Anima und Animus Zurück

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06.18

Ich habe in meinen letzten Blogs über Männer und Frauen immer wieder über Selbstreflexion und über das Finden der eigenen Wünsche und Ziele geschrieben. Darin habe ich behauptet, dass sich erst, wenn wir uns selbst verstehen und uns unabhängig von äußeren Wünschen oder geschlechtsbezogenen Zuschreibungen weiterentwickeln, auch das Verständnis zwischen Männern und Frauen (und allen, die weder das eine noch das andere, alles beides oder etwas ganz anderes sind) ergeben wird.

Das Weibliche im Mann und das Männliche im Weib

Ich bin davon überzeugt, dass unser Leben ein Wachstumsprozess ist. In dem wir uns mit unseren geliebten wie mit unseren ungeliebten Seiten auseinandersetzen müssen. In dem wir im Angesicht von Problemen und Schwierigkeiten wieder und wieder über uns hinauswachsen. Und dabei Stärken in uns finden, die uns vorher nicht bewusst waren.

Und passend zu dem Thema Männer und Frauen: Ein Teil dieses Wachstumsprozesses ist derjenige, sich mit dem jeweiligen gegengeschlechtlichen Anteil in uns auseinanderzusetzen.

Was die Evolution mit unserem Unbewussten zu tun hat:

Nun ist es natürlich nicht so, dass irgendwo in unserem Hirn ein kleiner Mann oder eine kleine Frau sitzen, die von der (andersgeschlechtlichen) Persönlichkeit zur Kenntnis genommen werden möchten.

Sondern wir tragen evolutionär natürlich Erfahrungen, Verhaltensweisen und Urteile unserer Vorfahren in uns. Jeder, der das bezweifelt, mag sich zwei Dinge vor Augen halten. Zum einen vollzieht ein menschlicher Embryo im Grunde die evolutionäre Geschichte seit den Fischen noch einmal im Schnelldurchlauf. Er hat Kiemen, dann Schwimmhäute und ein Skelett mit Schwanz. Zum anderen wissen wir heute (und können das sogar beweisen), dass traumatische Erfahrungen der Vorfahren Spuren in den Genen der nachfolgenden Generationen hinterlassen. Es gibt also m.E. wenig Grund, daran zu zweifeln, dass wir nicht nur die Erfahrungen unserer unmittelbaren Vorfahren mit uns bringen, wenn wir geboren werden. Sondern in irgendeiner Form Zugriff auf deren gesamten Entwicklung haben.

(Ich persönlich glaube z.B., dass man damit auch die im Grunde völlig unberechtigte, schwere Spinnenphobie vieler Menschen begründen kann. In einer Zeit, als die ersten Säugetiere noch winzig waren, waren die Spinnen riesig. Megarachne brachte es vor 300 Mio Jahren auf mindestens 70cm Beinspannweite. Kleine Vorfahren der Säugetiere lebten bereits vor 250 Mio Jahren, waren aber nur so groß wie kleine Spitzmäuse. Gehörten also vielleicht auf den Speiseplan großer Spinnen oder Spinnenartiger.)

Was Anima und Animus mit Kugelwesen zu tun haben:

Die Annahme, dass wir mit den Erfahrungen unserer Ahnen natürlich auch die Erfahrungen von Menschen mitbringen, die nicht demselben Geschlecht angehörten wie wir, hat Carl Gustav Jung in seiner Theorie der Archetypen publik gemacht. Er nahm an, dass u.a. alle Männer einen weiblichen Anteil (oder den Zugriff auf weibliche Erfahrungswerte) besitzen. So wie alle Frauen auch einen männlichen Anteil ihr Eigen nennen.

Er nannte den weiblichen Anteil im Mann Anima, den männlichen Anteil in der Frau Animus. Eine bewusste Auseinandersetzung mit diesen Anteilen war aus seiner Sicht ein wesentlicher Bestandteil des persönlichen Reifungsprozesses. Aus der Beschäftigung mit Mythologie und Spiritualität zog er zudem die Schlussfolgerung, dass mit der Integration von Anima und Animus in das bewusste Sein ein Schritt auf dem Weg zu einem „vollkommenen“ Menschen vollzogen wird. Dieser wird in der Mythologie und Geschichte oft zweigeschlechtlich dargestellt.

