Meine Blogreihe 2020 (beginnend mit Völlerei hier) über die sieben Todsünden hat mir (und vielleicht auch dir) das unangenehme Gefühl vermittelt, dass die Verhaltensweisen, die damals und heute verdammenswert sind, noch immer eine große Rolle in unserem Leben spielen. Und möglicherweise denkst du – wie ich – manchmal darüber nach, warum das so ist, wann und wie sich das ändern kann und was das genau mit deinem persönlichen Leben zu tun hat. Aus meiner Sicht gibt es dafür einen absolut überzeugenden Denkansatz,  das Konzept Spiral Dynamics. Hierzu habe ich auch einen Fragebogen (Download hier) entwickelt, den du dir auf meiner Seite herunterladen kannst.

Doch nun zu den Gründen, warum dieses Konzept der Spiral Dynamics auch für dich interessant sein kann.  (Und warum es – BTW – aus meiner Sicht für jeden Politiker Pflichtlektüre sein sollte.)

1. Weil keine andere gesellschaftliche Theorie, die ich kenne, Erkenntnisse aus so vielen Wissensgebieten zusammenführt hat wie Spiral Dynamics.

„Erfunden“ wurde das Konzept Spiral Dynamics in den späten 60er Jahren des 20. Jh. von dem Psychologieprofessor Clare W. Graves (mehr darüber, wie er auf die Idee kam, hier:) Sein Ziel war es, Erkenntnisse der Bio-, Sozio- und Psychowissenschaften zu vereinen und die Mauern zwischen diesen einzureißen. Vielleicht auch deshalb fand seine Theorie erst 20 Jahre später Anklang – was Graves selbst nicht mehr erleben durfte. Er beschrieb bereits die spiralförmige Entwicklung des Menschen und seiner Gesellschaft, auf der Christopher Cowan und Don Beck dann in den späten 80er Jahren aufbauten. Sie ergänzten Graves‘ Theorie um die Idee der Meme, die von dem Biologen Richard Dawkins eingeführt und dem Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi weiterentwickelt wurde, ergänzten

2. Weil das Konzept Spiral Dynamics eine der grundlegenden Formen unseres Universums benutzt, deren Vorkommen an sich schon extrem faszinierend ist.

Die Spirale ist eine der meistgenutzten Formen in der Natur. Von Blütenständen über Schnecken, von Schlangenbewegungen bis zum Haarwirbel auf deinem Kopf, von chemischen Formeln und kosmischen Nebeln – die Spirale ist überall. Ganz spannend: diese Form läßt sich auch noch mathematisch abbilden. Die graphische Darstellung der Fibonacci-Folge gesehen ergibt nämlich auch wieder eine Spirale. Und diese Zahlenfolge und ihre Verbindung zu Spiralformen und dem goldenen Schnitt sind so interessant, weil sie einem fast das Gefühl vermitteln, dem grundlegenden Bauplan des Lebens auf der Spur zu sein (eine kurze Erklärung der Zusammenhänge findet ihr hier:). Vor allem bietet die Spiralform die Möglichkeit zu verdeutlichen, daß Ebenen nicht in sich abgeschlossen sind. Sie gehen immer ineinander übergehen und bis zur obersten Spiralebene existiert eine Verbindung zur untersten.

3. Weil die einzelnen Ebenen des Konzepts Spiral Dynamics so verständlich und nachvollziehbar sind (die ich hier jetzt so kurz wie möglich erklären muß)

Beige

Sowohl für den Säugling als auch für erste menschliche Horden gibt/gab es nur ein Ziel: Überleben. Weder Denken noch Handeln ist rational, strategisch oder auch nur durchdacht; gehandelt und gelernt und entschieden wird rein instinktiv.

Sobald das Kind wächst oder die Horde entweder über genügend oder zu wenig Ressourcen zum Überleben verfügt, tauchen Fragen auf. Fragen wie: wer bin ich / sind wir? Wie ist Überleben einfacher? Was macht unsere Umwelt mit uns?…

Purpur

So lernt Kind oder Clan, daß der wichtigste Faktor für das Überleben die Zugehörigkeit zu einer Familie / einem Clan ist. Alles außerhalb ist fremd und feindlich. Kleinkinder und Clans lernen Traditionen und Rituale der Familie / des Clans aus Geschichten kennen. Gelernt, gehandelt und entschieden wird auf der Basis dieser Traditionen, wobei man sich an dem Wissen des Oberhauptes orientiert.

