Sicher ist an niemandem die Aktion #allesdichtmachen spurlos vorbei gegangen. So auch an mir nicht. Wobei die stärkste Reaktion meinerseits nicht durch die Aktion ausgelöst wurde, sondern durch die Reaktionen darauf. Die haben mich entsetzt und mir Angst gemacht.

Meine persönliche Geschichte ..

Wie du vielleicht weißt, komme ich aus dem Osten. Im Prinzip ging es mir dort existenziell gut, und die 80er, in denen ich erwachsen wurde, erlebte ich als erste Aufweichung der vormals so rigiden Linie der Partei- und Staatsführung der DDR. Dennoch sind mir manche Dinge in Erinnerung geblieben, die mich schon damals traurig und wütend gemacht haben:

  • Ich durfte Bücher, die der herrschenden Parteilinie nicht entsprachen, nicht lesen. Auch nicht, wenn sie die Quellen für Bücher darstellten, die ich für meine Arbeit lesen mußte. Ansichten in diesen verbotenen Büchern wurden als unwissenschaftlich verteufelt.
  • Insgesamt waren Literatur und Literaturprodukte wie Zeitungen und Zeitschriften mit einer strengen Zensur bedacht. So sollte eine breite Veröffentlichung auch nur minimal abweichender Theorien von der herrschenden Ideologie verhindert werden.
  • Gelangten dennoch abweichende Meinungen über verschiedene Kanäle in die Öffentlichkeit, organisierte die Partei- und Staatsführung Kampagnen zur Ablehnung dieser Meinungen, die vorgeblich von der Masse der Bevölkerung getragen wurde. In diese Kampagnen waren sämtliche öffentlichen Medienkanäle eingebunden.
  • Äußerte man als Angestellter oder sogar als SED-Mitglied eine Meinung, die nicht zu 100 % der herrschenden Ideologie entsprach, so hatte man sich zu erklären, Selbstkritik zu üben und öffentlich zu bereuen.
  • Unverbesserliche Kritiker wurden existenziell bedroht – mit Berufsverbot, Publikationsverbot, Strafversetzung bis hin zur Inhaftierung. Eine Rund-um-die-Uhr-Bewachung durch die Staatssicherheit eingeschlossen.
  • Nur besonders gute Staatsbürger durften das Recht der Freizügigkeit in Form von Reisen in Anspruch nehmen. (Mal abgesehen von denen für das System nicht mehr wichtigen Rentnern.)  Auch für andere, heute selbstverständliche Grundrechte gab es Einschränkungen. So z.B. berufliche Schwierigkeiten bei bekennender Religionszugehörigkeit oder abweichender politischer Meinung. Oder bei der Verweigerung des Waffentragens in der Armee.
  • Das Recht auf körperliche Unversehrtheit wurde durch die allgemein geltende Impfpflicht ausgehebelt.

…beeinflußt auch meine Wahrnehmung.

Mag sein, daß ich als Ossi angesichts dieser Erfahrungen überempfindlich auf die Situation reagiere, in der ich persönlich an der einen oder anderen Stelle Annäherungen an die oben beschriebenen Punkte erkenne.

Wieso gerade diese Reaktion so erschreckend war.

Hier brach sich aus meiner Wahrnehmung nicht nur der seit langem beklagte Mangel an Diskurskultur Bahn. Es wurde zudem neben dem mangelnden Verständnis von Ironie und Satire vor allem ein seltsames Klima deutlich. Ein Klima, daß ich zu meinem Ärger mittlerweile in fast allen Bereichen des täglichen Lebens beobachte. Ein Klima, in dem es nicht mehr darum geht, sich sachlich und analytisch mit konkreten Sachverhalten auseinanderzusetzen. Statt Fakten zu diskutieren, werden Menschen als Personen diffamiert. Immer getreu dem Motto: „Jeder, der nicht meiner Meinung ist, ist ein Feind und muß bekämpft werden.“ (Und das geht über verbale Beleidigungen bis hin zu Morddrohungen, wenn man dem einen oder anderen Prominenten glauben darf.) Auch wenn es nicht um die physische Vernichtung geht, so steht doch oft genug die Existenz auf dem Spiel, wenn der Betreffenden nur erst einmal ausreichend verleumdet und damit des Rückhalts beraubt worden ist.

Um das zu erreichen, bilden sich oft genug im Netz Gruppen, die man aus meiner Sicht nicht anders als mit dem negativen Begriff „Mob“ bezeichnen kann. Und das ist das, was ich wirklich beängstigend finde, denn diese sich selbst verstärkende Aggression in solchen Menschengruppen kann – wie die Geschichte zeigt – ganz schnell mal aus dem Ruder laufen.

