlust der Liebe gerade in diesem Stadium ähnlich schrecklich anfühlt wie ein Drogenentzug.

Merke 3: Zusammenfassend müssen wir feststellen: das erste Stadium der Liebe ist der hormonerzeugte Wahnsinn.

 

Wozu brauchen wir denn einen solchen Zustand, fragst du dich? Das habe ich mich auch gefragt. Da gibt es gleich mehrere Erklärungen, die aber alle auf ein Ergebnis hinauslaufen: ohne diese Erregtheit würde die Paarung und damit die Fortpflanzung erschwert. Möglicherweise würdest du sonst nach dem ersten visuellen Check des potentiellen Partners anfangen, seine Motive, seine Ideen, seine Art zu hinterfragen und zu bewerten. Hättest du keine rosarot gefärbte Brille auf, wäre wohl eine große Menge an Partnern (die genetisch aber gut passen und daher guten Fortpflanzungserfolg versprechen) von vornherein chancenlos. Dazu kommt, daß die Fortpflanzung in der Regel nicht umgehend stattfindet und daher eine gewisse Zeitspanne nötig ist, in der du deinen Partner auch sexuell extrem anziehend finden solltest. Und es gibt sogar Theorien (z.B. Niklas Luhmann, Liebe als Passion. ), daß in unserer extrem individualisierten westlichen Welt Kommunikation mit dem Ziel einer Partnerschaft ohne diese ständige Belohnung durch Dopaminströme in unserem Hirn gar nicht mehr stattfinden würde, denn zu individuell sind Rollen, Persönlichkeiten und Ideen und zu anstrengend das Verständnis dafür. Daß auch das nicht mehr zu helfen scheint, sieht man an der stetig anwachsenden Zahl von Singles. 17 Millionen Menschen in Deutschland zwischen 18 und 65 sind Single und 20% davon länger als 10 Jahre. 5 Millionen davon sind Singles aus Überzeugung. Und immerhin 2% der jungen Europäer bezeichnen sich als asexuell, also als an sexuellen Begegnungen uninteressiert.

Merke 4: Der Wahnsinn ist für die Erhaltung unserer Art notwendig – jedenfalls dieser.

 

Wo bleibt denn nun die Romantik und was ist romantische Liebe überhaupt? Romantische Liebe wird von der eigentlichen sexuellen Begierde gern getrennt, doch gibt es diese Trennung wirklich? Romantische Liebe ist laut Definition eine sexuelle Beziehung, die mit Verbundenheit und Emotionen einhergeht. In der Zeit der Entstehung dieses Begriffes war diese Verbindung von Sexualität und Emotion angesichts vermittelter Ehen zur Stärkung wirtschaftlicher und politischer Interessen sicherlich sinnvoll. Doch heute? Selbst einen one-night-stand absolviert man doch nicht, wenn man das Gegenüber total unangenehm, peinlich und dumm findet, oder? Ich zumindest finde es romantisch, wenn mein Gegenüber sich bemüht, Situationen zu gestalten, in denen offene Zweisamkeit möglich ist, oder in denen deutlich wird, daß er mir zugehört und mich verstanden hat, auch gefühlsmäßig. Das ist auch bei einem one-night-stand wichtig, aber vor allem eine wunderbare Grundlage für die Zeit nach der Verliebtheit.

Merke 5: Romantik in der Verliebtheit bereitet den Boden für Verstehen und Vertrauen.

 

Denn Verstehen und Vertrauen sind die Faktoren, die ein Paar auch nach dem Abklingen der Verliebtheit beieinander halten können. Nach spätestens 36 Monaten findest du deine rosarote Brille nicht mehr (es sei denn, du führst eine Fernbeziehung – dann kann das deutlich länger dauern). Dann siehst du auf einmal all das, was deine Freunde und deine Familie dir schon seit Monaten zu sagen versuchen. Nur wenn du bereit bist, diese jetzt erkennbaren „Mängel“ in Kauf zu nehmen, wirst du mit der – wieder biochemischen – Reaktion deines Körpers belohnt, die dir Sicherheit und Geborgenheit an der Seite deines Partners vermittelt. Die Hormone Oxytocin und Vasopressin sorgen für Gefühle von Bindung und Zugehörigkeit. Auf einmal ist es Familie. Diese Hormone schütten wir auch aus, wenn wir uns im Rahmen unserer Familie oder unserer engsten Freunde sicher und geborgen fühlen. Und damit sind wir beim zweiten Stadium der Liebe, die nun neben dem Sexualpartner auch die liebsten Menschen in unserem Leben umfasst. Die alten Griechen nannten das erste Stadium nach dem Gott der Liebe Eros. Diese Form der Liebe, unter die Elternliebe, Geschwisterliebe, Gattenliebe und Kinderliebe wie auch die von jeder Erotik freien liebevollen Gefühle für die besten Freunde fällt, erhielt die Bezeichnung Philia – ein Begriff, den du aus ganz vielen Fremdworten kennst wie Philantrop oder Philosoph. In der Philia geht es um emotionale Zugewandtheit und Wohlwollen, um Verständnis und Vertrauen, um Toleranz und Mitgefühl. All das allerdings eingeschränkt auf die Menschen, die dir wirklich nahestehen.