Ein schönes Beispiel hierfür ist die Geschichte von den Kugelmenschen

Platon lässt die Geschichte im Symposion (191d) von Aristophanes, dem altgriechischen Komödiendichter erzählen. Ursprünglich waren die Menschen nämlich rund, hatten zwei Köpfe und acht Gliedmaßen. Es gab männliche, weibliche und androgyne (also männlich-weibliche) Kugelwesen. Sie waren schnell, mutig und stark. In ihrem Übermut planten sie die Götter anzugreifen, woraufhin sie geteilt wurden. So entstanden nun männliche und weibliche Anteile, die verzweifelt versuchten, sich wieder zu vereinen. Erst die Verschiebung der Geschlechtsorgane auf die Vorderseite der nun geteilten Kugelmenschen machte es ihnen möglich, sich wenigstens im Sex wieder eins miteinander zu fühlen. Diese Geschichte ist eine Metapher für das in uns allen offensichtlich vorhandene, meist unbewusste Sehnen nach einer Ergänzung, da wir uns allein nicht vollständig fühlen.

Warum es sinnvoll ist, sich mit Anima und Animus auseinanderzusetzen:

Wenn wir nun dieses unbewusste Wissen als Ausgangspunkt für unsere Selbstreflexion wählen, so kann uns das in zweierlei Hinsicht weiterhelfen. Zum einen ist der uns eigene gegengeschlechtliche Anteil oft Grundlage für unser Bild des anderen Geschlechtes, das es zu hinterfragen gilt. Zum anderen kann die bewusste Nutzung des jeweiligen andersgeschlechtlichen Anteiles helfen, die Kommunikation miteinander zu verbessern. Mit der Erkenntnis und bewussten Nutzung unserer inneren Anteile gehen wir einen großen Schritt zur persönlichen Vervollkommnung. Grund genug also, sich einmal damit auseinanderzusetzen.

Auf den Punkt gebracht verkörpert die Anima das Prinzip des Eros (altgr.: Liebe, Lust, Verlangen). Die des Animus das Prinzip des Logos (altgr.: Sprache als Ausdruck des Denkens, Berechnung, Bedeutung, Vernunft). Wenn wir nun versuchen, die – wie in meinen letzten Blogs ausführlich beschrieben – grundsätzlich eher weiblichen und die grundsätzlich eher männlichen Stärken und Verhaltensweisen auf den Punkt zu bringen, könnte man auf eine ähnliche Verkürzung kommen. Indem man dem Weiblichen Intuition, Verbindung zur Natur (Werden und Vergehen), Liebesfähigkeit und eine Beziehung zum Unbewussten zuschreibt. Dem Männlichen hingegen Risiko, Mut, Rationalität und klare Struktur.

Wie die Anima im Manne wirkt:

Sie können sich vorstellen, dass man auf der Basis der oben beschriebenen Fähigkeiten oder Anlagen ganz unterschiedliche Frauentypen konstruieren könnte. Je nach gesetztem Schwerpunkt. So kann der Schwerpunkt auf Lust und Verlangen liegen. Auf romantischer Liebe. Oder auf fürsorglicher Mutter. Aber auch auf spiritueller Liebe. Oder auf der Integration von spiritueller Liebe mit dem Wissen vom Unbewussten und dem Zugang zur Natur.

Für die Männer unter Ihnen: welchem Frauenbild entsprechen denn Ihre Partnerinnen am ehesten? Oft ist dieses Bild von zu Hause geprägt – entweder in der positiven Wiederholung oder der negativen Abgrenzung. Hier ist der erste Schritt zur bewussten Erkenntnis hilfreich. Wenn Sie sich bewusst machen, welchen Aspekt Sie in einer Frau erkennen, machen Sie sich gleichzeitig bewusst, dass Sie hier nur ein eigenes Bild auf die Frau übertragen (denn natürlich ist die Frau in der Realität nicht nur das eine).