Und um es ganz deutlich zu sagen: das betrifft immer beide Seiten in den Auseinandersetzungen.

Was aus meiner Einsicht in die Psyche von Menschen der Grund dafür sein kann.

Ich versuche bei meiner Arbeit, die hinter den Problemen meiner Klienten liegenden Ängste zu erkunden. Erst auf der Basis der Auseinandersetzung mit diesen Ängsten können Veränderungen erzielt werden. Und so lag es nahe, auch hier herauszufinden, woher diese Aggressionen kommen. Fündig geworden bin ich bei Urängsten, die uns in der Regel unbewußt durch unser Leben begleiten. Ängste, die hinter unserer Angst liegen, nicht schön genug, nicht gut genug, nicht wertvoll genug zu sein. Neben der tiefsten und größten Angst, die uns beherrscht, seit wir uns bewußt mit abstrakten Fragen auseinandersetzen können, der Angst vor dem Tod, sind das Ängste vor der Freiheit, unser Leben zu gestalten, vor der Isolation, der existenziellen Einsamkeit und vor der Sinnlosigkeit unserer Existenz angesichts eines irgendwann mit Sicherheit eintretenden Todes.

Wesentliche Einsichten gerade in diese tiefen Ängste verdanke ich neben meinen Klienten dem Buch von Irvin D. Yalom: „Existenzielle Psychotherapie“. Mehr dazu in einer demnächst zu lesenden Rezension zu diesem Buch.

Schauen wir uns diese Ängste mal ein bißchen näher an:

Die Angst vor der Freiheit

Ich will Freiheit in diesem Zusammenhang nicht philosophisch oder politisch verstehen, sondern als Freiheit des Menschen, sein Leben zu gestalten. Das Angsteinflößende an dieser Freiheit ist die dieser innewohnende Verpflichtung, die Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Zu wissen, daß du alles in deinem Leben selbst verantwortest – ausnahmslos -, ist eine Dimension, vor der sich viele Menschen scheuen. Es ist viel einfacher und bequemer, die Verantwortung an andere Menschen abzugeben oder die Ursache in gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Regelungen zu finden. Das verhindert zwar die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und des in ihr ruhenden Potentials, gibt aber dafür viel Ruhe und Sicherheit. Da wundert es nicht, daß neurologische Untersuchungen belegen, daß Menschen, die politisch zu starken Polarisierungen neigen, eine deutlich niedrigere Toleranz für Unsicherheit aufweisen. (Quelle) Die bewußte Übernahme der vollständigen Verantwortung für die eigene Welt führt zudem zu der Erkenntnis, daß man in seiner eigenen Welt allein ist. Daher:

Die Angst vor der Isolation

Ich habe ja schon in diversen Blogs betont, daß die Veränderung unserer Gesellschaft mit dem Verlust von Glauben und Großfamilie und damit von sinngebenden Strukturen, die Angst wachsen lässt, uns in einer existenziellen Abtrennung von anderen wieder zu finden. Damit das nicht passiert, sind wir sogar bereit, Anteile unserer eigenen Persönlichkeit zu verleugnen, um nur ja den vorgegebenen Vorstellungen der Gruppe, in die wir integriert bleiben müssen, zu entsprechen.

Wie groß die Verlockung einer Gruppe ist, habe ich nicht nur schon in meinem Blog zur eigenen Meinung thematisiert, sondern das kannst du vor allem an allen Formen von Sekten gut nachvollziehen. Diese sind die extremen Formen, in der Menschen den Schutz einer Gruppe suchen, um die Erkenntnis einer isolierten Existenz als Mensch zu vermeiden. Diese Sicherheit behütet sie auch vor der Furcht vor dem Tod. Eine sehr interessante Untersuchung hat den Zusammenhang zwischen Todesfurcht und Autoritätsglauben untersucht. Nicht überraschend haben die unter den befragten Studenten, die sehr autoritätsgläubig waren, eine deutlich verminderte Todesfurcht verspürt, während Studenten, die sich ablehnend gegenüber Autoritäten verhielten, unter stark erhöhter Todesfurcht litten. Gemeinsame Ziele einer Gruppe schützen zudem vor der Erkenntnis der Sinnlosigkeit des individuellen Daseins. Daher:

Die Angst vor der Sinnlosigkeit

Die am ehesten bewußte Angst entsteht heute möglicherweise aus dem Unvermögen, einen Sinn in einem Leben zu finden, das mit dem Tod endet. Das hat meines Erachtens vor allem damit zu tun, daß der Mensch in seiner Tätigkeit nicht mehr in einem natürlichen Zyklus eingebunden ist. Während in früheren Zeiten die Menschen mit der Natur lebten und so vor allem in der Erzeugung und Beschaffung von Nahrung einen existenziellen Sinn erkennen konnten, ist dies heute in vielen Berufen und Tätigkeiten unserer hoch technologisierten, extrem unsicheren und global vernetzten Welt kaum noch möglich. So haben Studien auch ergeben, daß bis zu 80 % der Studenten in den USA (Yalom, S. 417) eine existenzielle Leere in sich verspürten. Eine Leere, die sich oft genug in Aggression äußert.

Wie können wir diese unbewußten Ängste beherrschen?

Wie oben schon erklärt, sind den meisten von uns diese Ängste in der Regel nicht bewußt. Und was tun wir mit nicht bewußten Ängsten? Sie werden verdrängt, verschoben oder verändert. Einige dieser Verschiebungen habe ich bereits im letzten Jahr in meinen Blogs zu den sieben Todsünden ausgiebig erläutert (Besitz, Macht, Sex, Essen…)

Eine beliebte Abwehrstrategie besteht unter anderem darin, sich in einer hyperaktiven Art seinen diversen, häufig beruflichen, Themen zu widmen. Erscheint man dann als Workaholic, hat man nicht nur seine Angst abgewehrt, sondern wird gesellschaftlich noch mit Anerkennung belohnt. Die extreme Variante dieser hyperaktiven Abwehr ist es, als „Kreuzritter“, als unermüdlicher Kämpfer für die unterschiedlichsten Themen unterwegs zu sein. Eine Variante, die oft mit Aggressionen gegenüber Andersdenkenden und/oder -handelnden verknüpft ist.

Oder wir verdrängen diese Ängste, indem wir uns dem Konformitätszwang in der Masse unterwerfen – bis hin zur Akzeptanz der totalen Kontrolle durch die Gruppe.

Und wie entsteht Wut aus den Ängsten?

Je weniger nun diese Ängste verstanden, ausgesprochen oder bearbeitet werden, desto chronischer werden sie und desto eher werden sie in ebenfalls unterdrückter, nicht ausgedrückter und nicht bearbeiteter Wut sichtbar. Diesen Effekt kennst du bestimmt auch, daß sich Probleme oder Gefühle so lange anstauen, bis sie sich – meist bei absolut unpassender Gelegenheit – Bahn brechen.

Der Vorteil von Wut besteht darin, daß sie in einem Menschen nicht das Gefühl des hilflosen Ausgeliefertseins – wie wir es bei Angst haben – entstehen läßt. Denn Wut oder Aggression findet einen Angriffspunkt, gegen den sie sich richten kann; ein Objekt oder Subjekt, das zerstört werden kann. Zudem ist es eine aktive Handlung und nicht ein passives Erdulden. Und letztlich ist Aggression in unserer an manchen Stellen noch immer sehr männlich dominierten Welt positiver bewertet als Angst – und das gilt nicht für die Männer selbst, sondern ebenso für die Frauen.

Risikofaktoren für Ängste

Wie bei allen psychischen Problemen gibt es auch für die Entstehung von Ängsten und den Umgang damit bestimmte Risikofaktoren.

Orientierung am Außen, an Defiziten und Problemen

Wenn wir jetzt hier einmal von den genetischen Vorbedingungen absehen, handelt es sich bei Menschen, die zahlreiche Probleme im Leben haben, weil sie sich mit ihren Ängsten nicht auseinandersetzen, häufig um Menschen, die sich nicht an ihrem eigenen inneren Wert orientieren, sondern sich von außen leiten lassen. Untersuchungen haben ergeben, daß „Innengeleitete“ eigenständig nach Informationen suchen, und diese besser nutzen, um ihre Welt zu kontrollieren (Yalom, S. 188)

Nach meiner Praxiserfahrung – und die ist natürlich gefärbt – sind heutzutage in Deutschland jedoch die „Außengeleiteten“ in der Mehrzahl. Diese sind in der Regel ängstlicher, verwirrter und feindseliger und weniger bereit, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen (Yalom, S. 189). Das messe ich auch daran, daß sich die meisten Menschen bei Veränderungen lieber von einem Problem weg als zu einer Lösung hin bewegen. Und der Druck, dem sie entfliehen wollen, ist in der Regel außerhalb von ihnen produziert worden, wohingegen ein Ziel, auf das sie sich hinbewegen wollen, aus dem inneren Wollen entsteht, das eigene Potential weiterzuentwickeln.