Merke 6: Erst im zweiten Stadium der Liebe entsteht Verbindung. Gleichzeitig wird die Fokussierung auf nur eine Person aufgelöst.

 

Woran liegt es aber nun, daß so viele Beziehungen den Wahnsinn nicht überstehen? In Deutschland wird etwa jede dritte Ehe geschieden, in Österreich schon fast jede zweite. In Deutschland nach ca. 15 Jahren, in Österreich nach 11. Unter Scheidung.de findest du eine Top 10 de Scheidungsgründe: hier . Nicht wirklich überraschend stehen hier lauter Dinge, die deutlich machen, daß die Beteiligten nach Abklingen des Wahnsinns weder Zeit noch Energie in die Erhaltung der Beziehung stecken wollten.  „Weg und neu“ ist natürlich in unserer Gesellschaft ein gerade wirtschaftlich sehr akzeptiertes Prinzip. Zudem bietet die gesellschaftliche Situation vor allem in West- und Nordeuropa die Grundlage dafür, daß eine Selbstverwirklichung in einem Singleleben möglich und akzeptiert ist. Gerade in meinem Alter (vorwärts in Richtung 60) kann Verbindung nur auf der Basis der Akzeptanz unterschiedlicher Lebensentwürfe entstehen. Ohne Verbindung ist auch ein Leben ohne Partnerschaft eine schöne Alternative. Und ohne Philia lebt man ja dennoch nicht, denn es gibt in den meisten Fällen Familie und enge Freunde.

Merke 7: Philia entsteht nicht ohne das individuelle Bemühen, die anderen im engsten Umfeld zu verstehen, sich ihnen zu öffnen und sich mit ihnen zu verbinden.

 

Das letzte Stadium und damit die höchste Form der Liebe nannten die Griechen Agape – die göttliche Liebe. Diese Form der Liebe wird in allen Religionen als erstrebenswert angesehen. So beschrieb für das Judentum Rabbi Eliezer Dessler diese Liebe als eine Liebe ohne Erwartungen, Thomas von Aquin für die Christen als eine Liebe, die das Wohl der anderen bezweckt. Im Sufismus heißt es: durch diese Liebe findet die Menschheit zu der ihr innewohnenden Reinheit und Gnade zurück. Gemeint ist mit göttlicher Liebe also nicht die Liebe, die wir von einem Gott oder einem göttlichen System empfangen, sondern die Liebe, die wir anderen entgegenbringen, wie sie uns von Gott entgegengebracht wird. Also eine Liebe, die über die Verbindung im engen Familienkreis weit hinausgeht, und nun auch über die Gattung des Homo sapiens hinaus alles umfassen kann. Es kann sogar eine Liebe sein, die kein Objekt mehr als Fokus benötigt – diese Form sah Meister Eckhard, ein oft als christlicher Mystiker bezeichneter bedeutender Philosoph und Theologe als die höchste Form der Liebe an. Göttliche Liebe ist also, wenn du als Mensch deine persönlichen Wünsche und Hoffnungen beiseite läßt und dich dem Sein mit Wohlwollen und Freude öffnest. Diesen Zustand bezeichnet man oft auch als Gnade. Diese Form der Liebe hat vor allem einen spirituellen Aspekt. Aus meiner Sicht ist sie aber auch ganz pragmatisch betrachtet die Form des Umgangs miteinander und mit allem, was im Universum existiert, die eine friedvolle und glückliche Lebensform garantiert.

Merke 8: Gnade ist, was die Menschheit und dieser Planet benötigen. Eine Geisteshaltung, basierend auf Wohlwollen, Offenheit und Vertrauen, die sich nicht nur auf den Sexualpartner und die Familie, sondern auf das Sein an sich bezieht.

 

Nun denkst du vermutlich: ja, klar, dem Depp, der mich heute morgen fast angefahren hat, dem soll ich auch noch mit Liebe begegnen. Ich fürchte, das könnte ich auch nicht. Allerdings mache ich immer häufiger die Erfahrung, daß der Umgang mit schwierigen Menschen dadurch einfacher wird, daß ich in meinem Geist die konkrete Situation verlasse und uns eher von oben (aus „göttlicher‘“ Perspektive) betrachte. Meist finde ich meine Wut dann ziemlich albern, weil der Anlaß – wenn man von oben schaut – doch in der Regel ziemlich banal ist. Und so spare ich meine Energie für Besseres und erzeuge in dem anderen vielleicht auch ein besseres Gefühl.

Versuch es doch einfach einmal.

Ich freue mich, wenn du über deine Erfahrungen berichtest.

Also raus auf die Weide mit dir und einen schönen „Weidemonat“ für dich.

Deine Claudia

 

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