Doch diese Traditionen engen ein und verhindern selbstständige Entdeckungen.

Rot

Kinder in der ersten Trotzphase und stärker in der Pubertät wehren sich wie die ersten Machthaber und Könige (ab dem 6. Jahrtausend v. Chr.) gegen Traditionen, die ihnen das verwehren, was sie haben wollen und ihnen ihrer Meinung nach zusteht. Sieg um jeden Preis ist das Ziel. Die Umwelt wird als Dschungel definiert, in dem der Stärkste überlebt. Gelernt wird aus konkreten Handlungen, gehandelt aus Neugier, den Wünschen des Egos folgend und entschieden aus dem Augenblick.

Doch auf Dauer ermüdet der Kampf, den man auch nicht immer gewinnt. Doch für Kooperation und neue Siege werden Regeln, Strukturen und Disziplin nötig. Die Frage danach, wer Recht hat, taucht auf.

Blau

Dem Kind werden Regeln vermittelt, die das Zusammenleben bestimmen. Sanktionen stellen sicher, daß diese verstanden werden. In der Geschichte tauchen mit dem 2. Jt. v.Chr. Schrift, Regeln und Gesetze und monotheistische Religionen auf. So lernen die Kinder und die Menschen, daß sie einen konkreten Platz im Leben habe, der richtig ist und den sie richtig ausfüllen müssen. Gelernt wird aus Büchern (oder Schriftrollen), gehandelt wird im Sinne der Gemeinschaft und in Unterordnung unter deren Interessen und entschieden wird auf der Basis dessen, was man als Wahrheit erkannt hat.

Der Selbstwert in einer solchen Gesellschaft wird ausschließlich von der Frage bestimmt, ob man sich den Regeln und Konventionen entsprechen verhält. Abweichungen führen zu Schuld und Scham.

Orange

Erwachsene, die sich aus diesen engen Strukturen befreien wollten (mit der Renaissance ab dem 14. Jh. ) sind für diese Stufe verantwortlich. Die Wahrheit und die Enge wird hinterfragt, rationale Wissenschaft und die Trennung von Geist und Materie bieten neue Wahlmöglichkeiten. Das eigene Fortkommen, der eigene Erfolg, das eigene Wissen werden zum Ziel. Man lernt durch Versuch und Irrtum, handelt pragmatisch, innovativ, egoistisch und konkurrenzgetrieben und entscheidet auf der Basis von Fachwissen und Möglichkeiten.

Der ständige Konkurrenzkampf macht müde und die rationale Trennung von Geist und Materie wird zunehmend als einschränkend empfunden.

Grün

Menschen versuchen nun, gleichberechtigte Gemeinschaften zu bilden um im Konsens über Ressourcen zu entscheiden. Persönliches Wachstum mit der Unterstützung der Gruppe ist das Ziel. Man lernt, Wissen aus verschiedenen Quellen je nach Kontext zu nutzen, handelt harmoniebedacht, empathisch und entscheidet basisdemokratisch. Erste Ansätze hierzu wurden bereits in der französischen Revolution von 1789 entwickelt (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit). Dennoch gibt es heute nur einen Teil der Menschheit, der so tickt und noch keine Gesellschaften, höchstens einige politische Gruppen und gemeinnützige Organisationen auf dieser Basis.

Jedoch erweist sich in den vorhandenen Gruppen die Handlungsweise zunehmend als zu zeit- und kraftraubend, als daß sie für die Lösung der anstehenden Probleme hilfreich wäre.

Gelb

Und so entwickelt sich bei manchen Menschen das Verständnis, daß analog zu unserer global vernetzten Welt auch unser Wissen und Handeln einer Vernetzung folgen muß. Sie streben nach mehr Wissen, versuchen Widersprüche der bisherigen wissenschaftlichen Ansätze wie auch der Trennung von Geist und Materie zu integrieren. Sie wollen eine individuelle Freiheit, die aber nur im Rahmen der vernetzt gedachten Verantwortung liegen kann. Die ersten Ansätze gab es hierfür mit der Chaostheorie und der Quantenphysik in den 20er Jahre des 20. Jh.; bis heute gibt es nur kleinere Unternehmen (startups und Beratungen), die dieses Modell ausprobieren.

Jedoch bereits jetzt ist klar, daß der Fokus auf individuelle Freiheit (trotz der hier gedachten Einschränkung) angesichts globaler Probleme noch immer nicht hilft, die Probleme zu lösen.