Die meisten Männer in meinem Umfeld erkennen in der Außenwelt die Frau, die aus ihrer Sicht Lust und Verlangen verkörpert, immer. Die die romantische Liebe verkörpert, oft. Die Mutter oft erst dann, wenn sie Kinder haben. Und die weise Frau mit ihrer Beziehung zur Natur und zum Unbewussten insgesamt eher sehr selten. Und diese Erkenntnis bezieht sich oft nur auf einen Typus gleichzeitig

Bei der eigenen Partnerin können viele Männer die unterschiedlichen Verkörperungen ihrer eigenen Anima hintereinander erkennen. Also erst die super sexy Frau. Dann die liebevolle Freundin und Ehefrau. Die Mutter der gemeinsamen Kinder. Die spirituell suchende Alte. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Ehe. Die Aufgabe ist es also, alle Anteile möglichst gleichzeitig wahrzunehmen (also bei der Mutter auch noch die Geliebte und die Freundin, aber auch schon die Weise Alte).

Wenn Sie das tun, gehen Sie gleichzeitig bereits den zweiten Schritt.

Denn wenn Sie die anderen Anteile in einer Frau erkennen können, so können Sie auch in sich die unterschiedlichen Fähigkeiten und Verhaltensweisen aufspüren. Die ungezügelte Lust, das Bedürfnis nach Zuwendung und Geborgenheit, die Fürsorge und die Intuition. Erleichtern können Sie sich dieses Verstehen und die bewusste Nutzung, indem Sie Ihre Gefühle, Ihre Launen und Ihre Phantasien aufschreiben. Und damit auch ernst nehmen.

Haben Sie eine kreative Ader, nutzen Sie diese dafür. Je klarer Sie sich darüber werden, in welchen Situationen Sie welche Phantasien, Träume oder Gefühle haben, desto bewusster können Sie damit umgehen. Das erleichtert Ihnen letztlich auch den Umgang mit allen Frauen. Denn, wenn Sie selbst Zugang zu Ihren eigenen weiblichen Launen und Gefühlen haben, so erkennen Sie diese auch in Ihrem Gegenüber und können entsprechend darauf eingehen. Gerade die Fähigkeit, Zuwendung zu genießen (und einzufordern), Gefühle bewusst auszusprechen und sich auf die eigene Intuition zu verlassen, bringt mit Sicherheit neue Aspekte in Ihr Leben.

Wie der Animus in der Frau wirkt:

Ähnliches gilt für den Animus in der Frau. Denn auch bei der Vorstellung männlicher Eigenschaften hängt es ganz vom Schwerpunkt ab, was für eine Männergestalt am Ende dabei herauskommt. Der sexuell aufregende und aktive Mann. Der romantisch zuvorkommende. Der rhetorisch brillante und intelligente Mann. Oder der spirituell vergeistigte Führer.

Und auch die Frauen unter Ihnen stellen sich nun vielleicht die Frage: Welchem Typus folge ich denn? Auch Sie werden das Ihnen innewohnende Bild des idealen Mannes – chemisch getrieben – auf Ihren Partner übertragen und nach Abklingen des Rausches überrascht sein, wie wenig Ihr Bild mit dem realen Mann zu tun hatte. Vielleicht beobachten Sie sich in Folge selbst ein wenig besser und stellen fest, wann Sie selbst sexuell aktiv sein möchten. Oder in welchen Momenten sie feinsinnig sind. Stark und mutig oder sehr klar in Ihren Entscheidungen. Machen Sie sich selbst diese Momente bewusst. So können Sie diese in Ihrem Umgang mit Männern hervorragend nutzen.

(In meinem Blog über den Umgang mit Männern in männerdominierten Aufgabenbereichen habe ich im Grunde beschrieben, wie Sie Ihren inneren Mann herausholen und beruflich nutzen können.)

Fazit:

In dem Moment, in dem wir uns in dem anderen erkennen, sind Missverständnisse und unterschiedliche Blickwinkel reduzierbar. Es befördert einen Umgang auf Augenhöhe, wenn Männer und Frauen wissen, dass sie sich durch bestimmte Fähigkeiten auszeichnen. Jedoch diese nicht ausschließlich ihrem Geschlecht zugeordnet sind. Da jeder einen andersgeschlechtlichen Anteil in sich trägt, den er stärker oder schwächer in sein wirkliches Leben tragen kann.

 

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