Ob auch du zu den mehr von einem Problem weg orientierten Menschen gehörst, kannst du mit folgender Übung feststellen:

Erzähl dir selbst oder einem Freund, warum du die letzte Arbeitsstelle verlassen hast und/oder deine letzte Beziehung. Erkläre, warum die Gründe für dich von Bedeutung waren.[i] Die Auflösung steht unten und du solltest sie erst lesen, wenn du über deine Gründe gesprochen hast.

Mangelnde Analysefähigkeit

Erschwerend wirkt, wenn ein Mensch Schwierigkeiten hat, umfangreiche und komplexe Sachverhalte zu überschauen, eine Ordnung darin zu erkennen und den richtigen Ansatzpunkt für seine Veränderung zu finden. Denn das macht es nicht nur schwer, in unserer heutigen Zeit Realität von Fiktion und Nachvollziehbares von Unsinnigem zu unterscheiden. Es ist auch hinderlich bei der Suche nach den zugrunde liegenden Ängsten und den Möglichkeiten, sich zu bewegen und zu verändern.

Wenn du deine Analysefähigkeit einordnen möchtest, kann ich dir das Tool der Hochschule München empfehlen, das dein logisches, räumliches und sprachliches Vermögen, komplexe Themen zu verstehen, testet. (hier:)

Fehlende Empathie

Die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ist sehr wichtig für die Bekämpfung von Ängsten. Diese Fähigkeit ermöglicht uns, die Intentionen des Gegenüber zu verstehen und sie nicht nur aus unserem eigenen Kosmos zu interpretieren. Letzteres ist eine permanente Quelle von Mißverständnissen, Fehlinterpretationen und daraus resultierenden Auseinandersetzungen, die wiederum die Angst vor Isolation befördern. Auch hier gibt es im Internet verschiedene Testmöglichkeiten, wobei ich die folgende am überzeugendsten fand, weil sie auch korrigierende Fragen stellt. (hier:).

Übrigens sind die beiden letzten auch wesentlich dafür verantwortlich, wenn jemand Ironie oder Satire nicht erkennen kann. Hier kommt allerdings noch dazu, daß der Kontext der satirischen Darstellung bekannt sein muß und die Kenntnis der benutzten Sprache so gut ist, daß auch subtile Bedeutungsunterschiede erkannt werden.

 

Und nun?

Und wenn du jetzt denkst: „Super, die Risikofaktoren erfülle ich alle. Soll ich mich jetzt erschießen gehen?“, so kann ich dir aus der Erfahrung meiner Arbeit als Therapeutin und Coach versichern, daß sie keine unabänderlichen Hindernisse für eine Arbeit an deinen Ängsten sind. Jedoch solltest du dir dann bewußt sein, daß du besonders anfällig für Konformitätszwänge, Autoritätsglauben sowie für Polarisierungen sein könntest. Für dich gilt dann ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit und die Regel, erst einmal durchzuatmen und in Ruhe nachzudenken, ehe du dich einer Meinung anschließt.

Fazit:

Insgesamt bedeutet diese Analyse, daß wir als Gesellschaft dieses Klima, das aktuell entstanden ist, erst beseitigen können, wenn wir uns unseren Ängsten stellen. Wenn wir sie auf eine Weise vermindern, daß wir den goldenen Mittelweg finden, denn wie schon Aristoteles sagte: „Der Mann, der alles vermeidet oder fürchtet (…), ist ein Feigling; der Mann, der überhaupt nichts befürchtet und jeder Gefahr begegnet, wird tollkühn.“ Das bedeutet aus meiner Sicht vor allem, daß wir die Risiken unserer unsicheren und global voneinander abhängigen Welt erkennen und unsere eigene ganz persönliche Rolle darin verstehen und entwickeln – jenseits von Polarisierungen und Konformitätszwängen.

In der Hoffnung, daß du mal wieder erhellend fandest, was ich zu Tage gefördert habe und du das auch gerne teilst, bin ich wie immer

Deine Claudia

[i] Wenn du in deinem Bericht mehrheitlich Worte benutzt hast, die beschreiben, daß du etwas haben, bekommen, erreichen möchtest, bist du eher auf ein Ziel hin orientiert. Wenn du eher Worte benutzt hast, die sich in Bezug auf eine Vermeidung, einen Verlust, eine Ablösung beziehen, bist du vermutlich eher von einem Problem weg orientiert.