Türkis

Das Ziel soll daher sein, das ganze System global zu heilen. Das ist nur möglich, indem ganzheitliche Systeme verstanden und der Mensch als ein kleines Rädchen in einem riesigen globalen Universum betrachtet wird. Erste Ideen vermittelte der Club of Rome mit seinen Veröffentlichungen bereits in den 60er Jahren des 20. Jh.. Doch sind Vertreter dieser Denkweise bislang eher selten. Diese Denkweise erfordert nämlich eine neue spirituelle Ebene der Verbundenheit von einem mit allem, ohne die wissenschaftlichen und faktischen Ebenen aus dem Auge zu verlieren.

Wir ahnen heute schon, daß möglicherweise unsere genetisch festgelegten Grenzen von Verständnis, Fähigkeit und Kraft hinderlich sein werden, um die Verhinderung der globalen Katastrophe, die Beherrschung der AI und den Aufbruch in den Kosmos zu managen.

Koralle

Es wird eine Zeit kommen (so bin ich überzeugt und wenn du magst, kannst du mal in die Bücher von Yuval Harari – siehe hier – dazu schauen), in der wir unsere Species den Problemen anpassen (biogenetisch oder technologisch). Damit stehen uns heute noch nicht klar vorstellbare neue Wege offen. Und erste Versuche hierzu gibt es ja schon, wie ich in meinem letzten Blog schrieb.

Hört sich alles folgerichtig an, oder? Wenn du dich für Geschichte interessierst, wirst du unschwer die Epochen wiedererkennen; wenn du Kinder hast, die Entwicklungsschritte sehen.

4. Weil du damit erfolgreiche oder harmonische Kommunikation beherrschst.

Wenn du dir nun die Beschreibung der Ebenen durchgelesen hast, hast du vielleicht gesehen, daß es nicht nur ein anderes Hauptziel auf jeder Ebene gibt. Es gibt auch unterschiedliche Herangehensweisen an Lernen, Denken, Handeln und Entscheiden. In dem Moment, wo du dich selbst diesbezüglich reflektiert hast und versuchst, deinen Gesprächspartner, deine Mitarbeiter oder Kollegen oder auch politische Äußerungen einzuordnen, weißt du, ob du dich auf derselben Ebene der Spiral Dynamics befindest oder nicht. Wenn nicht, könnte das ein Grund sein, warum du mit deinen Vorstellungen dein Gegenüber nicht erreichst bzw. von deinem Gegenüber nicht erreicht wirst. Ich bin überzeugt: Verstehen ist der erste Schritt zu einem Handeln, daß dich deine Ziele besser erreichen läßt.

Es sprengt natürlich den Rahmen eines Blogs, hier zu beschreiben, wie ein Eingehen auf die Ebene deines Gesprächspartners aussehen könnte, doch klar ist – wie bei allen Kommunikationsmodellen – daß du ihn dort abholen mußt, wo er sich befindet. Wenn du jetzt nochmal in die Beschreibung der Ebenen schaust, verstehst du auch, auf welcher Ebene jemand eher erfolgreiche oder eher harmonische Kommunikation bevorzugt.

5. Weil du den Zusammenhang zwischen kollektivem Verhalten und individuellem Ausbruch und deine eigene Einordnung verstehst.

Zu dieser Kommunikationsthematik gehört noch ein sehr interessanter Fakt. Mein Test basiert auf Fragen und Aussagen, die du mit Punkten bewerten kannst. Wenn nun Klienten oder auch Freunde meinen Test machen, kommt es sehr häufig vor, daß sie vor allem Punkte in den eher auf das Individuum fokussierten Spiralebenen (Rot, Orange, Gelb) oder auf den eher kollektiv geprägten Ebenen (Purpur, Blau, Grün, Türkis) haben. Daß manche Menschen diese Fokussierung haben, macht klar, daß zun einen in einer Gesellschaft mit einem konkreten Hauptwert, der ebenfalls entweder auf das Individuum oder die Gemeinschaft fokussiert ist, immer Menschen existieren, die entgegengesetzt ticken und damit entweder noch in Verhaltensweisen der vorherigen Ebene stecken oder Wegbereiter für eine neue Ebene sind. Existiert bei einem Menschen eine solche Fokussierung, so ist damit auch klar, aus welcher Quelle er seinen Selbstwert bezieht. Eher aus dem eigenen Inneren (individuell orientiert) oder aus dem Außen (gemeinschaftlich orientiert).

Beides spielt natürlich eine große Rolle nicht nur für die Kommunikation mit anderen, sondern auch für Orientierung auf bestimmte berufliche Aufgaben. Und das ist sowohl für Personalmanager interessant, die teamfähiges Personal suchen als auch für dich persönlich, wenn du dich auf eine Position bewirbst, auf der Teamfähigkeit (sprich: die Akzeptanz, daß die Teaminteressen im Zweifel höher zu gewichten sind als deine eigenen) gefragt ist. Auf der Basis meines Fragebogens solltest du, wenn du vor allem Punkte im roten, orangefarbenen oder gelben Bereich hast, die Übernahme einer solchen Position gut überlegen. Auch macht die Fokussierung klar, warum du eher sehr viel oder eher wenig Feedback von außen benötigst – was wiederum für den hypothetischen Job ebenfalls eine Rolle spielt und eng mit Teamfähigkeit verknüpft ist.

6. Weil du mit Spiral Dynamics die Entwicklung der Menschheit und des Menschen verstehst und so Ordnung in das Chaos bringen kannst.

Wenn z.B. das politische System eine Demokratie ist, dann gelten in dieser maßgeblich Prinzipien, die der blauen Spiralebene zuzuordnen sind: Regeln, Strukturen, ganz klare Vorgaben, was richtig und falsch ist, Erwartung, daß die Bürger sich an die Regeln halten, daß sie Opfer bringen zugunsten der Gemeinschaft. Wenn aber die Masse der Bürger eher individuelle Entwicklung anstrebt und wenig Interesse für die Gemeinschaft aufbringt, die vorhandenen Ressourcen als nützlich für den eigenen Erfolg betrachtet und Regeln nur solange befolgt, wie sie für ihn persönlich passen, dann kann die Politik die Interessen der Menschen nicht mehr verstehen und schon gar nicht abbilden. Auch ist damit verständlich, warum ein Land, daß maßgeblich von Clanstrukturen geprägt ist (wie z.B. Afghanistan) nicht ohne weiteres in eine parlamentarische Demokratie umzuwandeln ist, weil eine ganze Ebene innerer Entwicklung der Gesellschaft dazwischen fehlt.

7. Weil du mit Spiral Dynamics weißt, in welche Richtung du dich in Bezug auf deine Gesellschaft und deren Zukunft bewegen mußt.

Auch wenn die Vision der korallenfarbenen Ebene für dich vielleicht verstörend klingt, kann das sehr positiv werden für unsere Spezies, den Planeten und vielleicht sogar das Universum. Doch dazu ist es nötig, uns weiterzuentwickeln, um die Komplexität unserer Zeit zu ordnen und unser Weiterbestehen damit erst einmal zu ermöglichen.

Vielleicht war dir ja noch nicht so deutlich, wo deine Reise hingehen soll. Und – du hast es jetzt sicher schon verstanden – es wird dir tendenziell nicht gelingen, von der roten Spiralebene umgehend auf gelb zu wechseln. Dir würde das Verständnis für die Sinnhaftigkeit blauer Strukturen und orangefarbener Kreativität und Erfindungsfreude fehlen. Die würdest das gute Gefühl, gemeinsam mit anderen an den schuldhaft verursachten globalen Problemen zu arbeiten, nicht kennen. Bist du ein Mensch, dem Strukturen und Regeln, richtig und falsch viel bedeuten? Dann ist es vielleicht an der Zeit, dich kreativen Ideen zu öffnen und die Freude an neugierigem Forschen zu entdecken. Sind deine Statussymbole alles für dich? Dann magst du vielleicht mal in dich hineinhorchen und schauen, wie verbunden du dich mit anderen fühlst. Ist Umweltschutz ganz oben auf deiner Prioritätenliste? Schau vielleicht auf neue, flexible Lösungsmöglichkeiten jenseits von Basisdemokratien.

Na, hab ich dich überzeugt? Denkst du, daß das Konzept Spiral Dynamics ein hilfreiches  Instrument zum Verstehen der Welt im Allgemeinen und deines Lebens im Speziellen sein kann?

Über Kommentare und Erfahrungsberichte freue ich mich wie immer!

Deine Claudia

P.S. Ich dir das Buch von Christopher Cowan und Don Beck hierzu wirklich ans Herz legen. Natürlich gibt eine Reihe weiterer Veröffentlichungen zu speziellen Themen auf der Basis dieses Konzeptes. Ich finde aber ehrlich gesagt, daß man diese ohne das „Grundlagenbuch“ nur ansatzweise versteht.